Übermäßiges Verwöhnen und Beschützen schadet Kindern

Beate Weymann

Man tut seinen Kindern keinen Gefallen, wenn man ihnen alle Steine aus dem Weg räumt. Schon von Anfang an sollten Grenzen gezogen werden, d.h. nicht jedem Wunsch kann und darf entsprochen werden. Kinder finden sich im Leben viel besser zurecht, wenn sie gelernt haben, dass auch die Bedürfnisse von anderen eine Rolle spielen. Es lohnt sich, seinem Nachwuchs vor Augen zu führen, dass weniger (z.B. Spielzeug) mehr ist. Kindern sollte zugetraut werden, kleine Schwierigkeiten und Streitereien selbst lösen zu können. Das alte Motto: Aus Fehlern lernt man, hat noch nicht ausgedient. Aus dem Grunde sei nochmal darauf verwiesen, dass Kinder Fehler machen dürfen (und auch ein Sinn, nämlich u.a. Frustrationen aushalten zu lernen, dahinter steckt).

Liest man seinen Kindern jeden Wunsch von der Nase ab, werden Prinzen und Prinzessinnen erzogen, und man hat viel dafür getan, lebensuntüchtige und undisziplinierte, realitätsfremde Wesen aufgezogen zu haben. Das Leben wird sie eines Besseren belehren. Und das wird unumstößlich so erfolgen.

Beispiel: Später werden sie nicht den Arbeitsplatz erhalten, den sie sich wünschen, denn sie meinen ja ein Anrecht darauf zu haben und strengen sich infolgedessen gar nicht erst an. Sobald ein Freund ihnen nicht das schenkt, was sie sich vorstellen (starke Aufmerksamkeit z.B.), sind sie beleidigt. Sie gehen davon aus, alles im Leben zu bekommen und zu erhalten. Was ist, wenn das Leben etwas anderes für sie parat hält?

Was hat es für einen Sinn, einem Kind soviel Spielzeug zu kaufen, dass es selbst keinen Überblick mehr darüber hat? Viel Spielzeug bedeutet viel aufräumen, was nicht unbedingt eine Lieblingsbeschäftigung sein dürfte. Man kann öfter das Phänomen beobachten, dass ein Kind sich von der Menge regelrecht erschlagen fühlt und beim besten Willen selbst nicht weiß, welche Puppe es z.B. denn nun zum Spielen nehmen soll. Psychologen sprechen davon, dass sich ein Zuviel als Ballast für die Seele entpuppt.

Es sollte nicht der Fehler gemacht werden, aus schlechtem Gewissen heraus (weil man zuwenig Zeit hat, sich nicht genug dem Kind zuwendet oder nur über ein geringes finanzielles Polster verfügt), dem Kind alles und jedes zu kaufen, was es sich wünscht. Es ist zu beobachten, dass in diesem Falle die Ansprüche des Kindes kontinuierlich ansteigen.

Sagen die Eltern dann tatsächlich einmal “Nein” , so ist das Kind erst verwundert (dieses Wort hörte es fast noch nie) und dann beleidigt. “Das kann doch nicht sein, dass ich dieses oder jenes nicht bekomme!” Mit Enttäuschungen hat es keine Erfahrung. Aus diesem Grunde wird es fortgesetzt meckern, wütend werden und nicht nachlassen. Das Verständnis, dass nicht alles erfüllt werden kann, fehlt gänzlich. Eine angemessene Frustrationstoleranz ist nicht aufgebaut wurden. Frust tauchte ja auch nie auf, aufgrund dessen man gezwungen worden wäre, sich damit zu arrangieren. Teilweise sieht man dann ein total niedergeschlagenes Kind.

Ein verwöhnter Sprössling ist es gewöhnt, immer den Mittelpunkt darzustellen. Alles dreht sich um dieses Kind. Eine Beschäftigung findet nur mit sich selbst statt. Für andere Menschen und ihre Bedürfnisse ist da kein Platz mehr. Solange einem Kind alles in den Schoß fällt, braucht es sich nicht anstrengen. Es hat nie gelernt, mit eigenen Bemühungen sich seine Bedürfnisse zu erfüllen. Ferner ist das Aufschiebenkönnen von Wünschen nicht geübt wurden.

Man hat festgestellt, dass jeder dritte Fastfood- Restaurant- Besuch auf das Bitten eines Kindes zurückzuführen ist. Einunddreißig Prozent der Einkäufe von Bekleidung gehen ebenfalls auf das Konto eines Kindes. In einer Untersuchung zeigte sich, dass nur zweiunddreißig Prozent der Eltern nicht auf das Drängeln der Kinder reagieren und dieses waren finanziell gut ausgestattete Mütter und Väter! Zwei Drittel aller Eltern tendiert demnach dahin, andere unterversorgte Grundbedürfnisse ihrer Töchter und Söhne auf materielle Art und Weise zum Ausgleich zu bringen. Leider wird von Jugendlichen die Marke als viel wichtiger eingeschätzt als die Qualität der Ware. Deshalb neigen sie dazu, für solche Dinge sehr viel Geld zu opfern. Hieran erkennt man, dass der eigene Wert maßgeblich davon abhängt, die richtige Marke zu tragen. Äußere Werte werden überbewertet und gleichzeitig innere Werte sträflich vernachlässigt. Dass der Schein mehr zählt als das Sein ist auch an der verstärkten Hinwendung zu Statussymbolen wie Handys, Waffen, Piercing, Tattooing etc. festzumachen.

Überbehütung von Kindern

Die Überbehütung von Kindern ist heutzutage schon sehr häufig anzutreffen. Hierbei passen die Eltern ständig auf die Kinder auf und wollen sie v.a. Möglichem schützen. Motto: Das Kind könnte ja fallen, sich schneiden etc.

Etwas Unrealistisches in diesem Ansatz kann nicht geleugnet werden. Schließlich sind Eltern nicht permanent anwesend und es gehört wohl zum Leben dazu, sich mal weh zu tun, sich zu verletzen und in ein Fettnäpfchen zu treten. Greifen Eltern vorzeitig in brenzlige Situationen ein, so lernen Kinder nicht, mit Gefahren umzugehen. Es ist vorteilhaft, wenn Kinder Konflikte unter sich austragen. Solange nicht mit scharfen Gegenständen wie Messer, Steinen u.ä. dabei hantiert wird, sollte man die Kinder ruhig erst einmal sich selbst überlassen.

Verbietet man ihnen zuviel, so erlernen sie gewisse Fähigkeiten nicht, z.B. sich zu streiten oder sich durchzusetzen. Ist zuviel verboten ( “du darfst noch nicht ohne Stützräder fahren; du kannst noch nicht Tee kochen, du darfst nicht Fenster putzen, du kannst noch nicht mit dem Computer umgehen” , usw.), dann werden sie u.U. unnötig in ihrer Entwicklung behindert. Es bleibt hier abzuwägen, was schon gewagt werden sollte und was nicht. Natürlich kann man Kindern nicht etwas erlauben, womit sie offensichtlich überfordert wären. Die Tendenz des Überbehütens liegt aber gerade darin, dass Dinge verboten werden, die das Kind im Grunde leisten könnte.

Wenn man Kinder danach fragt, wie ihnen Kameraden gefallen, die alles tun, was sie wollen (quasi keine Grenze setzen), so werden sie dieses antworten: Langweilig ist der; mit dem kann man sich nicht streiten; ich bin mächtiger als er (kein gleichberechtigter Partner); man weiß nicht, was ihm wirklich gefällt oder nicht gefällt; man lernt ihn nicht richtig einschätzen; ich kann ihn nicht ernst nehmen, weil er es sich auch gefallen lassen würde, wenn ich ihn schlagen würde u.ä..; ich muss immer der Boss sein und sagen, was wir spielen wollen, was anstrengend auf die Dauer ist; er tut so wehrlos – ich muss aufpassen, dass ich das nicht ausnutze (ihn unabsichtlich verletze, da er mir das nicht deutlich macht).
 

Zusammenfassung

Man tut seinen Kindern keinen Gefallen, wenn man ihnen alle Steine aus dem Weg räumt. Schon von Anfang an sollten Grenzen gezogen werden, d.h. nicht jedem Wunsch kann und darf entsprochen werden. Kinder finden sich im Leben viel besser zurecht, wenn sie gelernt haben, dass auch die Bedürfnisse von anderen eine Rolle spielen. Es lohnt sich, seinem Nachwuchs vor Augen zu führen, dass weniger (z.B. Spielzeug) mehr ist. Kindern sollte zugetraut werden, kleine Schwierigkeiten und Streitereien selbst lösen zu können. Das alte Motto: Aus Fehlern lernt man, hat noch nicht ausgedient. Aus dem Grunde sei nochmal darauf verwiesen, dass Kinder Fehler machen dürfen (und auch ein Sinn, nämlich u.a. Frustrationen aushalten zu lernen, dahinter steckt).
 

Literatur

  • Prof. Dr. Peter Struck: Erziehung für das Leben, Südwest Verlag, München 2001
  • Knaurs großer Erziehungsratgeber, Weltbild, Augsburg, 2002
  • Cornelia Nitsch, Cornelia von Schelling: Kindern Grenzen setzen, Mosaik- Verlag, 2001
  • Margot Käßmann: Erziehen als Herausforderung, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2001
  • Annemarie Pfeifer: Erziehen mit Liebe und Konsequenz, Oncken Verlag, Wuppertal u. Kassel, 2000
  • Andrea Ernst, Vera Herbst: Kursbuch Kinder, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993
  • Steve Biddulph: Das Geheimnis glücklicher Kinder, Rheda- Wiedenbrück, Bertelsmann Club 1994
  • Beate Weymann-Reichardt: Kindern klare Grenzen setzen, Südwest-Verlag, München 2003
     

Autorin

Beate Weymann, Diplom-Sozialpädagogin
Angestellte des Landes Niedersachsen
Schulstr. 2
D – 37586 Dassel
 

Erstellt am 11. März 2003, zuletzt geändert am 15. März 2010