Kooperation mit dem Säugling

Elisabeth Gründler
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Windeln wechseln, baden oder füttern – Erwachsene sind dabei stets in Beziehung mit dem Kind. Auch schon sehr junge Säuglinge sind in der Lage zu kooperieren, wenn man ihnen Gelegenheit dazu gibt. Die Qualität der Beziehung, eine eigenständige Bewegungsentwicklung, d.h. das Aufrichten aus eigener Kraft und im eigenen Tempo, sowie das freie, selbstgesteuerte Spiel bildeten für ungarische Kinderärztin Emmi Pikler die Basis für die gesunde körperliche und seelische Entwicklung des Kindes. Im Zusammenhang mit frühkindlicher Bildung und dem Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung gewinnen Piklers Erkenntnisse neue Aktualität.

„Zoltan“, sagt die junge Frau, „dies ist Dein Jäckchen, das möchte ich Dir jetzt anziehen.“ Sie hält ein Babyjäcken hoch, so dass der drei-Monate-alte Säugling auf dem Wickeltisch das Kleidungsstück betrachten kann. Dann krempelt sie den winzigen Ärmel hoch und hält einem Moment inne. Zoltan streckt seine kleine Hand hin und die junge Frau streift dem Kind den Ärmel über. Zoltan lacht und strampelt vor Vergnügen. Beide freuen sich über ihr gelungenes Zusammenspiel.

Der kleine Zoltan lebt in Budapest im Emmi-Pikler-Institut, einem Kinderheim für Sozialwaisen Kinder, das gleichzeitig Forschungsstätte ist. Er kam direkt von der Entbindungsstation hierher, weil seine minderjährige Mutter nicht in der Lage war, sich um ihn zu kümmern. Die ungarischen Ärztin Emmi Pikler, gründete das Institut 1945, ursprünglich für die Kinder tuberkulosekranker Mütter. Aus ihrer Praxis als Familienärztin verfügte Emmi Pikler damals bereits über fast zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Säuglingspflege und der frühkindlichen Erziehung. Die hier entwickelten Grundsätze verwirklichte sie in ihrem Institut. Für junge Familien können diese heute eine Orientierungshilfe sein.

Säuglingspflege ist Erziehung

Emmi Pikler ging davon aus, dass Säuglingspflege bereits Erziehung ist. Die Mehrzahl seiner sozialen Erfahrungen, so Pikler, macht ein Säugling, während er gefüttert, gebadet, gewickelt oder an- und ausgezogen wird. Darum widmete sie der Qualität des Umgangs mit dem Kind ihre Hauptaufmerksamkeit. Wenn dieser von liebevollem Respekt bestimmt wird und die Hände, die es pflegen “tastend, empfindsam, behutsam und feinfühlig” sind, dann entspannt sich das Kind, so Piklers Beobachtung, und es fühlt sich aufgehoben und geliebt. Im Emmi-Pikler-Institut wird mit dem Kind gesprochen. Die Kinderpflegerin erklärt, was sie tut und zeigt dem Kind jeden Gegenstand, den sie verwendet und jedes Kleidungsstück. Sie wartet, bis es bereit ist zu kooperieren. Ein nur wenige Wochen altes Kind ist zu kooperativem Verhalten fähig. Pflege ist Kommunikation. Das Baby nimmt den Dialog auf: mit Blicken, Gesten und Bewegungen und es kommt zu einem echten Zusammenspiel. Diese Art der Pflege befriedigt sowohl die körperlichen als auch die seelischen Bedürfnisse des Kindes: Am Ende ist es satt, ruhig und zufrieden. Pflege als Kommunikation war ein wichtiges Grundprinzip Emmi Piklers, das sowohl in der Familie als auch in Institutionen verwirklicht werden kann. Die allermeisten Eltern sprechen intuitiv mit ihrem Kind, jedes Mal, wenn sie sich ihm zuwenden. Das Kind lauscht dem Klang der Stimme, beobachtet was geschieht und kann nach und nach Zusammenhänge herstellen. Emmi Pikler kam es darauf an, die alltäglichen Pflegehandlungen als zentral wichtig für Kommunikation mit dem Kind und seine Erziehung zu betrachten. Eltern oder Kinderpflegerinnen sollten diese Prozeduren nicht „so schnell wie möglich“ hinter sich bringen, um sich dann dem „Eigentlichen“, dem Spiel mit dem Kind zuzuwenden. Körperpflege und Nahrungsaufnahme sind Kommunikation. Ein Kind, das in dieser Situation entspannte Zuwendung erfährt, wird nicht nur körperlich, sondern auch emotional satt. Für berufstätige Eltern, deren Zeit immer begrenzt ist und die dies in der Regel mit einem permanent schlechten Gewissen bezahlen, eine gute Nachricht.

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© Csatári

Konstanz schafft Sicherheit und Geborgenheit

Im Emmi-Pikler-Institut lernen die Kinderpflegerinnen eine genaue Choreografie von behutsamen, fließenden Bewegungen und Gesten. Es wird darauf geachtet, dass der Ablauf der Pflege und die Art, wie das Kind getragen und gehalten wird, möglichst gleich ist. Auf diese Weise kann das Kind die Konstanz erfahren, aus der Sicherheit und Vertrauen wachsen können. Jede Eile und Hektik wird vermieden. Mehrmals am Tag erlebt sich das Kind als Mittelpunkt der Welt, wenn es gefüttert, gewickelt oder gebadet wird. “Ich bin jetzt am wichtigsten”, erfährt es, wenn es mit seinem Namen angesprochen wird. Das Sprechen mit dem Kind ermöglicht den Erwachsenen eine wache Zugewandtheit und das Kind erfährt dadurch, was geschieht. Es erhält auf diese Weise die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden. Mehrmals am Tag erlebt das Kind in der Pflegesituation einen intensiven Blickkontakt und intensive sprachliche Kommunikation. Es muß nicht um Aufmerksamkeit kämpfen. In einem fest umrissenen Rahmen ist ihm diese sicher. Klar sind Raum und Zeit strukturiert. Ein eindeutiger Anfang und ein klar erkennbares Ende des liebevollen und gleichzeitig zweckgerichteten Kontaktes in der Pflege helfen dem Kind, sich zu orientieren. So erfährt es durch stets gleichbleibendes Szenario von Füttern, Wickeln und Baden, ein hohes Maß an Konstanz und liebevoller Berührung. Je mehr das Leben von Eltern durch Hektik, Arbeitsstress und Unsicherheit über die Zukunft bestimmt wird, umso größer ist die Bedeutung einer klaren räumlichen und zeitlichen Struktur. Die hilft dem Kind, sich in der Welt zu orientieren. Jede Familie kann damit vom ersten Lebenstag des Kindes an beginnen.

Autonome Bewegungsentwicklung im eigenen Rhythmus

Emmi Pikler entdeckte schon in den 30iger Jahren, dass ein Kind, dem man dafür genügend Zeit läßt, sämtliche Bewegungsarten von allein herausfindet, erprobt, trainiert und entwickelt. Entgegen der weitverbreiteten Ansicht von Experten, Kinder bräuchten die Hilfe von Erwachsenen, um Sitzen, Gehen und Stehen zu lernen, wurde im Emmi-Pikler-Institut beobachtet, dass jedes Kind alle Bewegungsarten aus eigener Anstrengung entwickelt. Es erprobt eine neue Bewegungsart erst, wenn es sich in der vertrauten absolut sicher ist und jederzeit dahin zurück kann. Zwischen dem Liegen und dem freien Sitzen gibt es eine Fülle von Zwischenstufen, die jedes Kind ausprobiert und ausgiebig nutzt. Der Prozess des Aufrichtens geschieht langsam und kontinuierlich. Gutgemeinte Unterstützungsangebote von Erwachsenen hindern in Wirklichkeit seine eigenständige Bewegungsentwicklung und nehmen dem Kind die befriedigende Erfahrung, etwas aus eigener Kraft herausgefunden zu haben. Echtes Selbstbewusstsein entwickelt sich durch das Erproben der eigenen Kräfte und der Freude an der eigenen Leistung. Förderprogramme sind nach der Ansicht Emmi Piklers schädlich, denn sie erzeugen beim Kind Abhängigkeit vom Erwachsenen. Im Emmi-Pikler-Institut wird versucht, jedem Kind die Zeit zu lassen, die es braucht. Dies ist nach den dortigen Beobachtungen sehr verschieden. Deswegen ist für Emmi Pikler das freie Spiel für die gesunde Entwicklung des Kindes von zentraler Bedeutung. Das ungestörte Experimentieren weckt immer aufs Neue das Interesse des Kindes. Es entwickelt dadurch nicht nur seine motorischen Fähigkeiten, sondern gleichzeitig auch sein Selbstbewusstsein.

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Die Welt in Ruhe erforschen

Zum Beispiel Irina: Sie krabbelt durch einen Raum, der durch ein Spielgitter vom Pflegebereich abgeteilt ist. Als Spielzeug findet sie eine Plastikscheibe und hält inne, um diese zu untersuchen. Schließlich wirft das kleine Mädchen die Scheibe mit einer Drehbewegung vor sich hin und beobachtet, wie sie trudelt; dann ergreift sie sie von neuem, untersucht sie wieder und lässt sie wieder trudeln. Etwa ein Dutzend Mal wiederholt Irina das Experiment. Dann verliert sie das Interesse und krabbelt weiter. Irina ist acht Monate alt. Sie kam im Alter von drei Wochen ins Emmi-Pikler-Institut, wo sie zusammen mit sieben anderen, etwa gleichaltrigen Kindern in einer Gruppe lebt. Irina ist im Spielbereich >für sich<, kann hier in Ruhe die Welt erforschen und ihre Bewegungen ausprobieren. Das Kind ist >für sich<, aber nicht verlassen, denn es spürt die Anwesenheit der Kinderpflegerin, ihrer Bezugsperson. Täglich hat sie die Erfahrung gemacht, dass für alle ihre Bedürfnisse gesorgt wird. Auch liebevolle Berührung gehört dazu, das ist für sie lebenswichtig. Sie gibt ihr die Sicherheit, die Welt zu erforschen. Diese Forschungstätigkeit, von den Erwachsenen >Spielen< genannt, ist Irinas Hauptbeschäftigung, wenn sie wach und satt ist. Dem freien Spiel widmet sie sich mit all ihrer Konzentration und Hingabe. Sie erforscht auch die Bewegungen ihres eigenen Körpers und experimentiert mit ihnen. Aus eigenem Antrieb hat sie eines Tages die Rückenlage verlassen, sich auf den Bauch gerollt, und die Welt aus einer neuen Perspektive betrachtet.

Für ein Kind, das in einer Familie aufwächst, ist dieses selbständige freie Spiel von ebenso großer Bedeutung. Wenn Kinder sich sicher fühlen, weil sie jederzeit Blick- und Rufkontakt mit Vater oder Mutter aufnehmen können und ihre körperlichen und seelischen Bedürfnisse befriedigt sind, dann ist das ungestörte, freie Experimentieren mit Gegenständen für ihre Entwicklung wertvoller, als ein elterliches „Unterhaltungsprogramm“.

Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein schützen vor Unfällen

Kinder, die die Freiheit hatten, ihre Motorik im eigenen Rhythmus und aus eigener Kraft zu entwickeln, sind in der Regel vor Unfällen geschützt. Stufen und Treppen, sind für diese Kinder keine Gefahrenquellen, denn sie sind es gewohnt, sich achtsam zu bewegen. Durch Podeste im Spielbereich wird den Kindern im Emmi-Pikler-Institut die Möglichkeit gegeben, mit Stufen Erfahrungen zu sammeln. Schon Krabbelkinder, so wurde dort beobachtet, können mehrere Stufen im Vorwärtsgang bewältigen. Wenn diese Kinder laufen können, stellen Treppen keine Gefahr mehr für sie dar.

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Bewegungen und Tätigkeiten, die Kinder aus eigener Kraft entwickeln, haben eine andere Qualität als solche, zu denen sie angeleitet wurden. Im Emmi-Pikler-Institut wurden hunderte von kindlichen Entwicklungsverläufen dokumentiert. Ergebnis: Die Kinder entwickeln sich mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit. Doch im Rückblick ist es unerheblich, ob ein Kind mit 15 oder 24 Monaten Laufen gelernt hat. Lasst mir Zeit ist denn auch der Titel des Hauptwerkes von Emmi Pikler. Kinder, die sich alle Bewegungsarten selbst erarbeitet haben, sind fast jeglicher Position in der Lage, ihr Gleichgewicht finden. Dies gilt für das körperliche Gleichgewicht ebenso, wie für das seelische. Bereits vor 30 Jahren fiel das Emmi-Pikler-Institut bei einer wissenschaftlichen Langzeituntersuchung von Heimkindern auf: die Kinder, die ihre Säuglings- und Kleinkindzeit in diesem Institut verbracht hatten, gründeten in der Mehrzahl selbst Familien und wurden sozial integrierte Bürger. Die typischen Heimkarrieren fand man hier nicht. Kontrolluntersuchungen bestätigten diese Ergebnisse. Hospitalismus ist keine zwangsläufige Begleiterscheinung von institutioneller Erziehung. Auch dies ist eine gute Nachricht für berufstätige Eltern: Krippen, die nach den Grundsätzen Piklers geführt werden, können eine Betreuungsqualität erreichen, die es Eltern ermöglicht, guten Gewissens ihrer Berufstätigkeit nachzugehen.

Die Praxis des Budapester Institutes, die lange Zeit quer zu herrschenden Kultur lag, die das möglichst frühzeitige systematische Fördern von Kleinkindern zu Norm erhebt, findet heute immer mehr Interesse. Wer je den aufrechten Gang und die motorische Sicherheit eines Kindes erlebt hat, das seine Bewegungen aus eigener Anstrengung und im eigenen Rhythmus entwickeln konnte, wird sich fragen, ob es nicht gerade diese Selbstsicherheit ist, die Kinder heute, für eine Zukunft benötigen, die alles andere als sicher ist.

Eltern von Kleinkindern, die sich mit den Grundsätzen von Pikler vertraut machen wollen, finden Unterstützung in einem sog. Spielraum für Bewegung oder in Angeboten der Familienbildung, wie zum Beispiel in den Eltern-Kind-Kursen, die von der Familienbildung der Erzdiözese Köln angeboten werden. Erzieherinnen können sich heute zu Pikler-Pädagogin fortbilden.

Nähere Informationen finden Sie auf den Seiten des Pikler-Verbandes.

Auswahl an Büchern und Medien

  • Emmi Pikler (2009): Lasst mir Zeit, Die selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen, Pflaum-Verlag, München, 4. Auflage.
  • Emmi Pikler (2013): Friedliche Babys, zufriedene Mütter, Herder Verlag, 4. Auflage.
  • Pikler, Tardos u.a. (2013): Miteinander vertraut werden. Herder Verlag, 13. Auflage.
  • Éva Kálló, Györgyi Balog: Von den Anfängen des freien Spiels
  • Monika Aly (2011): Mein Baby entdeckt sich und die Welt, Kösel-Verlag.
  • Elisabeth C. Gründler (2008): Rohstoff Intelligenz, Cornelsen-Verlag.
  • Edith Ostermeyer (2013): Pikler, Cornelsen-Verlag, Berlin.
  • Freude an der Bewegung, Die ersten anderthalb Jahre. Aus einer Filmreihe der internationalen Emmi-Pikler-Stiftung, DVD, ISBN 978-3-9808431-5-7, erhältlich im Buchhandel

Autorin

Elisabeth C. Gründler
Freie Journalistin

Prinzregentenstraße 69a

10715 Berlin

Erstellt am 17. Oktober 2013, zuletzt geändert am 11. November 2013