Wie durch Geruch Bindung entsteht

Elisabeth Gründler

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In den ersten Lebensmonaten sind vertraute Gerüche von großer Bedeutung für das Kind. Sie helfen ihm, sich in seiner Umgebung zu orientieren, beruhigen es und tragen auf diese Weise zu seiner gesunden Entwicklung bei. Bindungen an vertraute Personen und Orte werden auch über den Geruchssinn aufgebaut. Warum Kuscheltier und Schmusedecke auch noch im 3. oder 4. Lebensjahr wichtig sein können, lesen Sie im folgenden Artikel.

Der Geruchssinn von Säuglingen und kleinen Kindern

“Hmmm, Brötchen! Papa, heute gibt’s Brötchen!” Der vierjährige Benni schnuppert genießerisch, als er gegen acht Uhr morgens den Kindergarten betritt. An der Hand von Hendrik, seinem Vater hüpft er den Flur entlang. Ein Duft von frischem Hefeteig erfüllt die Räume. “Vielleicht kann ich noch mithelfen bei den Brötchen?”, hofft Benni und verabschiedet sich von seinem Vater. Zielstrebig geht er in den Gruppenraum, wo jeden Montagmorgen aus frischem Weizen-Vollkorn-Mehl ein Hefeteig geknetet wird.

Frisches Hefegebäck hat einen unverkennbaren Duft. Die meisten Kinder und Erwachsenen verbinden damit das Erlebnis einer wohlschmeckenden Mahlzeit – so auch Benni. Er hat es viele Male erlebt: Am ersten Tag der Kindergarten-Woche gibt es selbstgebackene Brötchen. Im ganzen Haus duftet es dann verführerisch. Der Montagmorgen, den viele Erwachsene mit wenig angenehmen Gefühlen verbinden, beginnt für den Vierjährigen mit einem angenehmen Duft und der Aussicht auf ein Frühstück mit frischen Brötchen. Aufgrund dieser Sinneswahrnehmung fällt Benni seine Entscheidung für seine erste morgendliche Aktivität: Er will beim Brötchen backen mittun. Sein Geruchssinn hilft ihm, sich in seiner Welt zu orientieren.

Schon das Ungeborene kann riechen

Der Geruchssinn gehört zu den sogenannten “Nah-Sinnen”, ebenso wie der Tast- und der Geschmackssinn. Diese Nah-Sinne ermöglichen eine Orientierung in der unmittelbaren Umgebung. Dagegen werden Sehen und Hören eher für die Wahrnehmung von Signalen und Umweltreizen über eine größere Entfernung benötigt. Um eine Orientierung im Nahbereich zu ermöglichen, ist der Geruchssinn bei der Geburt schon ziemlich ausgereift.

Bereits in der 28. Schwangerschaftswoche beginnen diejenigen Nervenbahnen zu funktionieren, die für das Riechen notwendig sind. Durch das Fruchtwasser und über seine sich entwickelnde Nasenschleimhaut kann der Embryo riechen – je weiter die Schwangerschaft fortgeschritten ist, umso besser und intensiver.

Gegen Ende der Schwangerschaft wird die Plazenta immer durchlässiger. Das trägt auch zu immer besser Geruchswahrnehmung bei. Durch die Atem- und Schluckbewegungen des Fötus gelangen Geruchsmoleküle zu den Rezeptoren in seiner Nase. Über neuronale Reizleitungen werden diese in die entsprechenden Areale seines Hirns weitergeleitet und können auf diese Weise vom ungeborenen Kind wahrgenommen werden.

Gegen Ende der Schwangerschaft kann das Ungeborene so gut wie alles riechen, was auch die werdende Mutter an Gerüchen wahrnimmt: Essensdüfte, Parfüm, Abgase. Auch das Fruchtwasser selbst hat einen charakteristischen Geruch. Diesen nimmt das Ungeborene sehr deutlich wahr. Er ist Teil seiner vertrauten Umgebung.

Vertraute Gerüche erleichtern die Orientierung

Der vertraute Geruch des mütterlichen Fruchtwassers kann dem Neugeborenen die Orientierung in der noch unbekannten Welt erleichtern. Studien haben gezeigt, dass Neugeborene in der ersten Lebensstunde die eigene Hand zum Saugen leichter finden – und damit ruhiger werden – wenn sie noch nicht gewaschen worden waren. Die Forscher vermuten als Ursache den vertrauten Geruch des mütterlichen Fruchtwassers, der auch an der Hand des Babys haftet. Das ist einer der Gründe, so die Schlussfolgerung aus dieser Forschung, warum man Neugeborene nicht sofort nach der Geburt waschen soll.

Auch wenn die Brustwarzen der Mutter mit Fruchtwasser benetzt wurden, mochten die neugeborenen Säuglinge diese lieber. Der vertraute Geruch wies ihnen den Weg zur Nahrungsquelle und beruhigte sie.

Durch Gerüche entstehen Bindungen

Jeder Mensch, so hat man herausgefunden, hat seine eigene, unverkennbare “Duftmarke” [wissenschaftlich: olfaktorische Signatur]. Sowohl Mütter als auch Kinder sind in der Lage, sich gegenseitig am Geruch zu erkennen. So konnten Mütter unter mehreren T-Shirts fast unfehlbar dasjenige “erschnüffeln”, in das ihr eigenes Kind eingewickelt worden war. Sie waren dazu auch dann in der Lage, wenn sie nach der Geburt nur zehn Minuten mit dem eigenen Kind verbracht hatten. Umgekehrt gilt ähnliches: Forscher haben beobachtet, dass wenige Tage alte Kinder wesentlich ruhiger wurden – ihre noch zappeligen und desorganisierten Körperbewegungen nahmen deutlich ab – wenn sie den Körpergeruch der eigenen Mutter wahrnehmen konnten.

Gestillte Babys sind in dieser Hinsicht im Vorteil gegenüber Flaschenkindern, denn sie können bei Nahrungsaufnahme immer auch die Mutter riechen. Beruhigung durch vertraute Gerüche sind für das Wohlbefinden und die Entwicklung des Babys von großem Wert: Es dient seinem Wachstum und seiner ungestörten Entwicklung.

Wenn das Baby entgegen seiner Gewohnheit plötzlich unruhiger ist als sonst, kann die Ursache ein ungewohnter Geruch sein: Ein Deodorant oder ein Parfüm, das seine Mutter benutzt hat und das den vertrauten Körpergeruch überdeckt. So musste eine junge Mutter erleben, dass ihr 7-Monate alter Sohn sich 12 Stunden lang weigerte, aus ihrer linken Brust zu trinken. Die einzig mögliche Ursache: Die junge Mutter hatte sich bei einem Stadtbummel Parfümproben auf den linken Unterarm aufgetragen.

“Sie können sich nicht riechen”, sagt man von Menschen, die sich nicht mögen. In dieser umgangssprachlichen Wendung wird das Erfahrungswissen um die Bindungsfunktion des Geruchssinnes ausgedrückt.

Kuscheltiere und Schmusedecken: den vertrauten Geruch überall hin mitnehmen

Kinder zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr, die sich immer weiter von der Mutter entfernen, bevorzugen oft eine Schmusedecke oder ein Kuscheltier, das sie überall hin mitnehmen. Erwachsene betrachten oftmals mit Skepsis das meist unansehnlich gewordene Lieblingsobjekt und können kaum verstehen, warum dies für das Kind so unverzichtbar ist. Und wenn das gute Stück mal aus hygienischen Gründen in die Waschmaschine kommt, sind Eltern oft überrascht von dem Protestgeschrei oder Jammergeheul ihres Kindes; oder sie erleben, dass es mit dem frisch gewaschenen Schmusetuch überhaupt nicht einschlafen kann. Nicht selten wird das Kuscheltier dann endgültig verstoßen oder die Schmusedecke aufgegeben.

Forscher und Forscherinnen vermuten, dass es die vertrauten Gerüche des eigenen Speichels oder anderer Flüssigkeiten sind, die von dem Kuschelobjekt ausgehen. Damit beruhigen sich die Kinder, wenn sie in einer fremden Umgebung oder die Eltern gerade nicht verfügbar sind. Mit dem bevorzugten Gegenstand nehmen die Kinder gewissermaßen ihre vertraute Geruchsumgebung mit und fühlen sich damit sicherer in der Welt. In der Phase der Ablösung von den Eltern erleichtern ihnen solche Gegenstände die Eingewöhnung in Krippe, Kita oder bei der Tagesmutter.

Das beschriebene Verhalten ist kulturell geprägt. In anderen Kulturen, wo kleine Kinder in ständiger körperlicher Nähe zu ihren Eltern leben, wird die Bindung an ein Übergangsobjekt wesentlich seltener beobachtet.

Sich wohl fühlen durch vertrauten Geruch

Der vierjährige Benni benutzt sein Kuscheltier nur noch abends zum Einschlafen. Im Kindergarten, so hat er vor einigen Monaten entschieden, gibt es zu viel zu tun – da will er seine Hände frei haben. Doch dass es jeden Montagmorgen in seiner Kita so gut duftet, erleichtert es ihm nach dem Wochenende daheim mit den Eltern, sich hier wieder wohl zu fühlen.

Literatur

  • Lise Eliot (2010): Was geht da drinnen vor? Die Gehirnentwicklung in den ersten fünf Lebensjahren. Berlin-Verlag, 2. Auflage.
  • Renate Zimmer (2012): Handbuch der Sinneswahrnehmung, Freiburg.

Autorin

Elisabeth C. Gründler

Freie Journalistin

Prinzregentenstr. 69a

10715 Berlin

Erstellt am 14. Oktober 2003, zuletzt geändert am 28. Oktober 2013