Koliken bei Säuglingen

Utta Reich-Schottky
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Die „Koliken“ der Säuglinge, auch oft „Dreimonatskoliken“ genannt, sind keine spezifische Erkrankung. Mit dem Begriff wird ein bestimmtes Verhalten der Babys beschrieben, das verschiedene Ursachen haben kann. Je nach Ursache kommen unterschiedliche Abhilfemöglichkeiten in Betracht.

Der Begriff “Koliken” beschreibt ein Verhalten, das viele Babys in den ersten Lebenswochen vor allem gegen Abend zeigen: Sie schreien, ziehen die Beine an, sind schwer zu trösten und scheinen Bauchschmerzen zu haben. Meistens beginnt dieses Verhalten im Alter von zwei bis drei Wochen und lässt nach etwa drei Monaten deutlich nach. Allerdings sind nicht alle Koliken auf Bauchschmerzen zurückzuführen, sondern sind manchmal Ausdruck davon, dass das Kind sich in seiner Haut nicht “wohl” fühlt.

Mögliche Ursachen

Als Erstes muss das Baby ärztlich untersucht werden, um festzustellen, ob es eine behandlungsbedürftige Erkrankung hat. Wenn dies ausgeschlossen worden ist, kommen folgende Ursachen in Betracht:

  • Rauchen in der Wohnung. Manche Babys reagieren auf Zigarettenrauch mit Bauchschmerzen. Grundsätzlich ist zu empfehlen, nur außerhalb der Wohnung zu rauchen.
  • Bei anhaltendem Weinen können die Babys Luft schlucken, die ihnen dann Bauchweh verursacht. Rasches Trösten und senkrechtes Herumtragen zum Aufstoßen der geschluckten Luft können helfen.
  • Auf Hektik und Anspannungen im Umfeld reagieren manche Babys mit Schreien. Hier kann vielleicht das “Programm” gekürzt und der Tagesablauf anders strukturiert werden.
  • Manche Babys sind nicht gern allein. Von der Schwangerschaft her sind die Kinder an Bewegung und Geräusche gewöhnt.
  • Eltern brauchen Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. Manchmal ist es eine Frage der Übung, herauszuhören, was das Baby braucht und mit seinem Schreien ausdrücken möchte. Auch müssen erst Lösungen gefunden werden, die zu ihm, zu Ihnen und Ihrer Familie passen.

Künstliche Babynahrung

Kinder, die künstliche Säuglingsnahrung erhalten, haben insgesamt mehr Verdauungsprobleme als gestillte Kinder, denn die Nahrung ist schwerer verdaulich. Auch erkranken sie häufiger an Magen-Darm-Infekten. Sie haben genau so viele Koliken. Zu beachten ist in solchen Situationen:

  • Ein Wechsel auf die künstliche Säuglingsnahrung eines anderen Herstellers bringt häufig nicht den gewünschten Erfolg.
  • Bei Verdacht auf Kuhmilchunverträglichkeit oder Allergie kann eine hypoallergene Nahrung sinnvoll sein.
  • Wenn das Saugerloch groß ist und die Flasche steil gehalten wird, trinkt das Kind möglicherweise schneller als ihm gut tut.
  • Das gilt auch, wenn das Kind auf die Mahlzeit warten musste, sehr hungrig ist und deshalb sehr gierig trinkt. Füttern Sie das Kind, wenn es zeigt, dass es Hunger hat.
  • Wenn das Baby zu viel Luft schluckt, können eventuell ein anderer Sauger und eine andere Haltung beim Trinken helfen.

Handhabung des Stillens

Manchmal hilft eine andere Handhabung des Stillens, wenn das Baby Koliken hat.

  • Bei einem starken Milchspendereflex spritzt dem Baby möglicherweise mehr Milch in den Mund als es schlucken kann. Sie können das Baby nach dem Ansaugen noch einmal von der Brust nehmen, bis die Milch aufhört zu spritzen. Sie können sich auch auf den Rücken legen und das Baby auf Ihren Bauch – dann muss die Milch nach oben fließen und spritzt nicht so. Oft reicht es, das Baby senkrecht auf den Schoß zu nehmen, dann kann es die überschüssige Milch einfach aus dem Mund herauslaufen lassen, ohne sich zu verschlucken.
  • Wenn das Kind gierig und hastig trinkt, legen Sie es eher an, damit es nicht so hungrig ist.
  • Manchmal schluckt das Baby beim Stillen Luft, weil es nicht dicht genug an Ihrem Körper liegt. Hier hilft es, das Kind dichter an sich heranzuziehen.
  • Manchmal liegt die Ursache darin, dass Sie beim Stillen zu früh die Seite wechseln. Die Zusammensetzung der Muttermilch verändert sich, während das Kind an der Brust trinkt: Am Anfang enthält die Milch relativ viel Milchzucker (Laktose) und wenig Fett und löscht erst einmal den Durst des Kindes. Wenn das Kind weitertrinkt, wird die Milch immer sahniger und sättigender. An der zweiten Brust erhält das Kind wieder zunächst Milch mit relativ viel Milchzucker und wenig Fett. Dadurch kann es sein, dass sein Magen schon voll ist, bevor es wirklich satt ist, und das Kind deshalb nach dem Stillen noch unzufrieden ist. Das kann gerade bei den Müttern geschehen, die viel Milch haben. Außerdem nimmt das Kind dadurch unter Umständen mehr Milchzucker auf, als es verdauen kann, und bekommt Blähungen.Hier empfiehlt es sich, das Kind so lange an der ersten Brust trinken zu lassen, bis es von alleine aufhört, und ihm die zweite Brust erst bei der nächsten Mahlzeit zu geben – es sei denn, dass es nach der ersten Seite noch Hunger hat. Auch zum Trösten zwischendurch kann es günstig sein, das Kind an der “leeren” Brust anzulegen, um seinen Magen nicht zu überfordern.
  • Essen Sie, was Ihnen schmeckt, und möglichst vielseitig. Es kommt zwar vor, dass das Kind auf Nahrungsmittel reagiert, die die Mutter isst, aber das ist nur eine von vielen möglichen Ursachen für Koliken. Relativ häufig reagieren Kinder auf Kuhmilch, die die Mutter trinkt; hier lohnt sich ein Auslassversuch. Ansonsten sollten Sie ein Nahrungsmittel nur dann weglassen, wenn Sie einen bestimmten Verdacht haben. Je älter das Kind, desto weniger reagiert es auf viele Nahrungsmittel wie z.B. auf Kohlgemüse, so dass Sie dieses nach einigen Wochen vorsichtig wieder probieren können.

Dem Baby Linderung verschaffen

Machen Sie die Suche nach der Ursache nicht zum Stress und damit zu einer neuen Ursache! Oft lässt sich nichts finden. Dann gibt es immer noch Möglichkeiten, dem Baby Linderung zu verschaffen:

  • Beim Herumtragen werden viele Babys ruhig. Wenn Sie das Baby auch tragen, wenn es (noch) nicht schreit, kann das bei manchen Babys dem Schreien vorbeugen. Sie können mit dem Baby in einer geeigneten Tragehilfe Ihren alltäglichen Verrichtungen nachgehen. Manche Babys liegen gerne in Bauchlage auf den Armen oder den Beinen der Eltern. Wenn Ihr Baby auf dem Arm trotzdem noch weint, ist es wenigstens mit seinen Schmerzen nicht verlassen und allein.
  • Oft hilft Wärme – ein warmes Bad, ein Wollhemd – oder Massage oder Bewegungsübungen auf dem Wickeltisch, bei denen Sie miteinander Spaß haben können.
  • Wenn Sie tagsüber mit dem Baby an die frische Luft gehen, werden manchmal auch die Abende ruhiger.
  • Es gibt verschiedene Tropfen, die gegen Blähungen verschrieben werden, aber nur manchmal helfen und zum Teil viel Alkohol enthalten. Bei gestillten Kindern kann die Mutter Fenchel-, Anis- oder Kümmeltee trinken.
  • Vielleicht hilft es Ihnen, eine Art Tagebuch zu führen, um zu sehen, ob Ihr Baby so viel schreit, wie Sie glauben, und ob Sie bestimmte auslösende Situationen erkennen können.
  • Ganz wichtig: Sorgen Sie gut für sich selbst! Nehmen Sie Hilfe an, lösen Sie sich gegenseitig beim Trösten und Versorgen des Kindes ab. Suchen Sie Kontakte, z.B. bei Stilltreffen oder in anderen Eltern-Kind-Gruppen. Sorgen Sie dafür, dass Sie gut und genug essen, z.B. können Sie sich statt Blumen ein Essen mitbringen lassen oder auch auf Fertiggerichte zurückgreifen. Dann bleiben Sie bei Kräften und können gelassener mit dem Kind umgehen. Meistens wird das Kind dann auch gelassener.

Literatur

  • Utta Reich-Schottky: Stillen und Stillprobleme. Hippokrates Verlag, Stuttgart 1998
     

Autorin

Utta Reich-Schottky, Studienrätin für Biologie und Chemie, ist Stillberaterin der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (AFS).

Tel.: 0421/273401

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Erstellt am 5. Februar 2002, zuletzt geändert am 17. März 2015