Auf der Suche nach Rat – Bravo als Elternersatz?

Prof. Dr. Astrid Kaiser
Kaisera

In einer Gesellschaft des rapiden Wandels brauchen Heranwachsende Orientierung und suchen eher Rat bei anonymen Medien als bei den Eltern. Sie wollen bei den Gleichaltrigen akzeptiert sein und vertrauen eher den Zeitschriften, die von Ihresgleichen gelesen werden. Eltern sollten sich in diesen Medien auch orientieren, welche Fragen den eigenen Kindern wichtig sein könnten und sich offen und gesprächsbereit zeigen. Gerade gegen zu rigide Geschlechtsrollenbilder, die von den Medien befördert werden, ist es wichtig, entgegensteuernd alternative Möglichkeiten anzubieten.

Wer hat heute das Sagen?

Früher waren Sitten und Gebräuche stabil. Was die Vorfahren festgelegt hatten, galt auch für die Urenkelgeneration. Abweichungen wurden von den Älteren mit Argusaugen beobachtet und bestraft. Normal war die Weitergabe von Normen von Generation zu Generation. Und es dauerte Jahrhunderte, bis sich diese Traditionen lockerten.

Doch bald setzte ein massiver Umbruch ein. So war noch in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts durch den Kuppeleiparagraphen verboten, einem unverheirateten Paar eine Wohnung zu vermieten. Heute sind Wohngemeinschaften kein Stein des Anstoßes mehr. Die Zeiten änderten sich rapide in den 70er Jahren. Die jeweils ältere Generation bestimmte nicht mehr klar und hinterfragt nicht, was Sache war. Es gab sogar den erklärten Kampf gegen die Autoritäten und den “Muff von tausend Jahren” . Wir wissen, dass nicht mehr ausschließlich die Älteren zu bestimmen haben, was gut und richtig ist. Doch im Hinterkopf haben wir immer noch das Gefühl, dass eigentlich die ältere Generation – besonders wenn wir selber älter sind – das Sagen hat.

Die Wünsche ändern sich

Während die Elterngeneration sich noch gut daran erinnern kann, dass in der Tanzstunde die Dame aufgefordert wird und der Herr führt, sieht es rein äußerlich heute deutlich anders aus. Beide Geschlechter gehen auf die Tanzfläche dann, wenn sie wollen. Aber hat sich wirklich alles geändert? Ich behaupte: nur der äußere Schein ist anders geworden. Unter der Oberfläche ist immer noch das Fundament der Vergangenheit. Mädchen sind zwar deutlich selbstbewusster und offener im Auftreten als früher, damit hat sich aber noch nicht ihre Abhängigkeit vom Begehrtwerden durch junge Männer geändert.

Viele junge Menschen entwickeln in der Pubertätszeit das Bedürfnis nach Nähe zum anderen Geschlecht. Eine Mischung aus Hoffnung und Angst vor Misserfolg spielt dabei immer eine Rolle. Aber die Sehnsucht nach Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht ist weit verbreitet – und völlig natürlich. Aber es hat auch Folgen für das Denken und Fühlen. Denn dies ist eine neue Sicht von Welt. Sie selbst suchen sich die Objekte des Begehrens aus. Nicht mehr die eigenen Eltern sind der Bezugspunkt, sondern andere Personen, meist etwa gleichaltrige Partnerinnen oder Partner.

Wem vertrauen?

Wenn fast Gleichaltrige zu den wichtigsten Personen werden, ist es nicht erstaunlich, wenn die jungen Leute sich mit ihren Fragen nicht mehr vertrauensvoll an ihre Eltern wenden, sondern sich zurückziehen – manchmal verschämt, manchmal distanziert. Weil für sie selbst diese Erfahrungen des Herantastens an geschlechtliche Partnerschaft so neu sind, glauben sie, dass die eigenen Eltern davon ohnehin null Ahnung haben. Deshalb distanzieren sie sich von diesen. Aber sie brauchen dennoch Rat. Gleichaltrige sind meist genauso unerfahren und hilflos, Lehrkräfte in der Schule weichen intimen Fragen aus oder scheinen schlicht und einfach keine Zeit für diese persönlichen Fragen zu haben. Da ist es nicht verwunderlich, dass die jungen Menschen nun Rat in Zeitschriften suchen. Je einfacher und klarer, aber auch je direkter diese Zeilen dort formuliert sind, umso mehr wecken sie das Interesse. Die Fachleute von Jugendzeitschriften wissen, welchen Ton sie ergreifen sollen und wirken schon von daher kumpelhafter und vertrauensstiftender.

Die eigenen “Alten” wirken dagegen merkwürdig fremd. Denn unter der jungen Generation wird über Sex jetzt deutlich klarer geredet – manchmal für unsere Begriffe sogar zu klar.

Was bleibt für Eltern zu tun?

Eltern können nicht verlorenes Vertrauen mit Macht zurück gewinnen. Sie sollten es auch nicht versuchen. Es bleibt Eltern nur die Aufgabe, die eigene Gesprächsbereitschaft immer wieder zu zeigen, aber sich nicht mit Ratschlägen aufzudrängen. Unser Nachwuchs hat sich tatsächlich wieder ein wenig mehr von uns abgelöst. Die Ratschläge der Bravo-Redaktion werden gerade in intimen Fragen ernster genommen als die der eigenen Eltern.

Doch es lohnt sich, ab und zu in der Bravo zu lesen, was die jungen Leute so fragen. Zwar sind diese Zuschriften fingiert, aber redaktionell so gut bearbeitet, dass die meisten Fragen authentisch wirken. Eltern können viel erfahren, was in Köpfen von jungen Menschen herumschwirrt. Da gibt es für uns auf den ersten Blick abstruse Fragen nach Verhütung: “Kann ich wirklich nicht von Zungenküssen schwanger werden?” oder “Soll ich Schluss machen, wenn ich eigentlich einen anderen will, aber der mich nicht?” oder “Wenn ich ein Mädchen toll finde, wann darf ich sie mal ansprechen?” Wenn wir selber wissen, um welche Probleme es jungen Leuten geht, werden wird sie besser verstehen können. Dann verschwindet vielleicht das leicht abwehrend wirkende abfällige Lächeln aus unserem Minenspiel, wenn tatsächlich unsere heranwachsenden Kinder sich ein klein wenig uns gegenüber öffnen wollen.

Denn die wichtigste Regel ist: Wenn die Kinder sich verschließen, müssen die Eltern sich ihnen öffnen, aber niemals aufdrängen. Öffnen heißt zu warten, wann das Kind eintritt und es nicht mit der Tür vor den Kopf zu stoßen.

Die Verantwortung der Eltern bleibt

Aber auch wenn wir wieder ein Stück weit “entmachtet” worden sind, sind wir nicht unbeteiligt. In einer Frage sollten wir besonders wachsam sein. Denn in der Pubertät wird die Persönlichkeit als zukünftige Frau oder zukünftiger Mann wesentlich geprägt. Wir wollen nicht, dass unser Kind dabei zu kurz kommt. Aber ungeschriebene Gesetze der Geschlechtsrollen engen unser Kind leicht ein. Da wird von Mädchen verlangt, schön, schlank und attraktiv zu sein. Aber vielleicht hat die eigene Tochter auch sportliche, intellektuelle, künstlerische oder technische Fähigkeiten. Die könnten unter dem Diktat von Geschlechterrollen leicht verkümmern. Ähnlich geht es Söhnen. Das heimliche Gesetz der Geschlechterrollen flüstert uns zu: “Sei stark, durchsetzungsfähig und erfolgreich!” Vielleicht hat unser Sohn aber auch andere Fähigkeiten und könnte künstlerische, emotionale oder soziale Kompetenzen ausbauen. Beobachten Sie, ob die Diktate, typisch männlich oder typisch weiblich zu werden, die Fähigkeiten Ihres Kindes zu beschneiden drohen! Unterstützten Sie Ihr Kind, ein vielseitiges Ich herauszubilden! Es soll keine Musterfigur werden, sondern in erster Linie ein Mensch mit vielen Möglichkeiten.

Autorin

Dr. phil. Astrid Kaiser, Professorin für Didaktik des Sachunterrichts an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Studium in Hannover und an der Universität Marburg, langjährig Lehrerin in Hessen und Bielefeld, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld; Vertretungsprofessorin für Grundschulpädagogik in Kassel; Leitung des niedersächsischen Schulversuchs “Soziale Integration in einer jungen- und mädchengerechten Grundschule” , Mitglied des niedersächsischen Bildungsrates 1999-2002, Leitung von Projekten zur ökologischen und naturwissenschaftlichen Bildung im Sachunterricht.

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Erstellt am 1. Oktober 2003, zuletzt geändert am 28. Juli 2014