Warum sollten Eltern ihre Kinder religiös erziehen?

Dr. Angela M. T. Reinders
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Die Sprache, das Essen, der Umgangston und die Frage, wie viel man sich leisten kann und möchte: Kein Kinderleben verläuft, ohne dass Weichen gestellt wären. Religiöse Erziehung soll da keine Ausnahme sein: Sie öffnet den weiten Raum zur Sehnsucht nach dem „Mehr”. Sie macht sprachfähig für die Hoffnung.

Warum religiös erziehen? Sie haben sich schon selbst die Antwort gegeben, indem Sie diese Seite besuchen: Weil Sie ein – wenn auch noch so vages – Gespür für ein „Mehr” im Leben haben. Hier finden Sie keinen Katalog von Argumenten. Hier geht es um die Sehnsucht. Der Wunsch, ein Kind religiös zu erziehen, entspringt der Sehnsucht nach weitem Raum in der Erziehung. Raum für viel mehr und anderes, als dem Kind Regeln und Techniken der Lebensführung zu vermitteln. Raum, den ein Kind reichlich brauchen kann. Darum herzlich willkommen zu dieser kleinen Raumbegehung – besonders, wenn Sie neu hier sind: Wer selbst nicht religiös erzogen wurde, gerät nicht ins Hintertreffen. Religiöse Erziehung hat nicht in erster Linie mit Vermitteln von Sachwissen zu tun. Die gemeinsame Suche und die vorsichtig versuchten Antworten verbinden junge Eltern noch mit dem hellsichtigsten Theologieprofessor.

Die meisten Eltern, die ihr Kind religiös erziehen möchten, wünschen sich für ihr Kind, dass es an etwas anderes glauben kann, so zeigen es Taufgespräche.

„An etwas anders als den Konsum “, der die Kinder schon früh in seine Fänge bekommt, „etwas anderes als den Egoismus “, davon träumen Eltern gegen die Erfahrung kaputter Beziehungen und fehlender Gemeinschaft in ihrem nahen Umfeld. Etwas anderes als „nur Leistung”, so eröffnet es der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik als Perspektive. Etwas anderes als … “: Wissen Sie schon, welche andere Erfahrung Sie Ihr Kind miterleben lassen möchten?

“Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.” Diese Wegweisung des französischen Schriftstellers und Piloten Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) mag beschreiben, warum religiöse Erziehung ihren Wert im Leben hat: Es geht im Leben nicht nur darum, was beschafft, bewirkt und bearbeitet werden muss. Daran kann man nicht glauben, das kann man nur machen – oder daran scheitern. Es geht um den weiten Horizont, den Menschen Gott nennen und der dem Leben Sinn schenkt.

Die Weichen stellen

Was es nicht alles gibt. Zum Beispiel ein Ballettinternat für Kinder ab elf Jahren. Ein Kind, das dort von früh bis spät in erster Linie tanzt, wird mit 18 schwer umsatteln können. Große Fußballvereine betreiben Internate und Jugendakademien, aus denen große Spieler hervorgehen. Wer sein Kind hierzu anmeldet, geht eine für die Zukunft entscheidende Verbindlichkeit ein. Nicht jede Entscheidung, die Eltern für ihre Kinder und mit ihren Kindern treffen, ist von solcher Tragweite.

Doch kein Kinderleben verläuft, ohne dass Weichen gestellt wären. Die Sprache, das Essen, der Umgangston – ein Kind wird zu Hause laufend beeinflusst. Es wäre Augenwischerei, ausgerechnet für die Religion einen Aufschub anzunehmen: „Unser Kind soll sich später einmal selbst entscheiden können.” Eine Erziehung, die religiöse Fragen und die Gott heraus lässt, hält keine Entscheidung offen. Sie prägt das Kind voraussichtlich am ehesten für ein Leben ohne Gott – weil das doch schließlich 14 Jahre lang auch irgendwie gegangen ist. Das Kind erfährt ohne religiöse Erziehung nur schwer, wofür es sich entscheiden könnte.

Wie die Firmung bzw. Konfirmation eine bewusste Entscheidung junger Menschen für Gott und die Kirche bedeutet, das können Sie nachlesen, wenn Sie dem entsprechenden Link folgen.

Auch religiöse Erziehung geht für die Zukunft entscheidende Verbindlichkeit ein. Doch welcher Art ist die Zukunftsentscheidung Religion?

Was man in die Seele gibt

Religiöse Erziehung füllt den Raum, den das Kind von sich aus mitbringt. „Habt ihr vergessen, dass schon Zweijährige eine Seele haben? Eine Seele ist ein Abgrund, so weit, dass er Gott in sich aufnehmen kann. Ich beschwöre dich im Namen deiner Kinder: Bedenke, was du in ihre Seele gibst”, diese Worte legt der Autor Bernhard Meuser im Buch „Liebe Elisabeth!” der heiligen Elisabeth in den Mund. Jedes Kind entwickelt die Sehnsucht nach dem „Mehr”, möchte über die Grenze hinaus, die der kleine Körper, der ungeschulte Kopf und der begrenzte Handlungsspielraum setzen. Wer den Abgrund nicht nur mit eigenen Erklärungen, nicht nur mit eigenen Konzepten, nicht nur mit eigenen Techniken ausfüllt, wird der Sehnsucht des Kindes nach einem unbegrenzteren Leben – nicht nach einem haltlosen – gerecht. Christliche Erziehung „verarbeitet die Erfahrung der Grenze zwischen dem, was der Einzelne selbst tun kann zum Gelingen seines Lebens – und dem, was er eben selbst nicht tun kann, freilich auch nicht tun muss” (Christian Albrecht über die Taufe). Sie bezieht Gott in das Leben mit ein, der grenzenlos liebt und damit grenzenlose Freude schenken kann, der in seinem Sohn Jesus Christus unbegrenzt mit aushält, woran auch schon ein Kind leidet, und der im Heiligen Geist Weite und doch sicheren Halt anbietet.

Die Gesellschaft im Kleinen und im Großen

Es ist ganz normal, dass ein Kind die erste Reitkappe in Ehren hält oder das erste Fußball-Siegertrikot. Es mag normal sein, dass manche Jugendliche ihr Zimmer ausstaffieren mit Bildern von sich selbst, mit Zeitungsausschnitten, die eine ihrer „Meisterleistungen” belegen, mit Tennispokalen und anderen Ehrenzeichen. Es ist normal, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Wahrnehmung zunächst einmal um sich selbst kreisen. Es darf nicht normal sein und ruft nach Veränderung, wenn die anderen dabei völlig auf der Strecke bleiben.

Die Erziehung, die Gott mit ins Spiel bringt, weitet den Blick auf die Schwächeren in der eigenen Umgebung, weil Gott sie besonders in den Blick nimmt. Die Bibel erzählt davon in Liedern, etwa das vom gerechten Gottesknecht oder im Loblied, dem Magnificat, der Maria. Jesus Christus lebt vor, wie Gott das tut – die Bibel erzählt von den Worten Jesu, in denen er für die Schwachen spricht, und von seinen Taten, in denen er sich auf deren Seite stellt.

Die Familie ist die Gesellschaft im Kleinen. Was dort eingeübt wird, trägt hinterher zur großen Gesellschaft und zur Weltgestaltung bei. Von Jesus, der die Schwachen bestärkt, lässt sich für den Hausgebrauch die Liebe über alle Schwäche hinweg lernen und für die Zukunft behalten. Dafür lohnt sich eine religiöse Erziehung.

Stabile Sache

In manchen Zusammenhängen werden Verletzungen und psychische Verunsicherungen durch religiöse Erziehung kritisiert. Das geschieht dort zu Recht, wo Religion als Mittel zur Disziplinierung missbraucht wird, Gott zum Oberdompteur der Welt verkommt und Väter und Mütter Gottes Autorität für sich beanspruchen, wo sie selbst als erziehende Persönlichkeit kein Ansehen finden. Das ist keine religiöse Erziehung, das ist ein Machtspiel mit unguten Folgen. Religiöse Erziehung ohne Machtspiel gelingt dort, wo „ein in Freiheit von Gott empfangenes Wort”, so Klaus Mertes SJ in seiner Rede „Erkämpfte Freiheit – über Macht und Vertrauen”, frei und befreiend weitergesagt wird.

Religiöse Erziehung, die diesen Namen verdient, zeigt gute Wirkung. Menschen, die in die Kirche gehen, sind mit ihrem Leben zufriedener. Studien belegen, dass religiös erzogene Jugendliche sich bereitwilliger als Gleichaltrige um soziale Belange kümmern. Die Zeitschrift „Psychologie heute “ berichtete, dass der Glaube gerade in Krisensituationen Halt geben und religiöse Rituale trösten können.

Ich bin nicht allein

Religiöse Erziehung, die diesen Namen verdient, befähigt zum Leben, ermutigt zum Glauben und lädt zur Liebe ein. Das wird seit Generationen so weitergegeben.” Die alte Leier “, mögen manche sagen, deren Familien in der Glaubenstradition fest verwurzelt sind. Die es nicht sind, werden einen solchen Erfahrungsschatz für sich wünschen. Der Religionspädagoge und theologische Schriftsteller Fulbert Steffensky fasst es in Worte: „Ich bin nicht der erste und ich bin nicht der einzige. Es waren andere vor mir da, die ihre Sprache und ihre Gebärde für die Hoffnung gefunden haben. Ich werde meine Sprache sprechen und ich werde ihre Sprache übernehmen, wo meine Sprache versagt. “

Literatur

  • Bernhard Meuser (1993): Gottestherapie. Warum der christliche Glaube gesund macht, Schwabenverlag, Ostfildern.
  • Angela Reinders (2001): Kinder brauchen Gott. Wie man Kindern Vertrauen in das Leben schenkt, Pattloch Verlag, München.

Autorin

Angela M. T. Reinders, Jahrgang 1965, Dipl.-Theologin, Redakteurin beim Bergmoser + Höller Verlag AG, Aachen

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Erstellt am 20. Februar 2002, zuletzt geändert am 11. Dezember 2014