Wie entwickeln Kinder Wertvorstellungen?

Dr. Angela M. T. Reinders
Reindersangela

 

 

 

Wie entwickeln Kinder eine Vorstellung davon, nach welchen Werten und Maßstäben sie leben können? Das Gewissen – ist es angeboren oder wird es anerzogen? Wachsen die Kinder nicht nur körperlich, sondern auch mit ihren Bewertungen von Richtig und Falsch? Welche Rolle spielen soziale Netzwerke, Medien und Computerspiele? Geschichten, auch aus der Bibel, können die Entwicklung begleiten.

Was ist das Gewissen?

Das Gewissen kann man wie ein inneres Instrument der Person betrachten, mit dem es sich selbst reguliert. Diese Regelung hat drei Elemente. Als Eltern wissen Sie: Man kann diese Elemente bewusst angehen oder auch nur unbewusst durchleben.

1. Die Person beobachtet sich selbst: Wie handelt sie? Wie entscheidet sie sich? Wie hat sie sich da gerade eben verhalten?

2. Die Person bewertet sich selbst: Wie hat sie gehandelt? Hat sie sich gut entschieden? Entspricht ihr Verhalten dem, was sie wirklich gut und richtig findet?

3. Die Person erfährt eine Bestärkung – oder muss sich, im schlechten Fall, in Frage stellen: Das habe ich gut gemacht, das entspricht meinen Grundsätzen – so steigt mein Selbstwertgefühl. Oder: Das habe ich nicht gut entschieden, das widerspricht dem, was ich für richtig halte, ich schäme mich.

Kinder werden diese Phasen noch nicht reflektiert erleben. Sie erleben Erwachsene, die mit anderen, etwa dem Partner, darüber beraten, was wohl richtig zu tun ist, und ihre Entscheidung später noch einmal kurz bewertend kommentieren. Bei Kindern entwickelt sich das Gewissen zum großen Teil über die Wahrnehmung von außen: Waren andere zufrieden mit mir? Habe ich ein Lob bekommen für mein Verhalten? So empfinden sie, was ein gutes Gewissen ist. Haben sie aufgrund ihres Verhaltens selbst ein „Grummeln“ im Bauch oder haben durch andere erfahren, dass sie sich nicht richtig verhalten haben, dann empfinden sie ein schlechtes Gewissen.

Entwicklung der Moral bei Kindern

Was Kinder als ihre eigene Wertvorstellung im Lauf ihres Lebens bis zum Erwachsenenalter entwickeln, das speisen sie aus verschiedenen Quellen: Sie erfahren, was die Eltern, Miterzieherinnen und -erzieher für wünschenswert halten und was man tun muss, wenn man in eine Gemeinschaft der Menschen eingegliedert ist und bleiben möchte. Einprägsam ist dabei das Beispiel von Eltern oder Erzieherinnen, das Maß nimmt an einem bestimmten Wertekodex, ständig, aber vielleicht auch unsichtbar und nicht thematisiert.

Die Eingliederung in eine Gemeinschaft und der Wertekatalog, der dieser Gemeinschaft eine Atmosphäre verleiht, sind wiederum von den Personen abhängig, die in ihr leben. Darum ist jede Entscheidung für einen Wert oder seine Ablehnung immer auch eine persönliche Entscheidung.

Bei der Entwicklung des kindlichen Wertsystems – und übrigens auch noch der moralischen Entscheidungen Erwachsener – sprechen Fachleute von “moralbezogener Einstellung” und von “persönlicher Präferenz”.

Sehr junge Kinder sind das, was unter Erwachsenen “Egoisten” wären. Die persönliche Präferenz ist ihr Auswahlkriterium. Wenn die Welt ohnehin schon viel an Erfahrungsbewältigung zumutet, dann freuen sie sich an jeder Situation, die ihrem persönlichen Interesse entgegenkommt. Einem anderen Kind ein Spielzeug ausleihen, einen Keks abgeben, Musik leiser hören, wenn Mama telefonieren will – warum? Was einem selbst Spaß macht, muss richtig sein.

Bevor Kinder drei bis vier Jahre alt sind, ist das Nachgeben nach persönlicher Neigung keine “böse Absicht , sondern schlicht die einzige Möglichkeit, sich zu entscheiden. Mit seiner zunehmenden sozialen Erfahrung steigt auch die Fähigkeit des Kindes, bei persönlichen Entscheidungen die Interessen anderer Kinder und Erwachsener mit einzubeziehen.

Etwa mit zehn Jahren unterscheiden Kinder zwischen dem, was ein Mensch tun “sollte” oder “muss” , und dem, was der persönlichen Entscheidung jedes einzelnen, je nach Neigung, überlassen ist.

Das illustriert ein Test bei Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und 15 Jahren. Sie wurden vor eine Entscheidung gestellt: Sie sollten sich vorstellen, dass sie an einem Tag zwei Telefonate erreichen. Im ersten bat eine Freundin, die Sorgen hatte, um Hilfe. Im zweiten lud ein neu zugezogenes Mädchen zum Kinobesuch ein. – Etwa 65 Prozent der siebenjährigen Kinder entschieden sich klar für das Kino, bei den Neunjährigen waren es bereits etwas über 50 Prozent, die sich für die Freundin entschieden, die Hilfe brauchte. Von den Zwölfjährigen wuchs der Anteil derjenigen, die sich der Hilfe für die Freundin verpflichtet wussten, auf 70 Prozent, bei den 15-Jährigen auf über 80 Prozent.

Beide Entscheidungsmöglichkeiten bergen die Möglichkeit, einen Freundschaftsdienst zu verrichten. Das Kino allerdings hebt auch die Qualität dessen, was aus dem Tag für das Kind bzw. den Jugendlichen selbst “herauszuholen” ist.

Selbstwert

Kinder brauchen zuallererst ein Selbstwertgefühl. Du bist wer, du bist geliebt, du bist wichtig – ein Kind, das weiß, dass es keine “Null” ist, hat mehr Vertrauen in Werte, die das Leben lebenswert machen. Es ist wichtig, dass Kinder Lob erfahren.

  • Von hier aus lässt sich Kindern vermitteln, dass sie körperliche Grenzen setzen dürfen gegen Knuddeln, Küssen, Umarmen, Handlungen von Erwachsenen, die sie nicht wünschen.
  • Von hier aus lässt sich Kindern vermitteln, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt, von denen nur die guten, angenehmen bewahrt werden müssen. Schlechte Geheimnisse, die Druck machen, dürfen, ja sollen sie mitteilen.

Gewissensgeschichten

Als eine der häufigsten “moralischen Verfehlungen” von Kindern gilt – neben dem Stehlen, das bei vielen Kindern phasenweise um das fünfte Lebensjahr herum auftritt – das Lügen. Eine beliebte Geschichte hierzu ist eine alte Erzählung von einem kleinen Hirtenjungen, der nun in manchen Nächten allein auf die Schafherde aufpassen muss. Mehrmals schreit der Hirte: “Der Wolf ist da!” Die Dorfbevölkerung rennt ihm zur Hilfe herbei, doch der Wolf ist nicht da. Als der wirklich kommt und der Hirtenjunge um Hilfe ruft, kommt ihm keiner mehr zu Hilfe.

Die Geschichte ist gut geeignet, die Konsequenz der Lüge aufzuzeigen. Wer lügt, schadet sich selbst; nicht, indem er einfach nur als Lügner erkennbar und Ziel des Spottes ist, sondern, weil seine Unglaubhaftigkeit die Umgebung davon abhält, sich ihm gegenüber unterstützend zu verhalten.

Angeboren oder anerzogen?

Vielfach wird unter Pädagogen, also Fachleuten für Erziehungswissenschaften, und Psychologen diskutiert, ob das Gewissen angeboren oder anerzogen wird. In seinem Buch „Das Prinzip Empathie“ beschreibt der Autor Frans de Waal, die jahrhundertelange Annahme sei zu einseitig, dass sich grundsätzlich immer der Stärkere durchsetzt. Vielmehr beschreibt er, wie sich schon Tiere instinktiv in Artgenossen hineinversetzen, Formen von „Mitleid“ zeigen können. Auch Menschen tun das. Die Grundlagen wurden schon in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte gelegt: Menschen hätten nicht überleben können, wenn sie sich z.B. bei der Jagd nach Essbarem nicht auch ohne Worte zur Teamarbeit hätten verständigen können. Wer überleben will, muss sich in einen anderen einfühlen, seine Empfindungen nachvollziehen können, ohne sie gleich nach- oder mitzuempfinden.

Dass Kinder scheinbar gewissenlos andere mobben, widerspricht der These von angeborener Empathie übrigens nicht, im Gegenteil: Kinder, die andere quälen, tun das, weil sie um die Empfindungen des anderen dabei wissen, sich in ihn einfühlen können und dabei ein eigenes Überlegenheitsgefühl entwickeln. Es besteht berechtigte Hoffnung, dass Kinder das umso weniger ausleben, je mehr Bestätigung sie selbst erfahren, und je mehr sie Verantwortung für andere übernehmen können: „Wenn das Gewissen weder Gehorsam ist noch Willkür, dann kommt ihm ‚Verantwortung‘ am nächsten“, sagt der katholische Moraltheologe Dietmar Mieth, „denn in ihr sind Aufmerksamkeit und Gehorsam, Freiheit und Pflicht in einer guten Synthese zusammengefasst. Syneidesis, con-scientia, Ge-wissen – die Vorsilbe steht im Griechischen, Lateinischen und im Deutschen für dieses ‚zusammen‘.“

Die Erziehung dazu geht jedoch nicht über mehr Wissen und Information. Der amerikanische Medienökologe Neil Postman plädiert dafür, Kinder “in eine Umgebung zu bringen, welche die Zusammenarbeit fördert, die Sensibilität und Verantwortung für andere.” Soziale Lernorte und Gemeinschaften, die wertvoll gestaltet werden wollen, lassen Kinder wertmündig werden. Ansätze wie „Compassion“-Projekte fördern „Entwicklung sozialverpflichteter Haltungen wie Solidarität, Kooperation, Kommunikation und Engagement“.

Pragmatisch, latent politisch, sozial

Wie jede Generation, so binden auch Jugendliche heute die Werte, die sie als wichtig gefunden haben, in ihre Lebenszusammenhänge ein. Die Shell Jugendstudie, die regelmäßig die Lebenswelten Jugendlicher untersucht, hat im Zusammenhang mit dem Wertewandel die aktuelle Jugendgeneration bei ihrer Studie 2010 als “pragmatisch, aber nicht angepasst“ bezeichnet. Zu den Orientierungen der Zwölf- bis 25-Jährigen zeigt die Studie als Ergebnis: „Auch wenn das politische Interesse bei Jugendlichen weiterhin deutlich unter dem Niveau der 1970er- und 1980er-Jahre liegt, ist der Anteil der politisch Interessierten wieder leicht angestiegen. […] Im Vergleich zu den Vorjahren sind immer mehr Jugendliche sozial engagiert: 39 Prozent setzen sich häufig für soziale oder gesellschaftliche Zwecke ein.“

Werteentwicklung und Medien

Alle Menschen korrigieren ihre Identität. Dabei orientieren sich besonders Kinder an anderen Personen. Sie stehen ja erst am Anfang ihrer “Wertegeschichte”. In der aktuellen Umgebung aber orientieren sie sich nicht nur am zwischenmenschlichen, vorgelebten Muster, sondern auch an Mustern der Lebensgestaltung, wie sie in den Medien gezeigt werden. Kindern die Medienwelt als Konsequenz unzugänglich zu machen, hieße, sie auch aus Teilen der menschlichen Lebensgeschichten auszuschließen – und aus den Erzählgemeinschaften ihrer Gleichaltrigen, die an der Medienwelt wie an der realen Welt teilnehmen.

Gute Medienerziehung ist immer eingebettet in Familiengeschichte und Familienwertungen. Fernsehen darf keine Alltagsflucht bedeuten, sondern bedarf immer der Ergänzung durch gelebte Familienbilder aus dem “wirklichen Leben”. Sie müssen ihre Kinder ja nicht einfach vors Fernsehen “setzen”. Besser ist es, Sendungen gemeinsam zu sehen und zu besprechen. Dann lässt sich Einfluss nehmen auf die Wertevorstellungen, die Ihre Kinder dem Medium entnehmen. Trickserien, die menschenunwürdige Darstellungen zeigen, werden leider auch in Kinderprogrammblöcken gesendet. Schalten Sie gemeinsam aus und begründen Sie Ihre Entscheidung, diese Sendung nicht anzusehen. Auch hier fällt Ihr Beispiel und Ihre Entscheidung als Eltern oder Erziehende mit großem Gewicht in die Wertewaagschale.

Internet, soziale Netzwerke und Computerspiel

Kinder und Jugendliche bedürfen der Hilfestellung für den Umgang mit dem Internet, das sie auch für andere Lebensbereiche benötigen. Zum Glück gibt es Sicherheitsinstrumentarien mittlerweile standardmäßig auf jedem Rechner und beispielsweise die spezielle Kinder-Suchmaschine “Bunte Kuh”, die den ganzen Müll nicht berücksichtigt, den Kinder bei ihren “Treffern” einfach nicht brauchen.

Wenn Kinder in sozialen Netzen unterwegs sind, brauchen sie bereits eine gewisse Sicherheit im Umgang damit. Häufig ist es gut, älteren Jugendlichen die Aufgabe zu übertragen, eine kleine Einführung zu geben. Die Tipps, was man da tunlich unterlässt – Fotos posten, die andere Kinder in unschönen Situationen zeigen, aber auch Bilder, die man später in der eigenen Biografie nicht mehr sehen muss – klingt aus ihrem Mund einfach „cooler“, als wenn Sie als Eltern diese Warnhinweise geben. Natürlich sollten Sie selbst informiert sein, worüber genau man denn nachdenken muss, bevor man eigene Daten preisgibt. Und mit gutem Beispiel vorangehen: Posten Sie selbst keine Bilder Ihrer Kinder! „Fragt doch mal eure Kinder, wenn sie ein paar Jahre älter sind und die Fotos von ihren Schulkameraden mit einem verachtenden Lachen auf die eigene Pinnwand gepostet bekommen. Von noch schlimmeren Möglichkeiten als dem schon heute immer häufiger vorkommenden Cybermobbing mal ganz abgesehen…“, rät der Rechtsanwalt Tobias Schäfer.

Gesprächsbedarf im wertbildenden Sinn besteht über Computerspiele, die Sie als Eltern nicht den Kindern kaufen, sondern die online, vernetzt mit anderen, gespielt werden. Darunter sind z.T. gewaltverherrlichende Spiele, die viel Action versprechen, aber auch nachhaltig schädigende Bilder verankern. „An der Spielkonsole wird persönliches Engagement gefordert, wenn man aktiv in die Rolle desjenigen einsteigt, der andere tötet oder foltert. Dies erklärt, warum die intensive Nutzung solcher Spiele nach Erkenntnissen amerikanischer und deutscher Wissenschaftler […] die Empathiefähigkeit weit stärker reduziert als das passive Betrachten eines entsprechend brutalen Films“, konstatiert das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. im Forschungsbericht zur Alterseinstufung von Computerspielen. Nicht alle Wissenschaftler teilen die Ansicht, dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft von Jugendlichen und so genannten „Killerspielen“ besteht. Nicht alle Jugendlichen, die solche Spiele spielen, werden zu Gewalttätern. Umgekehrt zeigt sich jedoch, dass fast ausnahmslos alle Jugendlichen, die zu Amokläufern wurden, ihre Taten auch anhand dieser Spiele vorbereitet haben. Hier arbeiten Eltern, Schulen und ggf. auch Kinderärzte zusammen.

Biblische Quelle für die Wertegestaltung: Die Sehnsucht Gottes nach einem großen Menschenleben

Der Theologe Dieter Emeis erinnert daran, wie Gott um die Menschen wirbt. Gott sehnt sich danach, dass sie “nicht unter dem Niveau … leben, auf das hin sie entworfen sind”. In der Tradition der Sprache des Dekalogs, “wenn du mich liebst, dann wirst du nicht töten, stehlen …” – lassen sich den Menschen biblische Werte zusagen: Weil es einen Gott gibt, der dich genauso sucht wie das Nachbarkind von gegenüber, das du nicht ausstehen kannst, wirst du weder dich selbst noch dieses Kind verachten können. Wenn man die Sehnsucht Gottes nach den Menschen ernst nimmt, lässt sich damit ein Wertekonsens finden, eine Ethik aufbauen, eine Moral beleben.

Weiterführende Links

Literatur

  • Doris Bischof-Köhler (1988): Über den Zusammenhang von Empathie und der Fähigkeit, sich im Spiegel zu erkennen, in: Schweizerische Zeitschrift für Psychologie 47, 147-159.
  • dies.(2009): Empathie, Mitgefühl und Grausamkeit. Und wie sie zusammenhängen, in: Psychotherapie 14, 52-57
  • Wolfgang Edelstein/Gertrud Nunner-Winkler/Gil Noam (Hg.)(1993): Moral und Person, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main.
  • Dieter Emeis (1997): Kleine Theologie der Sehnsucht, in: Katechetische Blätter 122, 150-153.
  • Bernhard Grom (2000): Religionspädagogische Psychologie, Patmos Verlag, Düsseldorf.
  • Neil Postman(1995): Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung, Berlin Verlag, Berlin.
  • Angela Reinders (2001): Kinder brauchen Gott. Wie man Kindern Vertrauen in das Leben schenkt, Pattloch Verlag, München.
  • 16. Shell Jugendstudie

Autorin

Angela M. T. Reinders, Jahrgang 1965, Dipl.-Theologin, Redakteurin beim Bergmoser + Höller Verlag AG, Aachen

Anschrift

Angela M. T. Reinders
Purweider Winkel 10
D – 52070 Aachen

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Erstellt am 17. Oktober 2013, zuletzt geändert am 12. Dezember 2014