Zufriedene Kinder, entspannte Eltern –

Erziehung auf der Grundlage kindlicher Bedürfnisse (Teil 1)

Kerstin Brausewetter
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So ziemlich alle Eltern wünschen sich zufriedene Kinder. Sind die Kinder zufrieden, sind die Eltern entspannt. Bei zufriedenen Kindern denkt man z.B. an gesunde Kinder, die über eine Wiese tollen, gerne mit ihren Freunden zusammen sind, die mit mäßigem Aufwand erfolgreich in der Schule sind und abends schnell einschlafen. Dieses Bild von Familie kennen wir auch aus der Werbung: lachende Familienmitglieder, die gemeinsam Spaß haben.

Und dagegen die Realität zu Hause: anstrengende Kinder und erschöpfte Eltern. Sind die zufriedenen Kinder mit den entspannten Eltern nur ein Traumbild aus der Werbung? Nein, nicht nur!

Bedürfnisse der Kinder und der Eltern berücksichtigen

Diverse Autoren haben sich damit beschäftigt, wie Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder berücksichtigen können, ohne ihre eigenen zu vernachlässigen. Das Verbindende dieser Ansätze ist, dass sie das Kind und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen.

Bedürfnispyramide nach Maslow

Alle Menschen haben bestimmte Grundbedürfnisse. Ihre Befriedigung ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen in unserem Kulturkreis ihre Persönlichkeit entfalten können. Dies gilt in besonderem Maße für Kinder, die zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse auf die Hilfe von anderen angewiesen sind. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow (1908-1970) unterschied folgende Grundbedürfnisse, die er hierarchisch anordnete (Abb. 1):

Brausewetter Maslow

Abbildung 1: Bedürfnispyramide nach Maslow (angelehnt an Gordon & Burch 2001, 123) 

Nach seiner Auffassung können Bedürfnisse einer höheren Ebene nur befriedigt werden, wenn die Bedürfnisse der darunterliegenden Stufen bereits erfüllt sind. So kann beispielsweise ein ängstliches Kind mit unbefriedigten Bedürfnissen der Stufe II (Sicherheitsbedürfnisse) keine Freundschaften schließen (Stufe III). Sind dagegen bei einem Kind die Bedürfnisse der Stufe I und II (Physiologische und Sicherheitsbedürfnisse) erfüllt, können auch die höheren Bedürfnisebenen befriedigt werden, wie soziale Beziehungen und Freundschaften der Stufe III oder die Entwicklung neuer Hobbys auf der Stufe IV. Die Ausprägung dieser Bedürfnisse ist von Kind zu Kind verschieden und hängt vom Alter ab. Deshalb wird „nur ein individueller Umgang dem einzelnen Kind gerecht“ (Largo & Jenni 2007, 19).

Zürcher Fit-Konzept (nach Largo 2002)

Das Zürcher Fit-Konzept strebt „eine möglichst gute Übereinstimmung zwischen den individuellen Bedürfnissen und Entwicklungseinheiten des Kindes und seiner Umwelt“ (Largo 2002, 248) an. Ziel ist es, dass sich das Kind wohl fühlt und aktiv ist. Es soll erfahren, dass seine Grundbedürfnisse (Stufe I und II der Bedürfnispyramide nach Maslow) befriedigt werden. Es bekommt Zuwendung und soziale Anerkennung (Stufe III und IV) von seinen Bezugspersonen und von Gleichaltrigen. Es hat die Möglichkeit, Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die seinem Entwicklungsstand entsprechen, eigenständig zu erwerben (Stufe V). Dann entwickelt es ein gutes Selbstwertgefühl.

Die Umwelt trägt zu diesem Wohlbefinden bei, indem die Bezugspersonen die Grundbedürfnisse des Kindes befriedigen und ihm Zuwendung und soziale Anerkennung ermöglichen. Bei älteren Kindern spielen hierfür auch Gleichaltrige eine wichtige Rolle. Die Umwelt ermöglicht darüber hinaus Entwicklung und Lernen, in der Schule und in der Freizeit. Eine solche, möglichst perfekte Übereinstimmung zwischen Kind und Umwelt ist nur vorübergehend erreichbar. Wie kann sie aber näherungsweise gelingen?

Grundzüge einer Erziehung auf der Grundlage kindlicher Bedürfnisse

Folgende Grundsätze führen zum Ziel:

Grundvertrauen in das Kind haben (Gerber & Johnson 2002)
Grundvertrauen bedeutet, auf die Kompetenzen des Kindes zu vertrauen und seine Authentizität zu unterstützen. Es heißt, „darauf zu vertrauen“ (ebd., 21), dass das Kind lernt, was es wissen muss.

Eine vorbereitete Umgebung (Gerber & Johnson 2002)
Gerade bei jüngeren Kindern sollte die Umgebung soll kognitiv anregend sein mit „einfache[n], altersgemäße[n] Spielsachen“ (ebd., 22). Bereiten Sie die Umgebung so vor, dass das Kind alleine auf Entdeckungsreise gehen kann, ohne sich zu gefährden. Sie unterstützen so sein Neugier- und Erkundungsverhalten und müssen nicht ständig nachschauen, womit Ihr Kind sich gerade beschäftigt. Sie können sich in Ruhe zurücklehnen und entspannen.

Spielen nicht unterbrechen (Gerber & Johnson 2002)
Kinder können sehr gut allein spielen. Wir brauchen es ihnen nicht beizubringen. Lassen Sie Ihr Kind in Ruhe spielen, ohne sein Spiel zu unterbrechen.

Mithilfe ermöglichen (Gerber & Johnson 2002)
Kinder wollen mitmachen bei den Beschäftigungen der Erwachsenen. Ermutigen Sie Ihr Kind, aktiv an Ihren Tätigkeiten teilzunehmen. Das Buch „Kinder fördern im Alltag“ (Kunze & Salamander 2002) gibt dazu vielfältige Anregungen.

Regeln und Grenzen (Gerber & Johnson 2002)
Die Eltern setzen die Grenzen (ebd.). „Eine Regel ist immer eine Regel. Wenn ein Kind das weiß, fühlt es sich sicher“ (ebd., 24). Wichtig ist, dass das „Kind weiß, was man von ihm erwartet. Zuverlässige Gewohnheiten führen zu einer Art Disziplin, ohne Macht einsetzen zu müssen.“ (ebd.).

Fazit

Wenn wir diese Grundsätze beachten, sind unsere Kinder oft zufrieden und wir können selbst entspannt bleiben oder werden. Damit kommen wir dem Bild aus der Werbung mit lachenden Familienmitgliedern, die gemeinsam Spaß haben, immer öfter recht nahe!

Literatur

  • Gerber, M. & Johnson, A. (2002). Ein guter Start ins Leben: Ein Leitfaden für die erste Zeit mit Ihrem Baby. Emmendingen: Mit Kindern wachsen.
  • Gordon, T. & Burch, N. (2001). Die neue Beziehungskonferenz: Effektive Konfliktbewältigung in Familie und Beruf. München: Heyne.
  • Kunze, P. & Salamander, C. (2002). Kinder fördern im Alltag. München: Gräfe und Unzer.
  • Largo, R. H. (2002). Kinderjahre: Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung (6. Auflage). München: Piper.
  • Largo, R. H. & Jenni, O. G. (2007). Das Zürcher Fit-Konzept: Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. Psychiatrie, 1, 19-26. Verfügbar unter.

Autorin

  • Kerstin Brausewetter
  • Inhaberin von Lernen mit Brausewetter
  • Arbeitsschwerpunkte: Elternbildung, Frühkindliches naturwissenschaftliches Lernen, Hochbegabung und inklusives Lernen, Sprachanimation und Naturwissenschaften
  • Publikationen: hier

Kontakt

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Erstellt am 28. Oktober 2014, zuletzt geändert am 7. November 2014