Kinder brauchen Vorbilder – oder: was Erwachsene in Erziehung und Alltag stärker berücksichtigen sollten

Dr. Albert Wunsch
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Fehlen Kindern oder Jugendlichen wichtige Orientierungspunkte, geraten sie schnell in die Irre. Aber sie brauchen gerade zum Start in ein durch Eigenständigkeit und Selbstverantwortung geprägtes Leben gut umsetzbare Vorgaben. Da sich Lernen in einem sehr umfangreichen Maße durch die Übernahme von Beobachtbarem vollzieht, erhalten die Handlungen der sie umgebenden Menschen dabei eine besonders starke Bedeutung. Vorbildhaftes soll zur Übernahme anregen. Negatives soll auf den Punkt bringen, was sich nicht fürs eigene Leben eignet. Der Artikel verdeutlicht, wie wichtig diese Zusammenhänge für das Aufwachsen sind.

Wir kennen Sie alle. Besonders im Zusammenhang internationaler Flughäfen, Weltstadt-Bahnhöfen, U-Bahn-Systemen oder Congress-Centren begegnen und helfen sie uns. Es handelt sich um wichtige in die Anschauung gebrachte Botschaften per Piktogramm. Das Einsatz-Ziel dieser Symbole ist immer das Gleiche: Unabhängig von Sprachkenntnissen vermitteln sie wichtige Orientierung, indem sie Orga-Abläufe verdeutlichen, die Realisierung wichtiger Bedürfnisse erleichtern und bei Gefahren auf Fluchtwege oder Notausgänge hinweisen. So wie diese Bild-Botschaften Menschen unterschiedlichster Kulturen und Sprachen, Bildungs-Voraussetzungen oder Interessen helfen, sich in unbekanntem Terrain schnell und möglichst erfolgreich zurecht zu finden, so benötigen auch Kinder und Jugendliche vielfältige optische Hinweise beim Bestreben, die sie umgebende Welt zu erkunden.

Ob Eltern auch heute einer Schrift: „Wie bekomme ich ein folgsames Kind?“ eine große Beachtung als erziehungspraktischen Ratgeber einräumen würden, ist ungewiss. Oft genug ist jedenfalls im Umfeld von Erziehungsproblemen der stille Seufzer auszumachen, sich doch insgeheim ein folgsameres Kind zu wünschen. Würde Eltern in einer solchen Situation nahe gebracht, dass sie vom Grundsatz her sehr folgsame Töchter oder Söhne hätten, würde dies auf jeden Fall Irritation, vielleicht auch Ärger auslösen. Aber, wenn auch unter einem etwas anderen Gesichtspunkt, trifft diese Einschätzung trotzdem zu, weil unsere Kinder vom ersten Tag des Lebens an mit großer Aufmerksamkeit und all ihren Sinnen dem folgen, was um sie herum geschieht. Dabei kommt dem Sehen eine die Aufmerksamkeit anregende und lenkende Funktion zu. So eignen sie sich die Verhaltensweisen ihres Umfeldes an, ob von Vater und Mutter, Geschwistern oder anderen Bezugspersonen und entwickeln Reaktionsmuster als Antwort auf die unterschiedlichsten Alltagssituationen. Werden also bestimmte Äußerungs-Gepflogenheiten bzw. Verhaltensdefizite als störend oder untragbar erlebt, entwickelten sich diese in der Regel – je jünger die Kinder umso zutreffender – im eigenen Umfeld zu einer mehr oder weniger großen Blüte. Schon alleine deshalb ist es äußerst sinnvoll, die auf Kinder und Jugendliche einwirkenden visuellen oder sprachlichen Bilder, Umgangstile und Verhaltensweisen – kurz, die durch die Sinne erfahrbare Welt – einem Tauglichkeits-Test zu unterziehen, um so die positiven bzw. negativen Folgen besser einschätzen zu können.

Ein seit Generationen bekannter, wenn auch kräftig in die Jahre gekommener ‚Erziehungs-Ratgeber’ im Sinne eines Lernens am Vorbild ist „Der Struwwelpeter“. Das Konzept basierte in einer Mischung aus Erfolgshoffnung und Erfahrung auf der als prägend betrachteten Abschreckung-Kraft. Diese Botschaft lautete schlicht und eindeutig: Bringe Kinder auf möglichst anschauliche Weise nahe, was im Leben nicht erwünscht ist, ob Ungehorsam, Nahrungsverweigerung oder Unachtsamkeit, und sie werden sich schnell an die verschiedenen elterlichen oder gesellschaftlichen Erwartungen anpassen. Auch die Einführung in die Welt der Streiche von „Max und Moritz“ orientiert sich – wenn auch etwas lustiger – an der Zielsetzung, durch das Aufzeigen der Konsequenzen unüberlegten oder schädigenden Verhaltens, Kinder auf den richtigen Kurs für ein förderliches und verantwortungsvolles Miteinander zu bringen. Dieser Ansatz ist heute aus den unterschiedlichsten Gründen anzufragen, da es sinnvoller ist, Kindern und Jugendlichen positive Vorgaben zu machen.

Um diesem Erziehungsverständnis eine Chance zu geben ins Bewusstsein zu gelangen, muss aber Positives bzw. Negatives als solches bewertet werden. Mag eine Rückmeldung bei sozial erwünschtem Verhalten auch noch häufig erfolgen, so mangelt es bei zu vielen Erwachsenen an Mut und Eindeutigkeit, Negatives oder Schädliches auch unmissverständlich als solches zu bezeichnen. Denn wenn nicht erkennbar und unterscheidbar ist, was förderlich bzw. störend für das Leben von Einzelnen oder Gemeinschaften ist, wird alles schnell gleich-gültig. Um diese Positionierung jedoch von nach Jahren erwachsenen Menschen erwarten zu können, wird nicht nur eine kräftige Portion personaler Stärke und Authentizität sondern auch innerhalb der Gesellschaft ein tragfähiger Wertekonsens benötigt. Demnach sind nicht nur Kinder, sondern auch Eltern, Erzieher, Lehrer, Chefs und Politiker, kurz Alle auf ethische Vorgaben und normierende Rahmenkriterien angewiesen, um in Verantwortung gegenüber sich selbst, seinen Mitmenschen und der uns Lebensraum gewährenden Umwelt zu Handeln. In diesem Sinne sind Vorbilder ein Angebot komprimierter Lebenserfahrung, welche in Entscheidungssituationen als erprobte und tragfähige Handlungsmuster zur Übernahme einladen. Sie werden durch einzelne Personen, Traditionen, Umgangsstile, Märchen bzw. Sinn-Geschichten oder durch den Volksmund im Leben wach gehalten. Und je häufiger und eindeutiger diese richtungsweisenden – ins Wort oder Bild gebrachten – positiven Vor-Gaben im Lebensalltag von Kindern deutlich werden, desto prägender wird die Wirkung für unsere Kinder und Jugendliche sein.

1. Vorbilder im Sinne neurophysiologischer Lern-Stimulation

„Leben heißt, Probleme lösen!“ Auch wenn diese aus Zentralafrika übernommene Redewendung manchem Zeitgenossen vielleicht etwas zu pessimistisch erscheinen mag, wer nicht von Kindesbeinen an lernt, sich im Leben möglichst gekonnt zurecht zu finden, wird später häufiger in selbst verursachte Krisen hineingeraten, als ihm oder ihr lieb ist. Effektives Lernen hätte sich demnach daran zu orientieren, so wenig wie möglich Probleme entstehen zu lassen, um somit alle verfügbare Kraft und Kreativität möglichst effektiv zur Bewältigung der mehr oder weniger einplanbaren Herausforderungen des Lebens einbringen zu können. Ein äußerst intaktes Gehirn, ein guter Erfahrungsschatz im Umgang mit Krisen, Problemen oder anderer belastenden Situationen sowie eine kräftige Portion Lebensmut sind dafür unabdingbar.

„Das Leben der Eltern ist das Buch, aus dem Kinder lesen“ (Augustinus). Wachsen Neugeborene ohne die notwendigen oder durch zu viele ungute Reaktions-Anreize heran, wird eine altersgemäße Gehirnentwicklung entsprechend beeinträchtigt. Sind diese An-Regungen zu einseitig oder fehlt es an Kontinuität, werden anstelle von gedanklicher oder körperlicher Regsamkeit die Inaktivität gefördert. Ob akustische, optische bzw. haptische Signale, Wärme und Kälte, Körperkontakte, das Spüren von Emotionen, die Geschmacks- und Geruchsentwicklung, kurz: alle Sinne benötigen zu ihrer Entwicklung eine kontinuierliche Förderung. Der aus dem Volksmund stammende Satz: „Sich regen bringt Segen!“ erhält in diesem Zusammenhang eine neue Aktualität. Zur Berücksichtigung dieses Grundsatzes hier eine Unterscheidung:

Vorgaben, welche direkt die Sinne aktivieren bzw. zur Nachahmung anregen

  • Darüber hinausgehend eignen sich Kinder durch die Erfahrungsfelder‚ Forschung, Handhabungserprobung und Nachahmung immer umfangreicher die sie umgebende dingliche Welt an. Ob Tastgegenstände, Bausteine, Kochlöffel, Bälle, Puppen, Klanginstrument, Küchenschubladen, Treppen, Spiegel oder Gardinen, all diese Dinge faszinieren Kinder in der Regel so intensiv, dass sie zur eigenständigen Entdeckung im Umgang anregen. Werden sie in Aktion erlebt, erfahren Forscherverhalten und Nachahmungstrieb einen gewaltigen Schub. Mal geht der Aktivitätsdrang stärker vom Gegenstand aus, mal entwickelt er sich als Kopierversuch des Verhaltens von wichtigen Bezugspersonen. Bringt der Vater einen Ball zum Rollen, wird bald der Versuch gestartet, ebenfalls diese Bewegung einzuleiten. Singt die Mutter regelmäßig zum Auftakt zur Nachtruhe ein Schlaflied, wird das Kind bald versuchen, sich in diese Melodie mit eigenen Eingaben einzubringen. Liest der Großvater den Enkeln häufig Geschichten vor, wird so das Interesse für ein eigenständiges Erkunden von Büchern grundgelegt. Reagiert die größere Schwester in barscher Form auf störende Attacken des kleinen Bruders, dauert es nicht lange, bis ähnliche Töne und Gesten von ihm zum Ausdruck gebracht werden, wenn dieser sich gestört fühlt. Das Muster lässt sich so umreißen: ‚Nur wer in Bewegung bleibt, kann etwas bewegen’. Mit anderen Worten: Sport ermöglicht nicht nur ein Training der Gliedmaßen, sondern erhöht gleichzeitig die Leistungsfähigkeit in den Bereichen Mathematik oder Sprache! Reiten kann intellektuelle Lernblockaden lösen. Das Spielen von Musikinstrumenten erhöht die Reaktionsgeschwindigkeit im Lern-Quiz. Auf diesem Hintergrund erhalten Pedalos, Stelzen, Trampolin, Schwebebalken, Inliner oder Fahrräder eine weit über die Förderung von körperlichem Geschick hinausgehende Bedeutung. Die Lernmethoden in sogenannten unterentwickelten Kulturen berücksichtigen diese uns erst seit einigen Jahren vorliegende Erkenntnisse der modernen Hirnforschung schon seit vielen Generationen, ohne sie überhaupt zu kennen. Denn in diesen Stammesgemeinschaften ist es ein fester Bestandteil der Einführung des Nachwuchses in die Welt der Erwachsenen, Lernen als Gemisch aus Gesang, Bewegung und sprachlicher Information zu organisieren. Spielerisch und gleichzeitig äußerst effizient werden Kinder so als Ganzheit von “Kopf, Herz und Hand“ angesprochen, wie dies auch schon vor über 100 Jahren von Pestalozzi und Fröbel gefordert wurde.
  • Unabhängig von der unmittelbaren lebenspraktischen Bedeutung der verschiedenen Erfahrungen, werden bei all diesen – vielleicht noch so kleinen – Lernsequenzen wichtige Speichervorgänge und Schalt-Verbindungen im Gehirn vorgenommen, welche unabhängig vom Inhalt eine lebenslange Bedeutung haben. Denn Lernen ist nichts anderes als Anregung zur Aufnahme von Neuem bzw. einem möglichst schnellen Finden und Aktualisieren von schon Bekanntem. Diese Vorgänge im Gehirn werden in der Fachsprache „als neuronale Erfahrung“ beschrieben. Jeder neue Input, jede Stimulation verändert bzw. erweitert die Funktionsfähigkeit des Gehirns durch einen Ausbau der Querverbindungen bzw. Kontakte der verschiedenen Gehirnareale. Neues wird abgespeichert und gleichzeitig mit ähnlichen Vorerfahrungen verknüpft, überaltertes aktualisiert, quasi mit einem Update versehen. Dementsprechend führt auch jede Unterversorgung mit Lernanreizen bzw. Sinnes-Erfahrungen zu einer reduzierten bzw. gestörten Entwicklung. PC-Spezialisten würden von ungenutzter Netzwerkkapazität bzw. von einem Netzwerkverfall sprechen. So wird z.B. nachvollziehbar, dass ein gezieltes Bewegungs-Training nicht nur die entsprechenden Gliedmaßen in ihrer Funktionsfähigkeit fördert, sondern die dabei ausgelösten „neurophysiologischen (hirnorganische Veränderung durch Netzwerkbildung) und neuropsychologischen (hirnfunktionale Veränderung durch Verbesserung der synaptischen Leitfähigkeit)“ Prozesse eine direkte Auswirkung auf die übrige Funktionsfähigkeit des Gehirns haben.
  • Die Nähe zur Mutterbrust führt zu Such- und Saugverhalten; das Wiegen im Arm des Vaters löst Wohlbefinden aus. Ein Mobile bewegt sich, selbst wenn nur ein Detail berührt wird. Wenn Mutter „Nein!“ ruft, klingt ihre Stimme ganz anders als wenn sie sagt: „Komm her mein Schatz!“ Griesbrei schmeckt anders als Möhrensaft; bei Essen und Trinken wird zwischen heiß und kalt unterschieden; ein Schnuller ist weicher als ein Löffel. Wenn im Hause gebacken wird, verbreiten sich andere Gerüche als beim Hausputz. Das Licht von Kerzen unterscheidet sich von elektrisch erzeugter Helligkeit. Während die Stimmen aus einem komischen Kasten irgendwie irritierend wirken, ist die Ansprache von Vater und Mutter wohltuend. Mal ist der Wind kalt und dann aber warm. Schnee ist weiß, Regen nicht, aber beides macht auf Dauer nass. Die Nacht bringt Dunkelheit und Ruhe während die Sonne den Tag durchdringt und ihm Kraft gibt. Immer werden die Sinne angeregt, neue Erfahrungen zu machen und diese nach Kategorien zu sortieren.

Vorgaben, welche mittelbar Lern-Reaktionen und neue Verknüpfungen hervorrufen

  • Demnach löst alleine die indirekte Beobachtung von Vorgängen zielgerichtete Reaktionen aus, indem die Wahrnehmung gesteuert und unterschiedlichste Aktivitäten eingeleitet werden. Bilder von einem gefährlichen Abenteuer lösen Spannung und Angst aus, die „Sendung mit der Maus“ aktiviert Forschungsinteresse und der TV-Bericht über das Leben von Eskimo-Kindern kann selbst im warmen Wohnzimmer eine Gänsehaut entstehen lassen. Damit würde aber auch bestätigt, dass Gewalt-Exzesse häufig eine direkte Folge des Sehens von ‚Vor-Bildern’ in entsprechenden Filmen oder Bildschirm-Spielen sind. So neu ist diese Erkenntnis eigentlich gar nicht, denn die Werbe-Branche baut ihre ganzen Strategiekonzepte darauf, dass anregende Bilder ins Handeln führen, um so die Konsumlust zu fördern und zum Kaufen anzufeuern.
  • Aber nicht nur unmittelbare Sinnesanregungen und eigenes Handeln in der Spannung von Erforschen und Nachahmen fördert die Funktionsfähigkeit des Gehirns, sondern neueste Forschungen haben ergeben, dass z.B. bereits die visuelle oder akustische Wahrnehmung von Bewegung, welche jedoch von jemand anderes ausführt wird, „spezifische Gehirnzellen der motorischen und sensomotorischen Rindenareale stimuliert und aktiviert.“ Mehr hierzu in dem Handbuch-Beitrag von Hans Biegert: Wie Kinder von Vorbildern lernen. – Eine Einführung in die Neurobiologie des Lernens Das heißt, die plastische Vorstellung eines Objektes oder einer Situation aktiviert die gleichen Hirnregionen wie ein unmittelbares Betrachten oder gar ein eigenes Tun..

2. Vorbilder im Sinne einer lebenspraktischen Weltaneignung

So eigenwillig wie klein Felix macht sonst nur noch Opa Olaf die Schnürsenkel zu; die Redewendung: „Ja, ja, ich komme gleich sofort!“ hat Ursula eindeutig von der Mutter übernommen; die Art, wie Sebastian mit: “Zappralot noch mal!“ Missfallen zum Ausdruck bringt, ist eine perfekte Kopie des Verhaltens von Vater in vergleichbaren Situationen. Wenn die 13jährige Jutta die Sommerferien bei Oma auf dem Bauernhof verbracht hat, wird sie sich wieder ein paar neue Kochkünste angeeignet haben. Und die 9jährige Antonia scheint recht genau zu registrieren, dass Papa das Smartphone ständig zur Hand hat, während Mama es meist in der Tasche hat und abends zum Schlafen in die Garderoben-Schublade bringt. Alle Bezugspersonen von Kindern werden so – ob gewollt oder nicht – zur Kopiervorlage.

„Wenn ich an meinen Großvater denke, dann sehe ich ihn mit Nadel und Reihgarn hantierend – aus seiner schlesischen Heimat erzählend – auf dem Zuschneide-Tisch sitzen, während ich als sechsjähriger in der Restekiste nach schönen Futterstoffen suchte, um diese anschließend – mit kleiner fachlicher Unterstützung – auf der Nähmaschine in Puppenkleider für meine Petra zu verwandeln. Heute denke ich als Erwachsener gerne an diese Zeit, denn die Erfahrungen in Opas Schneiderwerkstatt wurde zur Voraussetzung dafür, recht gut das Nähen und den Umgang mit Schnittmustern erlernt zu haben.“ Dieser Rückblick eines Mittfünfzigers offenbart, wie anregend die Atmosphäre – zwischen Stoffballen, Schneiderwatte, Großbügeleisen und Nähmaschine – bei Großvater für den kleinen Enkel gewesen sein muss.

Ähnliches vollzieht sich im Umgang mit Kindern in Küchen, Backstuben, Wäschezimmern, Pferdeställen oder Werkstätten, auf Bauernhöfen oder im Schrebergarten. So wird eine zum Beobachten, Fragen und Mitmachen anregende Situation in der Verbindung mit ermutigenden Menschen, welche in einer Mischung aus Zulassen, Herausfordern und Fördern einem Kind oder Jugendlichen neue Erfahrungsräume erschließen, zur Schlüssel-Erfahrung für das Entwickeln von Interesse, Wollen und Können. Fehlt diesem Lernfeld die Breite und Vielfalt, weil ängstliche oder verwöhnende Erwachsene die von Kindern und Jugendlichen zu machenden Erfahrungen nicht zulassen, wird jeglichem Wachstum von Lebensmut und Handlungsgeschicklichkeit der Nährboden entzogen. Stattdessen wird sich Zögerlichkeit, Unvermögen und Versagen ausbreiten.

Aber nicht nur Sprachmuster, Alltagsgeschicklichkeit, Krisenmanagement oder Strategien zur Wissensaneignung werden kopierend und kooperierend erlernt, sondern die dabei deutlich werdenden Handlungsabläufe, ob als Gepflogenheit, Ritual oder Tradition, erhalten ebenso eine Vor-Bild-Funktion. So lernt ein Kleinkind z.B. nicht nur die Geschicklichkeit im Umgang mit einer Zahnbürste, sondern übernimmt in der Regel gleichzeitig von den Eltern oder älteren Geschwistern die Säuberungs-Intervalle. So werden Nahrungsaufnahme und anschließende Zahnreinigung zu einem Gesamtvorgang. Regelmäßig wiederkehrende Handlungen im Tagesgeschehen oder Jahresablauf erleichtern ihre Beachtung und stützen die Verwirklichung von Zielsetzungen, ohne sich immer erneut in eine reflektierte Entscheidungssituation bringen zu müssen. Dies gilt ganz besonders für Kleinkinder. Ob abendliche ‚gute-Nacht-Rituale’ in der Familie, Standard-Abläufe bei gemeinsamen Mahlzeiten, gesellschaftliche Höflichkeitsregeln, Traditionen in der Gestaltung von Festen, am Wochenablauf orientierte Säuberungsaktionen an Körper oder Zimmer, immer geben regelmäßig wiederkehrende Handlungsabläufe Kindern und Jugendlichen emotionale Sicherheit und kognitive Orientierung. Je stimmiger und selbstverständlicher diese Muster von den vor-lebenden Personen des direkten Umfeldes übernommen werden konnten, umso effektiver werden solche – sich quasi selbst steuernden Handlungs-Rhythmen – das alltägliche Handeln entlasten bzw. stabilisieren.

3. Vorbilder im Sinne einer ethischen Grund-Orientierung

Ja, wir kennen sie noch, die Hochglanz-Vor-Bilder, ob Mutter Theresa, Albert Schweizer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, Papst Johannes Paul II oder der Dalai Lama. Gibt es einen bestimmten Anlass, werden sie in einer (Rück)-Besinnung auf ihre großartige Botschaft hier und da auf die Kultur-Seiten großer Zeitungen gehievt. Aber erhalten Kinder und Jugendliche noch die Chance, in ihrem Leben eine ausreichende Zahl von glaubwürdigen und standfesten Menschen mit Ausstrahlung im unmittelbaren Umgang kennen zu lernen? Statt ethischer Orientierung wucherte in den zurückliegenden Jahren immer stärker eine Haltung der Beliebigkeit. Sie äußert sich u.a. in der Floskel des: „Ist schon okay so!“ Egal wie abwegig oder unsozial eine deutlich gewordene Verhaltensweise oder Entscheidung auch gewesen sein mag, jedwede Bewertung wird tunlichst vermieden. Auch die von vielen Erwachsenen im Umgang mit Jüngeren von sich gegebene Redewendung: „Das muss halt jeder selbst wissen, da will ich dir nicht reinreden“, entlarvt sich auf diesem Hintergrund als pädagogische Bankrott-Erklärung und Ausdruck der Verweigerung einer Übernahme von Verantwortung bzw. Mitverantwortung für das Leben der nachwachsenden Generation. Natürlich müssen unsere Kinder und Jugendliche – je älter sie werden umso intensiver – immer umfangreicher lernen, eigene Entscheidungen im Angesicht der damit verbundenen Konsequenzen zu treffen. Aber gerade in neuen Situationen benötigt in der Regel nicht nur der Nachwuchs Anhaltspunkte und Entscheidungskriterien, was denn für jene oder diese Richtungsgebung entscheidend sein könnte. Und diese Aufgabe kommt – je nach Beziehungsnähe differierend – auf alle Väter und Mütter, Erzieherinnen und Lehrkräfte oder andere wichtige Personen des persönlichen Umfeldes von Kindern und Jugendlichen zu. Denn gerade diese, mit einem Vorsprung an Lebenserfahrung ausgestatteten Menschen, haben die Funktion, Verhaltensweisen oder Vorhaben auch in ethische Zusammenhänge setzen und Bewertungen – in klarer Abgrenzung von Verurteilungen – vorzunehmen. Herrscht hier jedoch eine allgemein auszumachende Beliebigkeit im Sinne einer gleichen Gültigkeit, wird sich im Umgang mit Gut und Schlecht, Richtig und Falsch, Lebensförderndem und Lebensbedrohendem schnell Gleich-Gültigkeit ausbreiten.

Auch wenn es in Vergessenheit geraten zu sein scheint, im Grunde haben alle Erwachsenen – ob ihnen dies bewusst ist oder auch nicht – die Funktion von Wegweisern. Denn Kinder orientieren sich an dem, was um sie herum passiert. So ist – auch wenn dies kollektiv verdrängt worden zu sein scheint – neu in den Blick zu nehmen: Neben den Eltern sind nicht nur Erzieherinnen, Lehrer, Ausbilder, Priester, Ärzte, Polizisten, Chefs und Politiker, unabhängig von ihrer Funktion, für den Nachwuchs eindeutig auch Vorbilder, sondern etwas abgeschwächter trifft dies z.B. auch auf Nachbarn, Postboten, Eisverkäufer, Spaziergänger, Kanalarbeiter, Bus- bzw. Bahnnutzer und Zirkusbesucher zu.

Noch recht gut wirksam wird dieser Grundsatz, wenn Erwachsene trotz Rotsignal eine Fußgängerampel überqueren wollen und plötzlich, beim Anblick eines Kindes fast automatisiert wie angewurzelt stehen bleiben. Insoweit steht die ganze Erwachsenen-Generation in der Aufgabe, vorbildhaft mit ‚Kopf, Herz und Hand’ die nachwachsende Generation auf ein Leben in Eigenständigkeit, Selbst- und Mitverantwortung innerhalb globaler Weltbezüge vorzubereiten. Fehlen diese Menschen, werden sie nicht deutlich erkennbar oder hapert es am notwendigen Rückgrat bei der Umsetzung, werden Kinder und Jugendliche wegen Orientierungsmangel schnell in die Irre geraten. Denn so wie die Seefahrt ausreichend Leuchttürme zur Kurs-Festlegung benötigt, so brauchen junge Menschen im Licht von Beachtung und Anerkennung stehende Vor-Bilder, um nicht in einem Meer der Beliebigkeit zu stranden.

Zusammenfassende Gedanken

Texte in Büchern oder Zeitschriften, Filme und Bildbände, Internet-Seiten und Video-Darstellungen, in Schulen verabreichter Lernstoff oder durch Erwachsene zum Ausdruck gebrachte Worte, all dies kann auch dem Ziel dienen, jungen Menschen Orientierungshilfen zu bieten. Ist die Botschaft gut und fällt sie auf fruchtbaren Boden, können so wichtige Informationen und Verhaltensanregungen transferiert werden. Aber nichts ist wegweisender und nachvollziehbarer – natürlich auch im negativen Sinne – wie eine durch Menschen gelebte Botschaft. Fallen hier Handlung, ethischer Anspruch und deutlich werdende Haltung zusammen, bietet sie die beste Gewähr für die folgenden Einübungsfelder:

  1. Erlernen des Lernens im Sinne der Aneignung: wie viel Geschick, Anstrengung, Gedächtnisleistung, Übungs-Training, Kreativität, Kombinationsfähigkeit und Zeit ist zur Erreichung des Zieles X oder Y notwendig?
  2. Erlernen des Umgangs im Sinne der Handhabung: auf welche Weise finde ich was, wo und wie funktioniert was?
  3. Erlernen des Umgangs im Sinne der Wirkung: was führt zu welchen technischen, ökonomischen, biologischen und psychischen Reaktionen?
  4. Erlernen des Umgangs im Sinne von Verantwortung: welche Anwendung bzw. Entscheidung fördert, behindert bzw. verhindert das Zusammenleben? Das ist die heutige Herausforderung im Sinne einer lebenspraktischen und ethischen Grund-Orientierung, um junge Menschen – wohlwollend, vorlebend und konsequent – auf ihre zukünftigen Aufgaben in Beruf, Partnerschaft, Familie und Gesellschaft vorzubereiten. Denn ohne durch einzelne Personen in die Anschauung gebrachte positive Orientierungsmuster und Entscheidungshilfen gerät unsere eigene Zukunft leicht in ein Nirwana aus Unzulänglichkeit, Beliebigkeit und Verantwortungslosigkeit. Die Botschaft für ‚Klein und Groß’ ist eindeutig: ‚Ein (Vor)-Bild sagt mehr als tausend Worte’!

Weiterführende Literatur des Autors:

  • Wunsch, Albert (2013): Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit, München 2000; 14. restlos überarbeitete und wesentlich ergänzte Neuauflage, München.
  • Wunsch, Albert (2007): Abschied von der Spaßpädagogik. Für einen Kurswechsel in der Erziehung. München 2003, 4. Auflage München 2007
  • Wunsch, Albert (2004): Erziehungsprinzip Verantwortung. (Grundsatzreferat beim 108. Bundeskongress des VkdL). In: Katholische Bildung; Verbandsorgan des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen. Heft Sept. 2004, Essen
  • Wunsch, Albert (2013): Boxenstopp für Paare – damit ihre Beziehung rundläuft. München 2011, 2. Aufl. 2013
  • Wunsch, Albert (2015): Mit mehr Selbst zu m stabilen ICH. Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung. Heidelberg 2013, zweite Auflage 2015

Autor

Dr. Albert Wunsch ist Psychologe, Diplom Sozialpädagoge, Diplom Pädagoge und promovierter Erziehungswissenschaftler. Bevor er 2004 eine Lehrtätigkeit an der Katholischen Hochschule NRW in Köln (Bereich Sozialwesen) begann, leitete er ca. 25 Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss. Im Jahre 2013 begann er eine hauptamtliche Lehrtätigkeit an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss. Außerdem hat er seit vielen Jahren einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern.

Kontakt

Dr. Albert Wunsch, Im Hawisch 17, 41470 Neuss

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Erstellt am 21. Januar 2005, zuletzt geändert am 10. Juni 2015