Auf der Suche nach dem richtigen Beruf: Wer die Wahl hat…

Elke Leger
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Eine wichtige Entscheidung im Leben eines jungen Menschen: die Berufswahl. Schon früh können Eltern dafür sorgen, dass sich Talente und Begabungen entwickeln. Wichtig ist jedoch, das Kind nicht zu früh in eine Richtung zu drängen.

“Er wird bestimmt mal Dirigent”, sagt die Tante, als der knapp einjährige Paul auf ihrem Schoß sitzt und mit den Ärmchen rudert. Claras Eltern hingegen sind davon überzeugt, dass ihre Tochter später als berühmte Wissenschaftlerin Karriere machen wird, denn “sie ist unbeschreiblich neugierig”. Andreas’ Vater sieht in seinem Fünfjährigen bereits den Nachfolger von Michael Schumacher und Lauras Mutter träumt davon, dass ihre Tochter als Schauspielerin groß rauskommt, weil die Elfjährige sich am liebsten vor dem Spiegel dreht und wendet und auch ganz gut Gedichte aufsagen kann. Dass jedes Kind – jedenfalls das eigene – ein Schlaumeier ist, liegt sowieso auf der Hand: Nicos und Andrés Mütter unterhalten sich über die Vor- und Nachteile der Gymnasien in der Stadt; ihre beiden Söhne sind gerade in den Kindergarten gekommen.

Die Zeiten sind schlecht, gute Jobs fallen nicht mehr in den Schoß – kein Wunder, dass sich die Erwachsenen, und allen voran die Eltern, schon frühzeitig Gedanken über den beruflichen Werdegang der Kinder machen. Einige von ihnen liegen ständig auf der Lauer, um die Talente ihres hoffnungsvollen Nachwuchses bloß rechtzeitig erkennen und fördern zu können. Diese Eltern sind in der Gefahr, das Wichtigste im Leben mit Kindern zu vergessen: die Veränderbarkeit und Weiterentwicklung. Denn bis weit in die Pubertät hinein möchte das Kind sich und seine Möglichkeiten ausprobieren, ohne gleich festgelegt zu werden. Der Facettenreichtum in der Persönlichkeit des Kindes ist es, der gefördert werden will. Ob ein Kind später seine Begabung im musischen oder technischen Bereich zeigt, ob es in einem sozialen, kaufmännischen oder handwerklichen Beruf seine Erfüllung findet, ob es eine Lehre machen oder die Uni besuchen wird – das wird sich finden. Falsch wäre es, das Kind schon früh in eine Richtung drängen zu wollen. Denn damit wird ihm die Chance genommen, sich selbst zu erproben und seine Vielseitigkeit auszubilden.

Helfen, sich selbst zu finden

Ein Kind braucht Anregungen, um seine Begabungen herauszufinden. Möglichst vielseitig sollen darum die Angebote sein: Seele, Körper und Verstand wollen beschäftigt werden. Es gibt heute ein riesiges Angebot an Fördermöglichkeiten, vom Turnclub über Instrumental-Unterricht bis hin zur “Kinder-Uni” oder museumspädagogischen Angeboten. Hier kann das Kind, zusammen mit anderen Kindern, spielerisch seine Möglichkeiten ausprobieren. Wichtig ist dabei allerdings der Schutz vor Überforderung. Denn neben Anregungen braucht jedes Kind Zeit, um sich nicht zu verlieren in den vielen Aktivitäten, in denen es lebt. Es muss Muße haben zum Quatsch machen, zum Spielen oder um einfach nur dazusitzen und im Muster der Vorhänge Landschaften und Gesichter zu fantasieren. Fantasie und Kreativität können sich nur ausbilden, wenn das Kind die Möglichkeit hat, in sich zu ruhen. Dazu braucht es Zeit – und Raum, um sich zurückzuziehen, unbeobachtet von den Erwachsenen und ungestört in seiner Erlebniswelt.

Und es braucht Eltern, die es motivieren. Ständige Kritik und Nörgelei lassen ein Kind mutlos werden. Bestätigung und positive Resonanz dagegen schenken dem Kind die Sicherheit, die es braucht, um optimistisch auf die Welt zuzugehen: Ich werde in meiner Persönlichkeit anerkannt, alle Türen stehen mir offen, ich kann etwas bewirken und voran bringen. Eine solche positive psychische Grundlage schenkt dem Kind die beste Voraussetzung, um später ein erfülltes (Berufs-)Leben zu führen.

Wenn die Entscheidung ansteht: Von der Berufung zum Beruf

Niemand wird sich für einen Beruf entscheiden, von dem er meint, dass er ihm keinen Spaß machen oder ihm keine Vorteile bringen wird. Mit seinem Beruf erfüllt sich der Mensch mehrere Bedürfnisse: Er will zeigen, was in ihm steckt, will sich aktiv betätigen, Prestige gewinnen und Erfolg haben, sich für andere Menschen einsetzen, natürlich auch sein Überleben sichern. Und: Er fühlt sich zu Berufen hingezogen, von denen er annimmt, dass sie zu ihm “passen”. Aus vielen Motiven setzt sich also das Wunschbild zusammen. Von außen kommt oft noch ein weiterer Einfluss hinzu: die Meinung der anderen über das bestimmte Berufsbild. Psychologen haben herausgefunden, dass ein solches Urteil von außen in vielen Fällen die Entscheidung stark prägt – es wird wichtiger genommen als eigene Neigungen und Fähigkeiten.

So ist es wohl zu erklären, dass junge Menschen, die eine Lehre machen wollen, vorzugsweise die “traditionellen” Berufe wählen. Bürokauffrau, Arzthelferin, Einzelhandelskauffrau, Friseurin, Fachverkäuferin sind nach wie vor die begehrtesten Ausbildungsberufe, die sich Mädchen aussuchen. Bei den Jungen sieht es entsprechend aus. Kfz-Mechaniker, Elektroinstallateur, Maurer, Maler und Lackierer, Tischler, Gas- und Wasserinstallateur, also die “klassischen Männerberufe”, sind am meisten begehrt.

Doch die Nachteile sind dabei unübersehbar: Zum einen sind einige davon Berufe, die wenig Aufstiegschancen und nur geringe Bezahlung bieten, zum andern ist die Nachfrage nach diesen Berufen groß und freie Ausbildungsstellen entsprechend knapp.

Darum ist es lohnend, sich rechtzeitig ein Bild darüber zu verschaffen, welche Berufe es gibt und welche die größten Zukunftschancen haben. Eine gute Übersicht über das Angebot an Ausbildungsberufen gibt etwa das Bundesinstitut für Berufsbildung auf seiner Website für Lehrstellensuchende.

Umfangreiche Internet-Informationen bieten auch die Arbeitsagenturen. Ein persönlicher Besuch im örtlichen Arbeitsamt lohnt sich auf jeden Fall. Durch Gespräche und Eignungstests kann für den Jugendlichen hier ein Profil der Berufe erstellt werden, die zu ihm passen.

Mindestens genau so wichtig wie fachliches Wissen und gute Noten sind heute Persönlichkeitsmerkmale wie Teamfähigkeit, Leistungsbereitschaft und Eigeninitiative. Ein Beleg dafür ist eine Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung. Das Institut untersuchte 4000 Stellenanzeigen und fand heraus: Bei 72 Prozent von ihnen wurde besonderer Wert auf soziale Kompetenzen gelegt.

Sprachen lernen

Nichts scheint heute so wichtig zu sein wie ein Fundus an umfangreichen Erfahrungen. Je mehr sich der junge Mensch umsieht in der Welt, umso größer sind seine beruflichen Chancen. Allein das Beherrschen von Fremdsprachen öffnet die Türen zu so manchem Beruf. So sollten junge Menschen möglichst einige Zeit im Ausland verbringen, um hier die Sprache in lebendiger Umgebung zu erlernen. Dazu bieten sich an:

  • Jobs und Praktika: Die Zentralstelle für Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesanstalt für Arbeit vermittelt Jobs und Praktika im Ausland.
  • Au-pair-Aufenthalt: Bei einem Au-Pair-Aufenthalt verbringt der oder die Jugendliche (in der Mehrzahl sind es Mädchen) einige Zeit im Ausland bei einer Gastfamilie. Gegen Kost und Logis und ein kleines Taschengeld hilft der Au-Pair bei der Hausarbeit und Kinderbetreuung. Für die Vermittlung einer Au-pair-Stelle sind Agenturen empfehlenswert. Diese wählen die Gastfamilie sorgfältig aus und betreuen die vermittelten Au-Pairs, wenn es Probleme geben sollte. Wenn Sie in Ihrer Internet-Suchmaschine das Stichwort “Au-Pair” eingeben, bekommen Sie zahlreiche Agenturen angezeigt, die sich auf die Vermittlung von Au-Pairs spezialisiert haben.
  • Auslandsaufenthalte, bei denen das Erlernen der Landessprache im Mittelpunkt steht, werden unter anderem vom kommerziellen Unternehmen angeboten. In Reisebüros oder den Fremdenverkehrsämtern der jeweiligen Länder erhalten Sie dazu Angebote.

Einen Überblick über das Angebot und die Qualität von Sprachkursen und Sprachreisen bietet die Aktion Bildungsinformation in diversen Broschüren. Gegen eine Gebühr können sie bestellt werden bei der Aktion Bildungsinformation e.V.

Erfahrungen sammeln

Wer nach der Schule Einblick ins in Berufsleben bekommen oder aber die Wartezeit auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz sinnvoll nutzen möchte, der kann ein “Freiwilliges Jahr” absolvieren. Zwei Möglichkeiten stehen bereit:

Das Freiwillige soziale Jahr

Beim Freiwilligen sozialen Jahr arbeiten junge Leute in sozialen Einrichtungen, etwa in Kindertagesstätten, Jugendzentren, Krankenhäusern, Alten- oder Pflegeheimen, in der Behinderten- oder der Familienhilfe. Informationen dazu erhalten Sie bei kirchlichen Stellen oder Wohlfahrtsverbänden.

Das Freiwillige ökologische Jahr

Ökologisch orientierte Arbeit in öffentlichen Einrichtungen oder Umweltverbänden bietet das Freiwillige ökologische Jahr. Hier leisten die Jugendlichen sinnvollen Einsatz für Natur und Umwelt; sie arbeiten in der ökologischen Landwirtschaft, in Tierschutzreservaten, Naturschutzzentren, Nationalparks, in ökologischen Bildungsstätten oder Umweltämtern. Sowohl die praktische Arbeit, wie Landwirtschaftspflege oder der Bau von Biotopen, ist hier möglich als auch eine Tätigkeit am Schreibtisch wie etwa Verwaltungs- und Öffentlichkeitsarbeit für Umweltschutzorganisationen. Nähere Auskunft erteilen die Umwelt- oder Jugendbehörden.

Für beide Varianten gilt: Man sollte mindestens 16 und höchstens 27 Jahre alt sein, Schule, Berufsausbildung oder Studium abgeschlossen haben, Eigeninitiative und Spaß an selbstständigem Arbeiten haben. Honoriert wird die Arbeit während des Freiwilligen Jahres mit einem Taschengeld von etwa 153 Euro pro Monat. Bei einem späteren Studium wird das Jahr als Wartezeit oder Praktikum angerechnet.

Das können Eltern tun

Bei der Wahl eines Berufs sind die Jugendlichen auf die Unterstützung und Mithilfe ihrer Eltern angewiesen. Die Bundesanstalt für Arbeit fand heraus: 49 Prozent der Jugendlichen nehmen die Hilfe ihrer Eltern in Anspruch, wenn sie selbst nicht weiterkommen, 41 Prozent brauchen generell zur Orientierung die Eltern. Nur zehn Prozent sind in der Lage, sich ganz eigenständig zu informieren und aktiv zu werden.

Zunächst sollten sich die Eltern zusammen mit ihrem Kind darüber klar werden, über welche Interessen, Stärken und Talente es verfügt. Es ist nicht selbstverständlich, dass Eltern darüber Bescheid wissen, denn Jugendliche leben bereits in ihrer eigenen Welt und teilen den Eltern ihre Wünsche und Interessen nicht mehr so selbstverständlich mit. Darum: Die wichtigste Aufgabe der Eltern besteht zunächst darin, mit ihrem Kind immer wieder das Gespräch zu suchen und ihm intensiv zuzuhören. Gemeinsam machen Sie sich auf die Suche nach Stärken und Schwächen, möglichst objektiv und möglichst neutral. Wenn der oder die Jugendliche von den Eltern immer wieder hört “Das liegt dir nicht”, “Das kannst du nicht”, wird ihm oder ihr die Lust auf Eigeninitiative vergehen. Eltern sollten motivieren statt kritisieren. Bestärken Sie Ihr Kind darin, vorurteilsfrei in die Arbeitswelt hineinzuschnuppern, Praktika und Ferienjobs anzunehmen und sich so eine erste Orientierung im Berufsleben zu verschaffen.

Autorin

Elke Leger, Psychologin, Journalistin, Buchautorin, Mutter von zwei Kindern, viele Jahre Redakteurin einer Familienzeitschrift.

Kontakt

Elke Leger
Journalistin – Autorin – Psychologin
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Erstellt am 2. September 2003, zuletzt geändert am 6. August 2014