Guter Rat ist teuer: Können Ratgeberbücher Eltern über die Pubertät ihrer Kinder retten?

Dr. Christiane Papastefanou
Cpapastefanou
 

 

 

Pubertät – eine einzige Krise?

Wenn bei den Kindern die ersten Pickel sprießen und die Stimme tiefer wird, dann stehen die Alarmsignale in Familien auf rot. Krisenstimmung ist angesagt, die Eltern rechnen mit dem Schlimmsten. Die lieben Kleinen mutieren über Nacht zu wahren Monstern, die den Eltern mit ihren Launen und ihrer Aufsässigkeit das Leben schwer machen. Auch die Medien schüren gern dieses Bild einer Krisenzeit, in der es in Familien drunter und drüber geht (Papastefanou, 2001). Immer mehr und immer jüngere Kinder sind verhaltensauffällig, einige hängen mit 14 Jahren schon an der Nadel, andere begehen bereits ihre ersten Delikte. Viele junge Mädchen haben Untergewicht, um den von ihnen angebeteten Models nachzueifern. Sind dies Extremfälle oder ist diese Situation bei uns langsam an der Tagesordnung? In der populärwissenschaftlichen Literatur, in der verzweifelte Eltern Rat und Hilfe suchen, fühlen sie sich in ihren Befürchtungen bestätigt. Exemplarisch für die Verbreitung von Krisenstimmung sei hier folgende Aussage in einem Ratgeberbuch von Eder (2002) zitiert: “Kinder- und Jugendpsychiater sind sich einig, dass die frühe und mittlere Adoleszenz die schwerste Krise ist, die ein Mensch in seinem ganzen Leben durchmachen muss” (S. 18).

Doppelkrise: Eltern in der “zweiten Pubertät”

Aber es kommt noch schlimmer, denn den Eltern ihrerseits ergeht es nicht viel besser. Während die Kinder sich in der Blüte ihres Lebens befinden, werden sie unerbittlich und unübersehbar von den ersten Anzeichen des Älterwerdens eingeholt, seien es Falten, graue Haare oder schwindende Kräfte und gesundheitliche Probleme, die erste Gleitsichtbrille wird fällig. Im Lebensrückblick überdenken die Eltern bestimmte Entscheidungen und planen sorgfältig für die zweite Lebenshälfte, in der ihnen nicht mehr alle Wege offen stehen. Der eigene Nachwuchs dagegen lebt sorglos in den Tag hinein, voller Träume und Ideen für die Zukunft. Da kann man schon mal neidisch werden. In der Lebensmitte sind Eltern außerdem oft durch Krankheit und Tod der eigenen Eltern belastet. Da haben ihnen die Probleme mit den jugendlichen Kindern gerade noch gefehlt. Da also beide Generationen wichtige Übergangsphasen durchleben, verdoppelt sich das Krisenpotential sozusagen. Daher lautet der Buchtitel eines Ratgeberwerkes treffenderweise: “Ich krieg die Krise – Pubertät trifft Wechseljahre” (Lutz, 2002).

Eltern sein dagegen sehr

Gerade in der Jugendzeit ihrer Kinder sind Eltern besonders unsicher und besorgt, werden doch hier die Weichen für deren weiteren Lebensweg gestellt. Geraten die Kinder später auf die schiefe Bahn, heißt es dann: “Der kommt aus schwierigen Familienverhältnissen”. Die heutige Elterngeneration trifft es hart, denn sie sind mit viel Enthusiasmus und hohen Idealen an die Erziehung herangegangen. Sie wollten ein gleichberechtigtes Verhältnis zu ihren Kindern haben und ihnen mit Verständnis und Respekt begegnen. Machtworte und anderes “autoritäres Gehabe” waren out, alles wurde ausdiskutiert. Die Kleinen haben “Peter” und “Susanne” zu ihnen gesagt, nicht “Mama und Papa”. Die Eltern haben keine Mühen gescheut, damit aus ihren jugendlichen Halbstarken rechtschaffene Bürger werden, die es im Leben zu etwas bringen. Dafür haben sie ihnen alles geboten, von der musikalischen Früherziehung bis zum teuren Sprachkurs in England. Umso mehr sind Eltern enttäuscht, wenn die herangewachsen Kinder machen, was sie wollen und den elterlichen Einsatz nicht honorieren, sondern in den Tag hinein leben und sich hängen lassen. Statt Dankbarkeit zu zeigen, tanzen sie ihren Eltern auf der Nase herum, ziehen sich zurück und verhalten sich abweisend, schlimmstenfalls beschimpfen sie diese sogar. Sind das die Blüten, die das liberale Erziehungsverhalten treibt? Natürlich fragen Eltern sich im nachhinein: was haben wir nur falsch gemacht?

Steuern wir auf einen “Erziehungsnotstand” zu?

Kürzlich mehren sich kritische Stimmen an dem liberalem Erziehungsstil, der dazu führe, dass Eltern heutzutage ihre Kinder zu sehr sich selbst überlassen und ihre Erziehungsverantwortung nicht hinreichend wahrnehmen würden. Einige Autoren rufen daher in deutschen Familien eine “Erziehungskatastrophe” aus (Gaschke, 2003). Die Autorin beklagt “Hinweise auf eine Art von seelischer Verwahrlosung, von Abstumpfung, Grobheit und Unempfindlichkeit. Und zwar sowohl bei einer wachsenden Zahl von Kindern, die heute erzogen werden, als auch bei den Eltern, die sie erziehen” (S. 10). Viele Jugendliche sitzen stundenlang vor dem PC und vergnügen sich mit Spielen, die ihren Eltern nur so Schauer über den Rücken jagen. Eltern kommen nicht mehr nach und kapitulieren vor dem Einfluss der neuen Medien. Die Kinder genießen alle Freiheiten, denn ihre Eltern zeigen ja für alles Verständnis. Der Ruf nach alten Werten (Fleiß, Ordnung, Gehorsam) und autoritärer Erziehung wird wieder lauter. Eben noch die Kumpel ihrer Kinder, so ist jetzt Konsequenz und Grenzziehung angesagt. Die Erziehung schlägt einen neuen Kurs ein oder sollte man besser sagen, einen alten? Vielleicht wäre ein wenig Kontrolle doch nicht schlecht? Wir besinnen uns auf die guten alten Zeiten, in denen die Eltern noch sagten, wo es lang geht, und die Kinder darauf hörten.

Eltern auf der Suche nach der “richtigen Erziehung”

In ihrer Verunsicherung fragen Eltern sich ständig, wie sie es denn nun richtig machen sollen. Sie vertrauen längst nicht mehr auf ihre Intuition und meinen, auf den Rat von Experten angewiesen zu sein. Aber wie erzieht man denn heute richtig? Der Spiegel schrieb unlängst zu dieser Frage: “Mit Bestimmtheit zu sagen, wie “richtige Erziehung” heute aussehen soll, ist schwer, zu sehr hat die Modernisierung der Gesellschaft die Bedeutung von Familie und Elternhaus verändert, mischen sich Medien in die Pädagogik ein, definieren wirtschaftliche Anforderungen neu, wie lange Jugend dauert, was Reife bedeutet, welche Normen Bestand haben” (22, 2001, S. 116). Auf der Suche nach Antwort können Eltern auf die unterschiedlichsten Informationsquellen zurückgreifen, von pädagogischen Fachzeitschriften über handelsübliche Elternratgeber bis hin zum Fernsehen und Internet. Angesichts der ständig wachsenden Informationsflut droht die Orientierung völlig verloren zu gehen. Auf wen oder was sollen sie hören? Welchem Experten kann man trauen? Ist in der Pubertät überhaupt noch etwas zu retten oder ist es schon zu spät? Sichtermann meint dazu: “Es beginnt damit, dass Eltern wissen müssen: Wenn die Pubertät ihres Kindes sich ankündigt, haben sie ihre Elternrolle ausgespielt” (2002, S. 232). Meist werden die elterlichen Einflussmöglichkeiten jedoch optimistischer gesehen. So meint etwa Rogge (1998): “Pubertät schreit nach Erziehung”.

Elternratgeber unter der Lupe

Die Nachfrage nach Ratgeberbüchern ist groß, der Markt boomt seit Jahren. Ratgeber sind bequem, weil sie leicht zugänglich und verständlich geschrieben sind. Das gilt besonders für die Pubertät, in der sich die Probleme zu Hause häufen. Doch was haben die Ratgeber Eltern wirklich zu bieten? Barbara Sichtermann, selbst Autorin einiger Elternratgeber, schrieb hierzu einen Artikel, in dem sie ein kritisches Resume zieht, mit dem Titel: “Was hilft bei der Pubertät? Ratgeber jedenfalls nicht” (Die Zeit, 1999). Dieser Frage wird auch in diesem Beitrag nachgegangen. Anhand einer Analyse von 12 Ratgeberwerken wird hier herausgearbeitet, was ein informatives und hilfreiches Ratgeberbuch kennzeichnet. Die meisten von ihnen beziehen sich auf die Situation von Jungen und Mädchen, einzelne befassen sich nur mit dem einen oder dem anderen Geschlecht.

“Pubertät” und “Adoleszenz” – wovon ist überhaupt die Rede?

Ein Blick in die Ratgeberbücher zeigt, dass die Autoren sich nicht einmal einig sind, über welche Zeitspanne sie schreiben. Die Begriffe Adoleszenz und Pubertät sind unterschiedlich definiert und entsprechen oft nicht den entwicklungspsychologischen Kriterien. Einige Autoren verzichten sogar ganz auf eine solche begriffliche Klärung, andere bleiben vage, wie z.B. folgende von Siegler: “Adoleszenz ist die Bezeichnung, die wir der seelischen Entwicklung zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter geben” (1997, S. 19). Ebenso unterschiedlich werden die einzelnen Phasen des Jugendalters festgelegt. Üblich sind drei Phasen: “Vorpubertät” (10-12 Jahre), “Pubertät” (14-17 Jahre) und “Nachpubertät” (17 bis über 20 Jahre). Staley (1996) dagegen benennt fünf von ihr selbst erdachte Phasen. Positiv zu bewerten ist, wenn auf die große Bandbreite im individuellen Entwicklungstempo von Jugendlichen hingewiesen wird: “Weder Anfang noch Ende oder Ablauf der Pubertät stimmen bei allen kids überein” (Nitsch et al., 1995, S. 15). Allgemein kann man jedoch sagen, dass die Pubertät heute immer früher einsetzt, und der Erwachsenenstatus immer später erreicht wird. Einige Autoren (Sichtermann, Siegler) gehen auf die Probleme der heutigen Generation von Jugendlichen ein, die einer Reihe von besonderen Problemen ausgesetzt sind, allen voran der zunehmende wirtschaftliche Druck, eine allgemeine Orientierungslosigkeit und der Wandel der Familie. Dies macht ihr Leben nicht halb so sorglos, wie uns die Medien oft weis machen wollen.

Wer sind die Autoren?

Ratgeberbücher werden überwiegend von Frauen geschrieben, seltener von Männern oder Ehepaaren. Auffällig ist, dass fast die Hälfte der Autoren Amerikaner sind, die ihre Sichtweise der amerikanischen Jugend einfach auf die Jugend in Deutschland übertragen. Dahinter steckt die Annahme, dass die USA bei der Jugendentwicklung – wie bei vielen anderen Dingen – eine Vorreiterfunktion haben. Die meisten Ratgeberautoren sind Fachleute im weiteren Sinne, d.h. Personen, die in pädagogisch-psychologischen Berufen tätig sind, als Berater, Kinderärzte oder Therapeuten arbeiten und Fortbildungen oder Elternseminare durchführen. Bei den anderen handelt es sich um Laien, die von ihren persönlichen Erfahrungen mit ihren eigenen Kindern erzählen. Manche haben Gespräche mit anderen betroffenen Müttern geführt und ihr Erfahrungsspektrum auf diese Weise etwas erweitert. Unter den Autoren sind auch mehrere Redakteurinnen und Fachjournalistinnen, die z. B. für die Zeitschrift “Eltern” schreiben (Nitsch et al., 1995).

Welche Ziele verfolgen Ratgeberbücher?

Im wesentlichen werden drei Ziele verfolgt:

  1. Trost spenden: Durch die Lektüre bekommen Eltern das Gefühl, dass sie ihre Sorgen und Nöte mit vielen Eltern teilen. Fallgeschichten machen deutlich, dass es anderen auch nicht besser oder sogar schlimmer ergeht.
  2. Informationsvermittlung: Die Autoren wollen den Eltern Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt von Jugendlichen verschaffen, um auf diese Weise ihr Verständnis für typische Schwierigkeiten zu wecken.
  3. Rat und Hilfestellung: Für die Eltern am vordringlichsten ist wohl die konkrete Hilfe, wie man den Alltag mit den motzigen Jugendlichen besser bewältigen und vor allem die ständigen aufreibenden Konflikte lösen kann. Einige Autoren stellen dabei eigene Konzepte vor, während andere auf bewährte Elterntrainings zurückgreifen, wie z. B. die Familienkonferenz von Gordon.

Zusammenfassende Bewertung der Ratgeber

Die Ratgeber wurden nach folgenden inhaltlichen und formalen Kriterien bewertet: Aufmachung, Aufbau, Informationsgehalt, Quellenangaben und Lösungshilfen, die für eine Einschätzung der Qualität als geeignet erscheinen.

Aufmachung

Leserfreundlich sind Bücher, die in ansprechender Weise aufgemacht sind: Photos und Abbildungen lockern den Text auf, Hervorhebungen und Tabellen machen den Text übersichtlich. Es wird deutlich, worauf es dem Autor ankommt. Gut zu lesen sind kurze prägnante Kapitel, bei denen schon im Titel deutlich wird, welches Thema behandelt wird. So kann der Leser gezielt Kapitel auswählen, die ihn besonders interessieren. Andere Bücher, die als reine Prosatexte geschrieben sind, lesen sich ausgesprochen mühsam. Den roten Faden zu finden, ist schwer. Im Text von Graham beispielsweise finden sich versteckt Vorschläge für Übungen, die nur der aufmerksame Leser mit etwas Glück findet. Alle Bücher reichern die von ihnen vermittelte Sachinformation mit Fallbeispielen (d. h. Gesprächsausschnitten) oder in einem Fall mit Bildinterpretationen an. Dies macht das theoretische Wissen für den Leser transparent und verleitet zum Schmunzeln.

Aufbau

Gute Bücher sind klar und nachvollziehbar strukturiert. In der Einleitung führt der Autor den Leser an das Thema heran, indem beispielsweise eine Anekdote erzählt wird. Ein Informationsteil enthält verschiedene Kapitel, die sich mit den diversen Aspekten der Entwicklung Jugendlicher befassen und einen Überblick über die Besonderheiten der Lebensphase geben. In einem praktischen Teil werden potentielle Erziehungsschwierigkeiten skizziert und Lösungsvorschläge gemacht, wie Eltern diese anwenden können. Das Ganze wird mit einem Schlusskapitel abgerundet, das die wesentlichen Inhalte noch einmal auf den Punkt bringt. Tagebücher oder Erfahrungsberichte haben dagegen keine inhaltliche Struktur. Es werden lediglich Geschichten erzählt, die der Autor oder andere Eltern mit ihren pubertierenden Kindern erlebt haben. Der Gewinn für die Eltern besteht in dem guten Gefühl, mit ihren Sorgen nicht allein da zu stehen. Verwirrung entsteht, wenn die Autoren sachliche Informationen und persönliche Erfahrungen vermischen, so dass der Leser dies nicht zu unterscheiden vermag.

Informationsgehalt

Kompetente Autoren decken in ihren Büchern ein breites Spektrum an Inhalten ab, d.h. dem Leser wird ein Überblick über die Entwicklung von Jugendlichen verschafft. Typische Themen sind die körperliche und sexuelle Entwicklung, die Identitätssuche, die Ablösung von den Eltern, die Schule und der Umgang mit Gleichaltrigen, alles Themen, die auch Entwicklungspsychologen als entscheidende Entwicklungsaufgaben des Jugendalters verstehen. Nur Sichtermann (2002) konzentriert sich auf die Sexualität, welche sie als alleinige Ursache aller Jugendprobleme sieht. Schließlich wird das jugendliche Risikoverhalten behandelt: was tun, wenn die Kinder rauchen, Alkohol trinken oder Drogen probieren? Eine drängende Frage für die Eltern. Teilweise ist das psychologische Wissen veraltet oder schlicht falsch, wie z. B. folgende Behauptung von Pipher (1996): “In der frühen Adoleszenz, so zeigen Untersuchungen sackt der Intelligenzquotient von Mädchen dramatisch ab” (S. 18). In anderen Fällen ist das Wissen sehr speziell und einseitig, die Sichtweise des Autors wird als die einzig mögliche präsentiert, ohne dass alternative Erklärungsmöglichkeiten erwogen werden. So stützt sich beispielsweise das Autorenpaar Arp ausschließlich auf die Typenlehre von Kretschmer, die in der modernen Psychologie längst als überholt gilt.

Quellenangaben

Informative Bücher verfügen über eine ausführliche Liste mit relevanten Büchern, durchschnittlich findet man etwa 20 Angaben. Spitzenreiter haben über 60 Angaben, darunter viele aktuelle Beiträge namhafter Wissenschaftler, die von der Qualität des Hintergrundwissens der Autoren zeugen (Braun, 2002; Rogge, 1998). Andere Bücher dagegen verzichten völlig auf ein Quellenverzeichnis oder enthalten nur einige Hinweise auf andere Ratgeber, Belletristik oder Zeitungsartikel. Hier bleibt unklar, woher der Autor sein Wissen holt. Da ist von Studien die Rede, ohne dass eine Quelle genannt wird. Einzelne (z. B. Pipher, 1995) berufen sich auf eigene Studien, die aber nicht zitiert werden. Positiv zu bewerten ist, wenn die Autoren Empfehlungen geben oder Hinweise, wo Eltern sich genauer informieren können. In dem Buch von Nitsch und anderen (1995) ist die Literatur inhaltlich gegliedert, d. h. der interessierte Leser erfährt, wo er sich über ein bestimmtes Thema kundig machen kann. Schließlich stellt sich bei den amerikanischen Büchern das Problem, dass deutschsprachige Eltern mit den Literaturhinweisen nicht viel anfangen können.

Konkrete Lösungshilfen

In hilfreichen Büchern werden folgende Problemfelder angesprochen: den Alltag regeln (Haushalt, Ordnung, Pünktlichkeit) und den Autonomiewünschen der Jugendlichen (Äußeres, Ausgeh- und Schlafenszeiten) gerecht werden, dabei Grenzen setzen und Konsequenz zeigen sowie Konflikte konstruktiv lösen. Darüber hinaus werden Wege aufgezeigt, wie Eltern ihre Kinder bei der Bewältigung der schulischen Anforderungen unterstützen und potentiellen Gefahren (Alkohol, Drogen, Gewalt) begegnen können. Erfahrene Autoren stellen Methoden vor, die sich in Elternseminaren bewährt haben. Je konkreter solche Verhaltensanweisungen sind, desto leichter können Eltern diese im Alltag anwenden. Die Anregung, sich an die eigene Pubertät zu erinnern fördert beispielsweise das elterliche Verständnis für die Nöte ihrer Sprösslinge (Braun, 2002). Für Eltern schwer umzusetzen sind dagegen beispielsweise Eders “Tipps aus der Praxis”, die nur anhand von Interviewausschnitten erläutert werden oder Sieglers vier “nützliche Strategien” (Mitleid, Kommunikation, Verständnis und Kompetenz), deren konkreter Sinn in längeren Gesprächsbeispielen untergeht. Teilweise sind Ratschläge widersprüchlich. Beispielsweise legen die meisten Autoren Eltern nahe, mit den Jugendlichen im Gespräch zu bleiben und schlagen hierfür Gesprächstechniken vor. Dagegen rät Lutz den Eltern, dass Schweigen häufig mehr bringt. Was soll man sagen und was nicht? Sichtermann vertritt klar die Position, dass Sex kein Thema zwischen Eltern und Kindern ist, während Siegler Eltern auffordert, unbedingt über heikle Dinge wie Sex zu sprechen. Nach Nitsch schließlich kommt es nur darauf an, den richtigen Moment zu finden und “technische” Fragen über Sex zu klären.

Fazit: Was können Ratgeber leisten und was nicht?

Unumstritten ist die Zeit, in der die Kinder in die Pubertät kommen, die schwierigste Phase einer Elternkarriere, in der Eltern Unterstützung dringend benötigen. Was haben die hier vorgestellten Ratgeber zu bieten? Insgesamt ist die Qualität sowohl der vermittelten Information als auch der praktischen Hilfen sehr unterschiedlich. Zu empfehlen sind die Bücher von Braun, Nitsch und Mitarbeitern sowie Rogge, die kompetent und umfassend über die Pubertät informieren und fruchtbare Impulse liefern, wie Eltern im Erziehungsalltag besser zurechtkommen können. Sichtermann informiert ebenfalls weitreichend, verzichtet aber explizit auf Ratschläge. Arlt, Eder und Lutz kommen durch die Geschichten von Leidensgenossen dem elterlichen Bedürfnis nach emotionaler Entlastung entgegen.

Ratgeberautoren können keine allgemeingültigen Regeln für die Erziehung aufstellen, sondern Eltern ziehen die für sie wichtigen Anregungen heraus und setzen diese jeweils auf ihre persönliche Art im Umgang mit ihren Kindern um. Besonders die amerikanischen Bücher wirken oft etwas “Kochbuchartig” und lassen wenig Raum für individuelle Lösungen. Das Dilemma besteht darin, dass Eltern von Ratgebern Information und schnelle Hilfe erwarten, aber nicht allzu viel Zeit ins Lesen investieren können oder wollen: “Ratgeberliteratur zum Thema Pubertät ist Feuerwehrliteratur und als solche fast immer kurzatmig und oberflächlich” (Sichtermann in Die Zeit, 1999). Die Zeit drängt, denn: “Schließlich steht es Spitz auf Knopf, also muss der Autor rasch zur Sache kommen. Sonst ist die Tochter verhungert und der Sohn an der Droge krepiert.” Für den Fall, dass die Probleme überhand nehmen und die Eltern nicht allein weiterkommen, wird empfohlen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Zum Thema eines drohenden “Erziehungsnotstandes” ist zu sagen, dass die Autoren hier eindeutig Position für die elterliche Erziehungsverantwortung beziehen. Die Aufgabe der Eltern, den Kindern Halt und Orientierung in dieser verunsichernden Übergangsphase in die Erwachsenenwelt zu geben, wird klar hervorgehoben. Übereinstimmend wird die Bedeutung eines konsequenten Erziehungsverhaltens betont: “Eltern verwechseln oft die Notwendigkeit, Grenzen zu setzen und Regeln aufzustellen, mit einer repressiven Autorität, wie sie früher üblich war” (Braun, S. 193). Insgesamt wird eher eine optimistische Sicht vertreten. Viele Autoren sehen die Pubertät als eine spannende Zeit, in welcher Eltern und Kinder sich gemeinsam weiterentwickeln und eine partnerschaftlichere Beziehung zueinander aufbauen können. Eltern können dem Rat der amerikanischen Autoren folgen: positiv denken, auf Gott vertrauen und beten oder sich in mühsamer Kleinarbeit mit sich und ihren Kindern auseinandersetzen. Letzteres lohnt sich, weil sie neue Erfahrungen sammeln, die sie ihren Kindern näher bringen. Auf keinen Fall sollte man seinen Humor verlieren, der oft das Einzige ist, was Eltern in schwierigen Situationen rettet.

Literatur

  • Arlt, M. (1992). Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden. Freiburg: Herder.
  • Arp, C. & D. (1996). Und plötzlich sind sie 13 oder: Die Kunst, einen Kaktus zu umarmen. Gießen: Brunnen.
  • Braun, J. (2003). Jungen in der Pubertät. Wie Söhne erwachsen werden. Hamburg: Rowohlt.
  • Eder, R. (2002). Dauernd ist sie beleidigt. Freiburg: Herder.
  • Gaschke, S. (2003). Die Erziehungskatastrophe. München: Heyne.
  • Graham, L. (1994). Teenager. Überlebensbuch für die Eltern. München: dtv.
  • Lutz, Ch. (2002). Ich krieg’ die Krise. Pubertät trifft Wechseljahre. Freiburg: Herder.
  • Nitsch, C., Beil, B. & v. Schelling, C. (1995). Pubertät? Kein Grund zur Panik. Ein Buch für Töchter, Söhne, Mütter und Väter. München: Mosaik.
  • Papastefanou, Ch. (2002). Jugendliche und ihre Eltern – Freund oder Feind? Vom Mythos eines Generationenkonflikts. In: Familienhandbuch.de, on-line
  • Pipher, Mary. (1996). Pubertätskrisen junger Mädchen und wie Eltern helfen können. Frankfurt: Krüger.
  • Rogge, J.-U. (2001). Pubertät -Loslassen und Haltgeben. München: Rowohlt.
  • Sichtermann, B. (2002). Frühlingserwachen. Pubertät – Wie Sex und Erotik alles verändern. Hamburg: Rowohlt.
  • Siegler, A. (2003). Gemeinsam die Adoleszenz bewältigen. Ein Elternratgeber. Weinheim: Beltz.
  • Staley, Betty (1996). Pubertät. Überleben zwischen Anpassung und Freiheit. Stuttgart: Urachhaus.

Autorin

Dr. Christiane Papastefanou
Privatdozentin am Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft II
Universität Mannheim
Schloss Ehrenhof Ost
68131 Mannheim

Erstellt am 14. Oktober 2003, zuletzt geändert am 14. Oktober 2003