Wie gehe ich mit dem Trotz meines Kindes um?

Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll
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Trotzverhalten wird bei Kindern mit etwa eineinhalb Jahren beobachtet und berichtet und dauert bis ins dritte, seltener vierte Lebensjahr. Betrachtet man die Situationen, in denen Kinder Wut und Ärger lautstark äußern und sich den Anordnungen ihrer Eltern widersetzen oder verweigern, fällt auf, dass in diesen Situationen unterschiedliche Bedürfnisse auf Seiten der Eltern und der Kinder aufeinanderprallen. Kinder brauchen die Hilfe ihrer Eltern, um mit ihren Gefühlen umzugehen, besonders wenn diese stark und belastend sind.

Beispiel 1:
Montagmorgen, Marie (2 Jahre) soll jetzt in die Kinderkrippe gebracht werden. Die Mutter muss zu einem wichtigen Termin in die Arbeit, die Zeit ist knapp. Als die Mutter Marie die Stiefel anziehen möchte, greift Marie nach den neuen Lackschuhen und läuft damit fort. Die Mutter ruft das Kind, hält es schließlich fest und versucht, Marie die Stiefel anzuziehen, gegen den erheblichen Widerstand des Mädchens, dass immer wieder äußert „neue Schuhe alleine anziehen“. Als die Mutter durchgreifen möchte, wirft sich Marie schreiend auf den Fußboden und brüllt „alleine!“, und tritt nach der Mutter.

Beispiel 2:
Alexander (3 Jahre) begleitet seinen Vater zum Wochenendeinkauf am Samstagvormittag in einen großen Supermarkt. Sie fahren mit dem Auto, und schon die Suche nach einem Parkplatz gestaltet sich schwierig. Als ihnen dann auch noch der letzte Einkaufswagen vor der Nase weggeschnappt wird, sinkt die Laune des Vaters merklich. Alexander setzt sich zunächst in den Einkaufswagen, wird dann aber zappelig und will raus. Der Vater arbeitet die lange Einkaufsliste ab, muss gleichzeitig aber Alexander im Blick behalten, der immer wieder hinter ein anderes Regal läuft oder Waren ausräumt oder aber darauf besteht, mehrere Großpackungen an Gummibärchen in den Wagen zu legen. Als Vater und Sohn dann auch noch lange in der Schlange vor der Kasse stehen und Alexander quengelt, weil er die Kaugummis aus dem Regal neben ihm haben will, die Packung nimmt und aufreißt, eskaliert die Situation. Der Vater herrscht Alexander an, entreißt ihm die Kaugummis und Alexander wirft sich brüllend auf den Boden.

Die Beispiele zeigen, dass das Thema „Trotz“ zwei wichtige Bereiche der Entwicklungspsychologie der frühen Kindheit beinhaltet:
1. Das Grundbedürfnis nach Autonomie und
2. Die Emotionsregulation des Kindes.

Welche seelischen Grundbedürfnisse haben kleine Kinder?

Zunächst soll kurz dargestellt werden, was die wesentlichen Grundbedürfnisse sind, und welche Bedeutung die Eltern-Kind Beziehung für die Fähigkeit des Kindes hat, seine Gefühle zu regulieren.
Seit den Untersuchungen von René Spitz in den 1940ger Jahren zum Hospitalismus ist bekannt, dass die Befriedigung der physischen Grundbedürfnisse (Hunger, Durst, körperliche Hygiene, Schutz vor Kälte oder Hitze) nicht ausreicht, um eine gesunde Entwicklung von Kindern zu gewährleisten. Vielmehr gehört eine angemessene Befriedigung der psychischen Grundbedürfnisse zu den Voraussetzungen. Nach den beiden amerikanischen Motivationsforschern Deci und Ryan werden drei psychische Grundbedürfnisse unterschieden:

  • Bindung
  • Kompetenz
  • Autonomie

Das Grundbedürfnis nach Bindung steht für das Bedürfnis, enge zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen, sich sicher gebunden zu fühlen und sich als liebesfähig und liebenswert zu erleben. Dem Grundbedürfnis nach Kompetenz liegt der Wunsch nach einer effektiven Interaktion mit der Umwelt zugrunde, durch die positive Ergebnisse erzielt und negative verhindert werden können. Autonomie steht für das Grundbedürfnis nach freier Bestimmung des eigenen Handelns und selbst bestimmter Interaktion mit der Umwelt.

Kinder sind darauf angewiesen, dass diese psychischen Grundbedürfnisse nach Bindung, Kompetenz und Autonomie von ihrer Umwelt, d.h. zunächst von ihren Eltern aktiv befriedigt werden. Das Grundbedürfnis nach Bindung wird durch feinfühlige Zuwendung zum Kind befriedigt. Dieses elterliche Engagement steht für eine Beziehung zum Kind, die von Freude und Interesse am Kind geprägt ist, in welcher Gefühle offen ausgedrückt werden können und die Bezugsperson emotional und zeitlich verfügbar ist. Fehlendes elterliches Engagement reicht von mangelnder Feinfühligkeit bis zu Vernachlässigung und Misshandlung. Struktur ist notwendig, um die Kompetenz eines Kindes zu fördern, sie umfasst an den Entwicklungsstand angepasste Herausforderungen, aber auch Hilfestellung beim Erwerb von neuen Strategien. Das Gegenteil von Struktur – Chaos – ist charakterisiert von Unvorhersagbarkeit, Über- oder Unterstimulation, einem Mangel an Kontrolle und an Unterstützung beim Erreichen von Zielen.

Autonomie unterstützendes Verhalten beinhaltet die Gewährung von Freiheit und Wahlmöglichkeiten bei einem Minimum an Regeln, so dass eigene Ziele erkannt und verfolgt werden können. Autonomie wird auch als Entwicklungsschritt verstanden, als Übergang zu selbst-reguliertem Verhalten, welcher jedoch nicht unabhängig von der Umwelt geschehen kann und somit sehr beeinflussbar ist. Die Unterstützung von Autonomie ist demnach ein wichtiger Punkt im Verhalten von Bezugspersonen. Die Hemmung von Autonomiebestrebungen kann durch übermäßige Kontrolle, Manipulation oder Strafen geschehen.

Werden die Grundbedürfnisse nach Bindung, Kompetenz und Autonomie von der Umwelt angemessen befriedigt, zeigen Kinder ein flexibles und interessiertes Engagement in Beziehungen, aber auch in anderen Aktivitäten, die förderlich für eine weitere adaptive Entwicklung sind.

Das erste Beispiel verdeutlicht, dass Kinder schon sehr früh das Bedürfnis haben, Dinge selbst zu tun und damit Kompetenzen zu erwerben. Marie möchte selbstbestimmt handeln und die Schuhe ihrer Wahl selber anziehen, weil sie sich dabei als selbstständig und kompetent erleben kann. Ihr Bedürfnis nach Autonomie und Kompetenz prallt hier auf das Bedürfnis der Mutter, Marie schnell die wetterfesten Schuhe anzuziehen und sie rechtzeitig zur Krippe zu bringen, um selber nicht zu spät zu kommen.

Sichere Bindungsbeziehungen helfen Kindern mit Gefühlen umzugehen

Damit Kinder ein aktives Erkundungsverhalten zeigen und sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, brauchen sie die Basis einer sicheren Bindungsbeziehung zu ihren Eltern. Sind die Eltern für ihr Kind verlässlich verfügbar und gehen sie feinfühlig auf seine Bedürfnisse ein, dann bildet das Kind eine sichere Bindungsbeziehung zu ihnen aus.

Diese ersten Bindungsbeziehungen zu den Eltern sind nicht nur wichtig um von dort aus die Umwelt zu erkunden und eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben, sondern auch, weil Kinder in diesen Beziehungen den Umgang und die Regulation von Gefühlen erfahren und erlernen. Die Fähigkeit vor allem negative Gefühle wie Ärger, Traurigkeit oder Angst zu regulieren ist nicht angeboren, sondern wird erst im Kontext der primären Beziehungserfahrungen erlernt. Je kleiner ein Kind ist, desto stärker ist es darauf angewiesen, dass seine Gefühle extern, also durch seine Bezugspersonen reguliert werden. Ein Kind ist darauf angewiesen, dass es bei Kummer Trost erfährt und bei Ärger Hilfe, sich zu beruhigen. Ein Kind braucht bei Angst Ermutigung und Sicherheit.

Gelingt es den Eltern, ihr Kind liebevoll und einfühlsam bei der Bewältigung seiner negativen Gefühle zu unterstützen, so wird das Kind nach und nach lernen, seine Gefühle selber regulieren zu können. Das gelingt, weil es in der emotionalen Geborgenheit der Beziehung zu seinen Eltern erlernen konnte, seine Gefühle wahrzunehmen, ihre Ursache zu erkennen und wirksame Strategien des Umgangs damit zu erlernen.

Das zweite Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, die Gefühle des Kindes zu regulieren, wenn die eigene Anspannung oder Belastung zu groß ist. Für Alexander und seinen Vater ist der gemeinsame Einkauf gleichermaßen anstrengend, und für Alexander eine Aneinanderreihung von Frustrationen. Er kann weder seinem Bedürfnis nach freier Erkundung der Umgebung noch seinem Bewegungsdrang nachgehen und erfährt sich auch nicht als kompetenter Helfer, da seine Versuche einzukaufen auf Ablehnung beim Vater stoßen. Dazu kommen bei Alexander zur Reizüberflutung und Frustration auch noch Müdigkeit und Langweile hinzu.

Deutlich wird, dass Trotzverhalten bei Kindern mit der Frustrierung ihrer Grundbedürfnisse nach Autonomie und Kompetenz zusammenhängt, die zu Wutausbrüchen und Verzweiflung führen. Aber auch Situationen, in denen Kinder emotional überfordert sind, müde, abgespannt und zu vielen Reizen ausgesetzt, tragen zu Gefühlsausbrüchen bei. Kinder sind auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen, um mit diesen überwältigenden Gefühlen umzugehen. In dieser Überforderungssituation hilft es Kindern am besten, wenn die Eltern ihrem Kind signalisieren, dass sie da sind und bereit sind ihr Kind zu unterstützen. Je nach Temperament des Kindes kann eine liebevolle Umarmung oder ein ruhiges, zugewandtes Abwarten helfen. Entscheidend sind die Haltung der Eltern zum Kind in der Situation und das Wissen darum, dass ein Kind in diesem Alter seine Gefühle nicht selber regulieren kann. Liebevolle, geduldige Zuwendung führt bei einem Trotzanfall zu Deeskalation, manchmal ist auch Humor oder witzige Ablenkung hilfreich.

Am besten ist jedoch das Vorbeugen. Genau hinsehen, wann ein Trotzanfall vorkommt und beim nächsten Mal die Situation im Vorfeld entspannen.

Im ersten Beispiel könnte die Mutter schon am Vortag mit Marie die Kleidung für den Kindergarten aussuchen und rauslegen, und etwas mehr Zeit einplanen, damit Marie, während die Mutter sich fertig macht, schon mit dem Anziehen der Schuhe beginnen kann. Je mehr Möglichkeiten Marie bekommt, selbst aktiv zu werden und ihre Kompetenzen bei der Vorbereitung des Tages, also beim Ankleiden, Frühstücken etc. selber erproben kann, desto weniger Frustrationen erlebt sie.

In Bezug auf das zweite Beispiel könnte der Vater bedenken, dass der Wochenendeinkauf für Alexander anstrengend und ermüdend sein wird. Er sollte eine kleine Brotzeit und zu trinken, ebenso wie ein kleines Lieblingsspielzeug, was Alexander nur selten bekommt dabei haben. Außerdem könnte er versuchen, Alexander beim Einkaufen auch Aufgaben zuteilen, z.B. ihn fragen, welche Dinge er suchen und in den Einkaufswagen legen möchte. Beim Warten an der Kasse, könnten Brotzeit oder Spielzeug zum Einsatz kommen. Alexander kann dann auch helfen, die Waren auf das Band zu legen. So könnten die Bedürfnisse des Kindes nach Aufmerksamkeit und Zuwendung und nach selbstbestimmter Mitwirkung und dem Erleben eigener Kompetenz berücksichtigt werden.

Fachbuchempfehlung

  • Becker-Stoll, F., Niesel R., Wertfein, M. (2014). Handbuch Kinderkrippe. So gelingt Qualität in der Tagesbetreuung. Freiburg im Breisgau: Herder.
  • Sunderland, M. (2006). Die neue Elternschule. München: Dorling Kindersley. S.8–63.

Autorin

Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll, Dipl.-Psychologin, seit 2006 Leiterin des Staatsinstitutes für Frühpädagogik (IFP). Studium der Psychologie und Pädagogik an der Universität Regensburg. Promotion 1997 bei Klaus Grossmann im Bereich der Bindungsforschung. Anschließend wissenschaftliche Mitarbeit am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. 2005 Habilitation an der Ludwig-Maximilians-Universität München, seit 2012 APL Professur an der LMU München. Forschungsschwerpunkte: Bindungsentwicklung von der Kindheit bis zum Jugendalter, frühkindliche Bildungsprozesse, Qualitätsbedingungen frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung

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Erstellt am 3. Juni 2008, zuletzt geändert am 17. Juli 2015