Sich die Welt ertasten: Der Tastsinn bei Säuglingen und Kleinkindern

Elisabeth Gründler
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Sobald Babies in der Lage sind, zielgerichtet zu greifen, fangen sie an, alles in den Mund zu stecken. Das ist ihre Art, die Welt zu erforschen, denn im ersten Lebensjahr ist der Tastsinn des Kindes in seiner Mundpartie am besten entwickelt. Durch das Ertasten eines Gegenstandes mit Lippen und Zunge macht sich das Kind ein Bild davon. Jedes Mal, wenn ein Kind ein ihm noch unbekanntes Ding in den Mund steckt, bilden sich in seinem Gehirn neue Verbindungen. Auf der Grundlage solcher Tasterfahrungen entwickelt sich die Intelligenz des Kindes.

Henri, zehn Wochen alt, ist unzufrieden: er gibt kleine Töne von sich, die nach Unbehagen klingen und strampelt mit Armen und Beinen. “Gleich wird er anfangen zu weinen”, denkt seine Mutter seufzend, dabei ist er doch satt und frisch gewickelt. Sie beeilt sich mit ihrer Hausarbeit fertig zu werden – vieles bleibt liegen, seit ihr Leben einen neuen Mittelpunkt bekommen hat. Auf einmal ist es ruhig: Henri hat mit seinen winzigen Fingern den Zipfel eines Tuches zu fassen bekommen und umklammert ihn fest mit seiner kleinen Hand. Seine Ärmchen scheinen ziellos zu rudern, doch schließlich landen drei seiner Finger und der Tuchzipfel in seinem Mund. Henri beginnt heftig zu saugen, zappelt weiter mit Armen und Beinen – wie es scheint vor Aufregung. Nach einigen Augenblicken verliert er das begehrte Objekt wieder, doch lässt er jetzt gurrende Laute hören, so als habe er eine angenehme Erfahrung gemacht. Er fährt fort mit seinen ungelenken Bewegungen – und tatsächlich landet der Tuchzipfel nach kurzer Zeit wieder in seinem Mund. Erneut fängt er an, daran zu saugen. Henri beginnt, seine Bewegungen zu koordinieren.

Mund und Zunge sind die bevorzugten Tastorgane des Säuglings

In einigen Wochen, wenn er diese Koordination noch besser gemeistert haben wird, wird er jedes Objekt, das er zu fassen kriegt, sofort zum Mund führen. Und auch noch in einem halben oder dreiviertel Jahr, wenn er schon durch die Wohnung krabbelt, wird er alles, was ihn interessiert, in den Mund stecken; oder daran kauen, darauf lutschen oder hinein beißen.

Warum stecken Babys und Kleinkinder alles in den Mund?

Bei der Geburt ist der Tastsinn der am besten entwickelte Sinn. Der Tastsinn des Neugeborenen ist besser entwickelt, als sein Vermögen zu sehen, zu hören oder zu schmecken. Und von allen Organen, mit denen Tastreize wahrgenommen werden können: der Haut, den Händen und den Füßen, sind Mund und Zunge, die bevorzugten Tastorgane des Säuglings. Diese Bevorzugung hält einige Jahre an.

Wenn die Mutter des vierjährigen Micha einen Schreck bekommt, weil sie ihn im Kaufhaus versonnen am Treppengeländer kauen sieht, dann kann sie sicher sein, dass ihr Sohn das nicht tut, um sie zu ärgern. Bis in ihr fünftes Lebensjahr können Kinder mit Mund und Zunge die Beschaffenheit eines Materials besser erforschen, als mit den Fingern.

Die Welt mit dem Mund erforschen

Forschungen haben gezeigt, dass schon sehr junge Babys in der Lage sind, sich ein Bild von dem zu machen, was sie mit ihrer Zunge und dem Gaumen ertastet haben: Zeigte man Babys projizierte Bilder von verschieden geformten Nuckeln, genoppt oder glatt, dann bevorzugten sie das Bild mit dem Nuckel, an dem sie zuvor gesaugt hatten. Wenn Babys und Kleinkinder jeden Gegenstand, dessen sie habhaft werden können, sofort in den Mund stecken, sammeln sie Informationen über die Welt und die Dinge, die sie umgeben. Sie machen sich “ein Bild davon”. Erst mit etwa einem halben Jahr kann Henri unterschiedliche Materialien mit seinen Händen etwa genauso gut ertasten, wie er das jetzt schon mit seinem Mund kann. Und erst mit 18 Monaten wird er feine Unterschiede an Gegenständen auch mit seinen Händen wahrnehmen können.

Kleinkinder haben eine “lange Leitung”

Das, was wir unter dem Namen „Tastsinn“ zusammenfassen, besteht im Grunde aus vier verschiedenen, voneinander getrennten Reizleitungen. Über diese Leitungen werden die Reize von den Nervenzellen, z.B. in der Haut oder auf der Zunge, hin zu einem speziellen Feld in der Großhirnrinde geleitet. Es gibt jeweils eigene Reizleitungen für Berührungsempfindungen, für Druck, für Wärme und für Kälte, sowie für die Stellung des Körpers im Raum.

Obwohl der Tastsinn bei der Geburt schon weiter ausgereift ist als die übrigen Sinne, ist er doch noch nicht fertig entwickelt: Erst im Alter von sechs Monaten sind die Sinneszellen im Rückenmark vollständig “myelinisiert”. So bezeichnet man den Prozess, der die Reizleitung der Nervenenden im Rückenmark und im Gehirn mit der Substanz Myelin umgibt. Diese Ummantelung mit Myelin beschleunigt die vollständige Weiterleitung des Reizes. Die Myelinisierung der entsprechenden Hirnregionen geschieht im ersten Lebensjahr indem das Kind ständig Berührungserfahrungen sammelt.

Myelin beschleunigt wie Weiterleitung von Sinnesreizen

Auch im Jugend- und Erwachsenenalter ist dieser Prozess noch nicht abschlossen. Er setzt sich fort bis ins hohe Alter solange der Mensch neue Lernerfahrungen macht. Immer, wenn neue Bewegungen erlernt werden, findet dieser Myelinisierungsprozess statt. Jeder Fahrschüler weiß, wie mühsam seine ersten Schaltversuche sind: die Koordination von Hand- und Fußbewegung bei gleichzeitigem Blick aufs Tacho, das Hören auf das Motorengeräusch und das Beachten des Verkehrs. Es erfordert die volle Konzentration. Nach entsprechender Übung schaltet jeder Autofahrer ohne weiter darüber nachzudenken. Er koordiniert seine Bewegungen >automatisch<, weil die entsprechenden Reizleitungen in seinem Gehirn myelinisiert sind. Er geübte Autofahrer kann gleichzeitig telefonieren, Radio hören und auf den Verkehr achten.

Junge Kinder brauchen mehr Zeit

Der Prozess der Myelinisierung ist ein Grund, warum Kinder, je jünger sie sind, umso langsamer reagieren. Die Geschwindigkeit, mit der Tasterfahrungen wahrgenommen werden, entwickelt sich erst nach und nach. Deswegen haben Babys und Kleinkinder eine “lange Leitung”. Ein wenige Wochen altes Kind reagiert sehr viel langsamer als ein Einjähriges. Dieses kann bei der Erfahrung “heiß” seine Finger viermal so schnell wegziehen, wie ein jüngeres Kind dazu in der Lage ist. Erst mit sechs Jahren hat ein Kind etwa die gleiche Reizleitungsgeschwindigkeit entwickelt wie ein erwachsener Mensch. Dies ist ein Grund, warum Eltern ihrem Kleinkind grundsätzlich mehr Zeit lassen sollten zu reagieren, wenn sie etwas von ihm möchten – z. B., dass es beim Anziehen kooperiert. Je jünger ein Kind, umso längere Zeit braucht es, um überhaupt wahrzunehmen und zu verstehen, was Vater oder Mutter von ihm wollen.

Wiederholung führt zur Myelinisierung

Britt, neun Monate, hat beim Krabbeln eine bunte Stecknadel gefunden, damit gespielt und sich damit in den Finger gepiekt: Es dauert einen Moment lang, bis sie das Gesicht verzieht und anfängt zu schreien. Solange brauchte der Reiz, um als Schmerz wahrgenommen zu werden, und die entsprechende Reaktion: Schreien und die Hand wegziehen. Auch deswegen muss man jüngere Kinder besonders gut schützen. Ein acht Monate altes Kind, das sich an einem heißen Ofen aufrichtet, zieht sich schlimmere Verbrennungen zu, als sein vierjähriger Bruder, der mit dem gleichen Ofen den gleichen Kontakt hat: Das Baby kann noch nicht so schnell reagieren, weil die Reizleitungen seines Tastsinns noch nicht so gut myelinisiert sind, wie bei einem älteren Kind. Auch hat ein Vierjähriger schon Erinnerungen an den Schmerz, der durch die Erfahrung “heiß” entsteht. Durch die wiederholte Erfahrung sind seine Reizleitungen im Gehirn, die diese Erfahrung verarbeiten schon viel stärker myelinisiert und können daher schneller die richtige Reaktion veranlassen.

Bis vor wenigen Jahrzehnten glaubten Mediziner, Neugeborene könnten keinen Schmerz empfinden und nahmen Eingriffe ohne Betäubung vor. Das war Fehleinschätzung, wie wir heute wissen. Ein Baby empfindet den Schmerzreiz ebenso wie ein Erwachsener. Doch es wird im ersten Lebensjahr vermutlich noch keine Erinnerung an den Schmerz gespeichert, weil die entsprechenden Verbindungen im Gehirn noch nicht entwickelt sind. Erst im Laufe des zweiten Lebensjahres können Kinder solche Erfahrungen speichern. Sie fangen an zu schreien, wenn sie die Nadel sehen, mit der sie geimpft werden sollen, weil sie sie an das letzte Mal erinnern.

Britt versucht noch mehrmals, mit den attraktiven, bunten Stecknadeln zu spielen, die für sie so interessant sind, weil die Mutter sie ständig benutzt. Das Kleinkind macht mehrfach die Erfahrung des schmerzhaften Stichs, bis es die Finger davon lassen kann. Einem anderthalbjährigen Kind genügen sehr viel weniger derartige Erfahrungen, um aus eigenem Antrieb zu den bunten Glitzerdingern auf respektvollen Abstand zu gehen.

Tastsinn und soziale Intelligenz

Die volle Entfaltung des Tastsinns durch vielfache Berührungserfahrungen, bildet die Grundlage der Entwicklung sämtlicher Formen von Intelligenz: der sozialen, emotionalen und der kognitiven. Bei allen höheren Säugetieren beobachtet man ein intensives Lecken des Neugeborenen in den ersten Lebensstunden. Dieser intensive Berührungsreiz auf der Haut dient dazu, Nervenenden miteinander zu verbinden, die es ermöglichen, mit der Welt in Kontakt zu treten. Unterbindet man diese Art des Kontaktes zwischen dem Muttertier und seinem Jungen, für nur 24 Stunden, z.B. bei Schafen oder Ziegen, dann wachsen diese Tiere zwar heran, fressen und trinken, werden aber zu “sozialen Idioten”: Sie können nicht mit Gleichaltrigen spielen, finden keinen Anschluss an die Herde und können sich darum später nicht fortpflanzen. Ethnologen konnten noch im 19. Jahrhundert das Lecken von Neugeborenen bei einigen Naturvölkern beobachten.

In unserer Kultur werden Babys getragen, gewiegt, gestreichelt: Nur Kinder, die auch auf diese Weise an Berührungen “satt” geworden sind, können ihr ganzes Intelligenzpotential entfalten. Auch darum ist im alltäglichen Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern “langsam” oft besser als “schnell”.

Henris dritter Versuch, den Tuchzipfel wieder in den Mund zu kriegen, war erfolglos. Längst sind seine Unmutstöne in jämmerliches Geschrei übergegangen. Der Vater nimmt ihn auf den Arm, lässt ihn über seine Schulter schauen und spricht mit ihm. Schlagartig ist Ruhe. Henri hört die vertraute Stimme, fühlt die Wärme, genießt das sanfte Schaukeln der Bewegung und den leichten Druck der großen Hand auf seinem kleinen Rücken. Henri hat sich beruhigt sich. Alle seine Sinne, in erster Linie sein Tastsinn, signalisieren ihm: Alles o.k., die Welt ist in Ordnung. Henri fühlt sich jetzt absolut sicher.

Wie alle Sinne, kann auch der Tastsinn, sich nur durch den ständigen Gebrauch entwickeln. Deswegen ist liebevoller Körperkontakt, das Getragen-, Gehalten- und Gestreichelt-Werden so wichtig: Nur Reize in ausreichender Zahl und Qualität lassen den Tastsinn reifen.

Literatur

  • Lise Eliot (2010): Was geht da drinnen vor? Die Gehirnentwicklung in den ersten fünf Lebensjahren. Berlin-Verlag, 2. Auflage.
  • Renate Zimmer (2012): Handbuch der Sinneswahrnehmung, Freiburg.

Autorin

Elisabeth C. Gründler

Freie Journalistin

Prinzregentenstraße 69a

10715 Berlin

 

Erstellt am 16. September 2003, zuletzt geändert am 29. Oktober 2013