Perfektion: das falsche Ziel für Eltern

Elke Leger
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Die Ansprüche sind oft hoch, an uns selbst und an unsere Kinder. Doch wir müssen nicht alles immer und überall im Griff haben.

“Himmeldonnerwetter noch mal! Ruhe jetzt!” Die Stimme der Mutter ist in Quietsch-Höhe gelangt, die Zimmertür knallt zu. Endlich Ruhe im Kinderzimmer. Still wie die Mäuschen sind die beiden Streithähne. Aber Mutter ist mit diesem Augenblicks-Erfolg gar nicht zufrieden. Wieder hat sie sich hinreißen lassen zu einem Wutanfall! Vollkommen unpädagogisch, so ein Verhalten. Liegt es an ihr, dass die Kinder wie Hund und Katz aufeinander losgehen? Hätte sie sich nicht beherrschen müssen, um ihren Kindern ein gutes Vorbild zu sein?

So gern wären wir perfekte Eltern. Die Reklame-Mutter im Fernsehen macht es uns vor: Milde lächelt sie, wenn die Kinder ihre Sachen einferkeln. Es gibt ja Blitzweiß, den Flecken-Killer. Wir erinnern uns an den Vater im anderen Spot, den eine Fünf in Mathe oder ein Anruf der Lehrers kalt lässt und der sich nervenschonend lieber mit seinem Kaffee beschäftigt als den Filius anzuraunzen. Nein, so sind wir nicht. Wir regen uns über ein schmutziges T-Shirt auf, und schlechte Schulnoten lassen uns an unserer didaktischen Kompetenz zweifeln. Erziehungsratgeber haben wir gelesen, noch und noch, aber im Krisenfall rasten wir aus. Zweifel an unserer erzieherischen Befähigung schleicht sich in unser Selbstwertgefühl.

Emotionen sind menschlich

Es ist richtig, dass wir unser Verhalten den Kindern gegenüber immer wieder reflektieren und hinterfragen. Der Anspruch, perfekt zu sein, ist allerdings unerreichbar und auch gar nicht wünschenswert. Der Begriff “Perfektion” passt zu einer Maschine, aber nicht zu einem Menschen. Ein Mensch hat Ecken und Kanten, ist fehlbar und unterschiedlich gelaunt, egal, ob er fünf oder fünfunddreißig oder fünfundsechzig Jahre alt ist. In der kleinen sozialen Gemeinschaft, der Familie, treffen all die Macken und Unzulänglichkeiten aufeinander, die nur allzu menschlich sind, und hier erleben sie auch ihre Bewährungsprobe. Wenn all die kleinen Fehler sein dürfen, ohne dass die Familie daran Schaden nimmt, ist das ein Zeichen für eine funktionierende Gemeinschaft. In einer solchen Familie herrscht Toleranz und Dynamik. Eine solche Familiengemeinschaft bietet die Möglichkeit, aneinander zu wachsen, Rücksichtnahme zu üben und gleichzeitig für die eigenen Interessen zu streiten.

Anne zum Beispiel kann es nicht leiden, wenn jemand ihre Bücher durcheinanderbringt. Dann meckert und schimpft sie, dass man es durchs ganze Haus hört. Sie schnauzt ihre Kinder an und ihren Mann gleich dazu, denn Bücher sind ihr Hobby, und sie denkt gar nicht daran, sich in diesem Punkt unterzuordnen. Ihre Familie weiß um diese Empfindlichkeit, und alle ziehen schuldbewusst die Köpfe ein, wenn mal wieder der Bildband über Florenz neben der Goethe-Gesamtausgabe steht anstatt neben dem Venedig-Führer. Schaden nimmt an solchen berechenbaren Ausbrüchen niemand.

Wie langweilig wären dagegen “perfekte” Menschen! Eltern, die immer lächeln und Ausgeglichenheit ausstrahlen, immer rational und pädagogisch optimal handeln. Und das Pendant: Kinder, die das Wort Nein nicht kennen, die durchgehend brav und pflegeleicht sind und ihren Eltern aufs Wort gehorchen. Wie kalt wäre ein solches Familienleben. Wie leblos und lieblos. Emotionen würzen das Familienleben. Wenn die Fetzen geflogen sind, weil der eine den andern mal wieder zur Weißglut gebracht hat, dann fließt bei der Versöhnung das Herz über.

Zu hohe Ansprüche

Warum haben wir so große Angst, etwas falsch zu machen? Warum sind unsere Ansprüche an uns selbst so hoch? Vielleicht, weil wir in einer Welt des machbaren Glücks und des schönen Scheins leben. Ratgeber-Bücher versprechen die schnelle Lösung aller Probleme, aus den Zeitschriften und vom Bildschirm lächeln uns gut gelaunte Menschen entgegen, die alles prima im Griff zu haben scheinen. Wir selbst stehen offenbar allein da mit all unseren Sorgen und Unzulänglichkeiten.

Besonders hoch ist der Leistungsdruck bei allein Erziehenden. Ganz sicher wollen sie gehen, dass es ihrem Kind an nichts fehlt, denn schließlich kann es nichts dafür, dass es nur mit einem Elternteil zusammen sein kann. Also schuften diese Väter und vor allem Mütter (85 Prozent der allein Erziehenden sind Frauen) für zwei, wollen alles ganz besonders gut machen und dem Kind den fehlenden Elternteil ersetzen. Ständig begleitet vom schlechten Gewissen, das Kind könnte Schaden nehmen durch mangelnde Zuwendung, zu wenig gemeinsam verbrachte Zeit oder materielle Einschränkungen. Aktuelle Forschungsberichte hingegen belegen, dass die meisten Kinder allein Erziehender weniger Defizite verspüren als befürchtet: So meint etwa der Tübinger Kinderpsychiater Professor Dr. Reinhart Lempp, für das Kind sei weniger die Familienform von Bedeutung, in der es aufwächst, als vielmehr “der Inhalt, also das Klima, das in der Familie unabhängig von ihrer Vollständigkeit oder Unvollständigkeit, unabhängig von ihrer” Normalität “herrscht.”

Das, was ihnen fehlt, holen sich Kinder, die mit einem Elternteil aufwachsen, oft außerhalb des Elternhauses: Tanten und Onkel, Großeltern oder die nette Nachbarin sind ganz hervorragende Zusatz-Eltern. Übrigens nicht nur für die Kinder allein Erziehender.
Wenn Kinder nicht versagen dürfen

Eltern, die in sich den Zwang zur Perfektion verspüren, fordern oft einen hohen Preis von ihren Kindern: Auch sie sollen perfekt sein. Und da beginnt es gefährlich zu werden. Ein Kind, das ausschließlich gute Schulnoten nach Hause bringen darf, das weder in der Schule noch im Sport noch am Klavier versagen darf, ist grenzenlos überfordert. Es wird funktionalisiert als Lebenserfüllung seiner Eltern. Und später, wenn es endlich seinen eigenen Weg gefunden hat, der den Erwartungen seiner Eltern vielleicht nicht zusagt, heißt es dann: “Wir haben doch alles für dich getan …” . Ein grausamer Satz, der so klingt, als fordere jemand die Zinsen ein für ein Darlehen, das er auf einige Jahre gewährt hat. Wie viel angenehmer wäre doch ein solches Resümee: “Wir konnten nicht alles für dich tun, was wir hätten tun wollen. Wir haben uns bemüht, dir eine gute Kindheit zu geben, aber wir sind oft an unsere Grenzen gestoßen. Wir mussten uns oft über dich ärgern und auch über uns selbst. Aber wir haben dich sehr lieb, genau so wie du bist.”

Kinder brauchen keine Eltern, die “alles für sie tun” . Sie brauchen Eltern, die für sie da sind, wenn sie sie brauchen. Die Verständnis zeigen und gleichzeitig Halt und Orientierung im Leben geben. Die ihnen dort Grenzen setzen, wo sie es brauchen und an anderer Stelle Grenzen einreißen, wenn sie beengen. Dazu ein warmherziger, unverkrampfter Umgang miteinander, Toleranz den anderen und auch sich selbst gegenüber – das ist eigentlich genug.

Autorin

Elke Leger, Psychologin, Journalistin, Buchautorin, Mutter von zwei Kindern, viele Jahre Redakteurin einer Familienzeitschrift.

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Elke Leger
Journalistin – Autorin – Psychologin
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Erstellt am 29. Januar 2003, zuletzt geändert am 6. August 2014