Was im Leben wirklich zählt – Mit Kindern Werte entdecken

Susanne Stöcklin-Meier
Sstoecklin

 

 

 

Vom Elternhaus und später vom Kindergarten und der Schule wird erwartet, dass Kinder nicht nur intellektuelles Wissen lernen, sondern auch, was man im weitesten Sinne als menschliche Werte bezeichnet: Ehrlichkeit, Liebe zu anderen Menschen, Konfliktfähigkeit, Achtung vor der Natur, Verantwortungs- und Glücksfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Ausdauer, Mut, Gewaltlosigkeit und Toleranz. Leider funktioniert das heute in der Praxis oft nicht mehr.

Die Kernfrage lautet also, wie lernt man, ein „guter Mensch“ zu werden?

  • Was können Eltern tun, damit ihre Kinder nachhaltig Werte entdecken und leben?
  • Wie sieht Werteerziehung heute aus, für ein lebenswertes Morgen?

Das kann heißen: Nach einem Streit den ersten Schritt zur Versöhnung machen. Einem alten Menschen den eigenen Sitzplatz anbieten. Zugeben, dass man einen Fehler gemacht hat. Eine lebenswerte Zukunft erwächst aus Kindern, die dazu fähig sind. Doch warum fällt es vielen so schwer, so zu handeln? Vielleicht weil Erwachsene oft über Werte reden, statt sie vorzuleben und kindgerecht zu vermitteln. Eltern lernen, dass Werte etwas ganz Konkretes sind. Dass ein eigenes Blumenbeet mit Liebe und Verantwortung zu tun hat. Dass schon Vierjährige herausfinden können, warum Gewaltlosigkeit wichtig ist. Die „Gebrauchsanweisung“ des chinesischen Philosophen Konfuzius ist bis heute aktuell geblieben in der Erziehung der Kinder:


Erzähle es mir – und ich werde es vergessen.

Zeige es mir – und ich werde mich erinnern.

Lass es mich tun – und ich werde es behalten.

Kinder lernen Werte nicht durch Reden, sondern durch Handeln

Damit Werteerziehung nicht bei gut gemeinten Appellen stehen bleibt, muss sie Teil des Alltags werden – konkret, praktisch und lebensnah. Für mein neues Buch: „Was im Leben wirklich zählt – Mit Kindern Werte entdecken“ habe ich monatelang mit Pädagogen, Eltern und Kindern darüber diskutiert, was wirklich zählt im Leben und wie man Werte am besten weitergeben kann. Daraus ist eine reiche Ideensammlung geworden mit viel Inspiration für alle, die sozialer Kälte etwas Konkretes entgegensetzen wollen.

Eltern sollten sich immer wieder bewusst machen, Kinder lernen durch Nachahmung und Wiederholung! Bis ein Wort, ein Wert oder eine Handlung sich ins Gehirn der Kinder eingeprägt haben, braucht es laut neuester Hirnforschung etwa 50-mal! Kinder kopieren unser Verhalten, doch gleichzeitig prägen sie auch unsere Art des Umgangs mit ihnen. Dieser berührende Text einer Tibetischen Weisheit bringt es auf den Punkt:
„Wenn ein Kind kritisiert wird, lernt es zu verurteilen.

Wenn ein Kind verspottet wird, lernt es schüchtern zu sein.

Wenn ein Kind beschämt wird, lernt es sich schuldig zu fühlen.

Wird ein Kind verstanden und toleriert, lernt es geduldig zu sein.

Wird ein Kind ermutigt, lernt es sich selbst zu schätzen.

Wird ein Kind gerecht behandelt, lernt es gerecht zu sein.“

Hinterfragte, vorgelebte Werte der Eltern greifen in der Praxis

  • Sie sollten den Mut haben sich Fragen zu stellen wie: Was ist mir wichtig? Was muss ich über Werte wissen? Was sind meine eigenen Werte? Welche Werte erwarte ich bei anderen? Was haben sie mit meinem Verhalten zu tun? Wie viele Werte braucht der Mensch? Was ist das Minimum an verbindlichen Regeln? Welche sind überholt und welche dringend notwendig für ein friedliches, menschenfreundliches Zusammenleben?
  • Wie kann ich Werte so weitergeben, dass Kinder sie begreifen?
  • Gehorsam nicht nur fordern, sondern wenn möglich erläutern!
  • Grenzen und Sanktionen in gute, fürsorgliche Verhältnisse einbinden.
  • Bereit sein, an sich selbst zu arbeiten, um Kindern ein gutes Beispiel zu sein.

Kinder brauchen Regeln und Werte

Es hat sich gezeigt, dass schon Kleinkinder Regeln und Werte brauchen. Mit Regeln können sie sich täglich altersgemäß und spielerisch auseinandersetzen, ihre Kräfte messen und sich an vorgegebenen Grenzen ihre „Hörner“ abstoßen. Regeln und Werte geben ihnen Schutz und Sicherheit. Kinder, die in einem sozialen Umfeld mit überschaubaren Grenzen aufwachsen, haben erwiesenermaßen weniger Angst. Sie entwickeln mehr Vertrauen in sich und ihre Umwelt. Sie werden durch die täglichen Auseinandersetzungen mit den Familien- und Kindergartenregeln auf eine gute Weise konfliktfähig. Aus diesen, in der Kleinkindzeit erworbenen Wertvorstellungen entsteht das Fundament ihres späteren Weltbildes, ihrer Wertewelt schlechthin. Das funktioniert nur, wenn Eltern und Erziehende sich dieser Herausforderung stellen. Wegen der heutigen Vielfalt an möglichen Wertorientierungen ist es besonders wichtig, dass Sie eindeutige Grenzen setzen und klare Werte vorleben!

Im Mittelpunkt stehen die fünf großen Werte

  1. Wahrheit

  2. richtiges Handeln

  3. Frieden

  4. Liebe und

  5. Gewaltlosigkeit.

Interessierte Leser und Leserinnen finden dazu in meinem Buche viele Rituale, Spiele und Praxisvorschläge, Gesprächsanregungen und Familienideen. Werte sind im Alltag etwas sehr Konkretes. Und Kinder werden ganz selbstverständlich mit ihnen groß, wenn sie ihnen im Alltag immer wieder begegnen.

Handlungsorientiertes Lernen

Die „goldene Regel“ ist ein uraltes, universales Prinzip und ist in allen Religionen in abgewandelter Form anzutreffen: “Was du willst, das man dir tut, das tue du auch den anderen.” Dies sollte die unverrückbare, unbedingte Norm sein für alle Lebensbereiche, in Familie, Kindergarten und Schule und für jede Gemeinschaft und Nation. Schon kleine Kinder können dieses Prinzip begreifen. Sie verstehen zum Beispiel, dass man andere nicht beißen soll, ihnen nicht die Spielsachen kaputtmachen oder sie wegnehmen darf, denn das mögen sie für sich selber auch nicht…

Wahrheit

Durch Ehrlichkeit und Wahrheit können wir Vertrauen aufbauen. Und Urvertrauen brauchen Kinder um gesund in die Welt hineinzuwachsen. Oft lügen die Eltern den Kindern aus Bequemlichkeit etwas vor. “Sag am Telefon: Der Papa ist nicht zu Hause!” – Eine Situation, die wir alle kennen. Wie reagieren Eltern richtig, wenn Kinder aus Wissensdurst einen Teddybären aufschneiden, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen? Oder im magischen Alter phantastische Geschichten erfinden und uns diese als „real“ verkaufen?

Richtiges Handeln

Wenn ein Kind erlebt, dass die Familienmitglieder aufeinander hören, zueinander schauen, sich gegenseitig respektieren und achten, wird es diese Eigenschaften auf ganz natürliche Weise lernen. Denn der rechte Umgang mit Zeit, Material, Medien, Geld, Tieren und Pflanzen will gelernt sein.

Den Frieden und das Miteinander

zeigen wir unseren Kindern durch unser Handeln. Denn wenn wir den Kindern etwas geben wollen, dann sollte es ein gutes Beispiel sein. Jammern, nörgeln, rumbrüllen ist dabei sicher nicht der richtige Weg. Dankbarkeit zeigen, stille Momente mit den Kindern erleben und einen inneren Frieden bei Konflikten finden, schon eher.

Liebe

Liebe erfahren die Kinder, indem wir sie in kleinen Dingen sehen, schlechte Gedanken durch gute ersetzen und uns gegenseitig zeigen, dass wir einander gern haben, achten und lieben.

Gewaltloser Umgang

Gewalt darf kein Mittel der Auseinandersetzung mit anderen sein. Sich streiten und Konflikte bewältigen gehört zu den natürlichen Lernprozessen, denn sie stellen Aufgaben, die gelöst werden müssen und meistens auch lösbar sind, wenn beide Partner mit dazu beitragen. Faires Streiten will gelernt sein! Ein tröstliches Sprichwort aus Italien sagt: “Es gibt keine perfekten Eltern und keine perfekten Kinder, aber alle Eltern können gut sein” . Vergessen wir nicht, die Auseinandersetzung mit dem Thema Werteerziehung ist immer auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Werten.

Mit Kindern Werte leben jeden Tag

Die Wochentage können uns Hilfe und Gedächtnisstütze sein, um uns ans Einüben konkreter Werte im Alltag zu erinnern. Sie tragen die Namen der sieben alten Planeten. Wenn wir dieses einfache Raster im Hinterkopf haben, fällt es uns leichter immer wieder daran zu denken und menschliche Werte in kleinen Schritten mit den Kindern in die Praxis umzusetzen.

  • Am Montag ( Mond ) achten wir besonders auf die Gefühle. Für Kinder ist es wichtig, dass sie über Gefühle sprechen können, dass sie wissen, ob sie glücklich oder traurig sind und etwa Müdigkeit nicht mit Hunger oder Wut verwechseln.
  • Am Dienstag ( Mars ) sind Rauf-, Kampf- und Knuddelspiele goldrichtig. Kinder sind heute oft aggressiv, weil sie zu wenig Kraft brauchen können, nicht gelernt haben mit Regeln zu kämpfen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich jemandem original einen Stein an den Kopf werfe, oder ob ich nur „Tun-als-ob-spiele“ im Rollenspiel.
  • Der Mittwoch ( Merkur ) steht für Sprache, Verse, Rätsel und Geschichten. Eine gute Sprachentwicklung ist enorm wichtig für die Kinder, darum mindestens einmal pro Woche bewusst mit Sprache spielen, Bilderbücher, Märchen und Geschichten erzählen, Rätsel erraten usw.
  • Der Donnerstag ( Jupiter ) eignet sich vorzüglich zum Aufräumen und „Ausmisten“. Unsere Kinder haben viel zu viele Spielsachen. Es wäre schön, wenn sie einmal in der Woche erfahren könnten, weniger ist mehr!
  • Am Freitag ( Venus ) ist Schönheit Trumpf! Wecken wir den Schönheitssinn der Kinder mit Blumen, Schmuck, Verkleidungskleidern, farbigen Steinen oder bunten Farbstiften. Bewundern wir einen Sonnenaufgang, einen Sternenhimmel, einen blühenden Baum.
  • Der Samstag ( Saturn ) hilft beim Planen oder sich mit Vergangenheit und Tod auseinander zu setzten. Er eignet sich für einen Ausflug auf eine Burg, lädt ein, Dinosaurier im Museum zu besuchen, sich ägyptische Mumien oder einen Friedhof anzusehen.
  • Am Sonntag ( Sonne ): Christus hat gesagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Im Wort Sonntag versteckt sich die Sonne. Lassen wir den göttlichen Funken in uns strahlen, unterstützen wir die Kinder beim Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls!

Selbstverständlich kann man an jedem Wochentag jeden Wert leben. Die Aufstellung hier ist nur als Anregung und Gedächtnisstütze gedacht.

Das Buch zum Thema:

  • „Was im Leben wirklich zählt – Mit Kindern Werte entdecken“ von Susanne Stöcklin-Meier, 8. Auflage 2006, Kösel Verlag München

Autorin und Kontakt

Die Kinder- und Spielbuchautorin Susanne Stöcklin-Meier absolvierte die Ausbildung zur Kindergärtnerin in Bern und arbeitete als Kindergärtnerin in einem Dorf im Kanton Baselland. Sie ist aktiv in der Kindergärtnerinnen-Fortbildung, Eltern- und Erwachsenenbildung. Sie lebt heute mit ihrem Mann in Diegten und ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern.

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Erstellt am 3. April 2007, zuletzt geändert am 16. April 2010