Mein Kind spielt am liebsten mit Waffen und Panzern

Beate Weymann

Kann ich es durchgehen lassen, dass mein Kind mit Waffen spielt? Ist das normal oder deutet das auf eine erhöhte Aggressivität hin? Haben andere Eltern auch Probleme damit? Nützen Verbote? Was kann ich tun, damit mein Kind nicht meint, Probleme seien mit Waffen oder Gewalt zu lösen?

Weshalb üben Waffen so eine Faszination aus?

Es ist kein Geheimnis, dass beim Spielzeug der Geschmack der Kinder und der ihrer Eltern teilweise sehr unterschiedlich ausfällt. Speziell dieses Thema ist wie ein Pulverfass. Früher oder später werden die Eltern hier enttäuscht: Auch ihr Knabe zeigt Interesse an Waffen! Kriegsspielzeug wird v.a. von Knaben (auch heute noch) gewünscht. Viele Eltern bekommen Bauchschmerzen, wenn sie derartiges Spielzeug den Kindern kaufen, schließlich zähneknirschend nachgeben. Untersuchungen zeigen, dass in jedem 2. Haushalt mit Kindern Waffen auffindbar sind. Und das, obwohl die meisten Eltern Kriegsspielzeug ablehnen!

An der Universität Graz stellte man in einer Sprachuntersuchung fest, dass Mädchen sich in militärischen Dingen nicht so gut auskennen wie Jungen. 60 Kindern wurde das Bild eines Panzers vorgelegt. Bei den 7-jährigen waren 19 Jungen in der Lage, die richtige Bezeichnung zu sagen, bei den Mädchen dagegen nur 8. Der Offenbacher Psychologe Christian Büttner konnte beobachten, dass sich Jungen bei Kriegsspielen eher die Rolle des Angreifers, Mädchen eher die Rolle der Verteidigerin aussuchen.

Es gibt aber eine einfache Erklärung dafür, weshalb sich Kinder Gewehre, Revolver und Panzer wünschen. Sie möchten das besitzen, womit die Freunde im Kindergarten, in der Schule, im Sportverein usw. spielen. Die Werbung im Fernsehen, in Spielzeugheften beeinflusst sie maßgeblich. Natürlich lockt auch das, was sie in Schaufenstern erblicken.

Man muss sich vor Augen halten, dass Kinder alles nachahmen, was sie zu sehen bekommen. Und hier lässt sich nicht leugnen, dass Waffen, Krieg und Gewalt in Nachrichten und Spielfilmen im Fernsehen präsent sind. Diese Erfahrungen verarbeiten sie oft in Spielen. Auf jedem Kostümfest gibt es Polizisten, Cowboys, Ritter, Räuber, Piraten usw., die mit Waffen ausgestattet sind.

Im Übrigen brauchen Kinder nicht unbedingt Spielzeugwaffen, um Krieg und Schießereien zu spielen. Die Kinder benutzen harmlose Dinge wie Kochlöffel, Legosteine etc. als Waffen! Das Problem taucht schon dann auf, wenn Dreijährige einen Gummistiefel, eine Banane oder sonst etwas als Waffe zweckentfremden. Selbst der Zeigefinger kann noch als Pistole verwendet werden!! Kinder sind in der Lage, alles Mögliche in einem Spielzeug sehen. Ihre Phantasie beflügelt sie reichhaltig. Sogar mit einer niedlichen Puppe kann man etwas Grausames (böse Hexe, Menschenfresserin usw.) spielen. Auf der anderen Seite spielen sie mit Monstern den ganz normalen Alltag nach (aufstehen, essen, spielen, arbeiten, leben, sterben, wütend sein, fröhlich sein, schlafen, etc.).

Gewehre, Pistolen, Schwerter und Messer verleihen Gefühle der Macht und Stärke, verdecken das Gefühl der Unzulänglichkeit. Mit den Waffen werden sie in die Lage versetzt, sich gegen imaginäre Angreifer aus dem All z.B. zu verteidigen. Für Kinder sind Waffen deswegen so bedeutend, weil sie irgendwann merken, was man mit einer Waffe erreichen kann: Spielkameraden fallen zu Boden und Erwachsene zeigen heftige, ablehnende Reaktionen (oder reagieren wie die Spielkameraden). Es lässt sich doch nachvollziehen, wie toll es für ein Kind sein muss, plötzlich über so viel Macht zu verfügen. Für 4- oder 5-jährige Kinder stellt das einen normalen Schritt in der kindlichen Entwicklung dar.

Psychologen sehen es als normal an, dass Kinder Waffen ausprobieren. Schließlich lässt sich so das Angreifen und das Verteidigen praktizieren, und das ohne dem anderen körperlich näher gekommen zu sein. Beim Indianer- und Cowboy- Spiel z.B. weiß jeder, wie er sich in welcher Situation zu verhalten hat. Schießt sein Mitspieler auf ihn, so hat er gefälligst umzufallen. Kinder sind in der Lage, zwischen Realität und Spiel zu unterscheiden.

Hiermit haben Erwachsene aber Probleme. Bei ihnen dominiert die Verknüpfung: Waffen = Krieg, Not, Tod usw.

Wenn das Kind eine Vorliebe für Waffen und Panzer u.ä. zeigt, braucht man darüber nicht verzweifeln. Wichtig ist nur, dass die Kinder mit möglichst unterschiedlichen Materialien in Berührung kommen. Plastik ist in dem Zusammenhang nicht weniger interessant als unbehandeltes Holz. Es ist sinnvoll, dem Kind viele Anregungen zu liefern: Vorlesen, Bastelvorschläge, Sport (Fußball, Schwimmen, etc.), Gesellschaftsspiele, Musikschule, Naturerkundung und ?beobachtung, Malbücher usw. Jeder wird etwas Passendes finden. Man darf aber nicht den Fehler machen, den Kindern jeden Tag ein volles Programm aufzuzwingen. Der Sinn hierbei liegt darin, dass es von den Kriegsspielen abgelenkt und auf der anderen Seite Alternativen entdecken kann.
 

Welche Gefahren liegen bei Spielzeugwaffen?

Ob Spielzeugwaffen Kindern langfristig zweifelsfrei Schaden zufügen, kann noch nicht abschließend beurteilt werden. Fest steht jedoch, dass Kriegsspielzeug mehr als anderes Spielzeug gewaltorientierte Handlungskonzepte fördert. Was soll ein Kind mit einer Waffe anderes anfangen als zu schießen? Die Phantasie wird einseitig in eine Richtung gelenkt. Um auf das Beispiel von oben noch einmal einzugehen: Ein Legostein ist nützlich zu vielerlei Bauten, kann als “Mahlzeit” in einem Rollenspiel dienen, als Malschablone dienen, als Waffe im schlechtesten Fall; jedenfalls gibt es hier viele Möglichkeiten. Bei Waffen kann man sich nichts anderes als das sehr Naheliegende vorstellen. Über kurz oder lang werden die Waffen wahrscheinlich langweilig werden, da der Zweck zu eindeutig definiert ist.

Experimente zeigten, dass Kinder, die mit Spielzeugwaffen hantierten, sich nur in den jeweiligen Spielsituationen aggressiver verhielten (im Vergleich zu Kindern, die ohne Waffen spielten). Mittelfristig jedoch war keine negative Verhaltensänderung festzustellen.

Ein wahrhaftiges Problem entsteht, wenn bei Kindern das Kriegsspiel sehr dominiert, sie sich immer mehr davon wünschen und auch sonst sich unsozial verhalten. Unter Umständen verletzen sie andere Kinder mit Absicht.

Zur Aggression werden Kinder letztendlich durch die reale Gewalt in ihrem Lebensumfeld erzogen, Spielzeugwaffen sind weniger gewichtig. Familien, die nur Gewalt beim Problemlösen anwenden, können nicht erwarten, dass ihre Kinder lernen, Konflikte auf andere Art und Weise (mit Worten, Verhandlungen, Kompromissen) durchzustehen. Die Gewalt und Feindseligkeit des gesamten sozialen Milieus spiegelt sich im Spielverhalten der Kinder wieder. Derartige Kinder besitzen nicht genügend “Ich- Stärke” . Außerdem sind sie nicht in der Lage, richtig zu spielen, d.h. sie trennen nicht Spiel und Realität. Ihr Alltag führt zu einem hohen Ausmaß an Aggressivität. Oder anders formuliert: Falls die Eltern miteinander und mit ihren Kindern pfleglich umgehen, hat das meistens zur Folge, dass auch die Kinder diese Umgangsweise nachahmen. Und so ist das Kriegsspiel für Psychologen ein aussagekräftiger Indikator für das Ausmaß an Angst und Aggressivität in dem jeweiligen Kind.
 

Gegenstrategien

Eltern zeigen ihre Ablehnung des Kriegsspielzeuges, indem sie keines anschaffen. Die Möglichkeit, dass das Kind mit Waffen von Freunden ausleihweise einmal spielt, besteht dann immer noch. Alternativ kann man sehr wenig dem Kind kaufen.
Freunde und Verwandte werden gebeten, als Geschenk kein Kriegsspielzeug auszuwählen.
Eltern können konsequent auftreten, indem sie nicht mit einem “bewaffnetem” Kind am Tisch sitzen, spazieren gehen usw. Eltern, die Waffen ablehnen, sollten dieses den Kindern klipp und klar deutlich machen. Motto: Waffen stellen für mich nichts Nützliches dar, ich verbinde mit ihnen ausschließlich Gewalt, Not, Grausamkeit, Sinnlosigkeit, Furcht, Trauer, Tod. Es lohnt sich, dem Kind schon früh beizubringen, dass eine Pistole etc. anderem Spielzeug nicht ebenbürtig ist.

Was man sich zu diesem Thema merken kann

  • Wenn 4- oder 5-jährige Kinder mit Kriegsspielzeug spielen, stellt das einen normalen Schritt in der kindlichen Entwicklung dar. Gewehre, Pistolen etc. verleihen Macht und Stärke, was die Kleinen genießen.
  • Spielzeugwaffen sind auch deshalb unvorteilhaft, weil der Zweck zu eindeutig definiert ist, Kreativität sich nicht entfalten kann. Gegenteil: “Pippi Langstrumpf” als Sachensucher (einfachste Haushaltsgegenständen lassen tolle Spielideen entstehen).
  • Ausschlaggebend für die Aggressivität ist die reale Gewalt in dem Lebensumfeld, nicht die Spielzeugwaffen. Kindern muss beigebracht werden, dass Konflikte ohne Gewalt zu lösen sind.
  • Gegenstrategien sind angebracht, um das Kriegsspielzeug nicht in den Mittelpunkt rücken zu lassen. Vielfältige Spielalternativen (vorlesen, lesen, Sport, Gesellschaftsspiele, etc. etc.) sollten angeboten werden.

Literatur

  • A. Ernst, V. Herbst etc.: Kursbuch Kinder, Bertelsmann Club GmbH, Gütersloh, 1993
  • D. Kraus-Prause, J. Kraus etc.: Lexikon Erziehung, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1995
  • Geo Wissen: Kindheit und Jugend, Gruner + Jahr AG & Co, Hamburg, 1995
     

Autorin

Beate Weymann
Angestellte beim Land Niedersachsen
Diplom-Sozialpädagogin
37586 Dassel
 

Erstellt am 25. Februar 2002, zuletzt geändert am 30. März 2010