Kleiner Glaubensleitfaden der geöffneten Arme

 Dr. Angela M.T. Reinders
Reindersangela

 

 

 

 

Schon ein Kind macht Leiderfahrungen, die es unter Umständen selbst nicht einordnen und artikulieren kann. Nach dem Vorbild biblischer Gottesvorstellungen helfen weit geöffnete Arme, dem Kind zu vermitteln, dass es sich jemandem anvertrauen kann und sich nicht in sich selbst verkrümmen muss.

Der Schauspieler Heinz Hoenig stammt aus Deutschland und lebt mit seinen zwei erwachsenen Kindern auf Mallorca. Bei einem Lesungsabend fragte ihn eine Zuhörerin: “Welche Sprache sprechen Sie zu Hause?” Hoenig antwortete: “Unsere wichtigste Sprache ist die der Umarmung. Jeder bietet dem anderen, der ein Problem hat, erst einmal die weit geöffneten Arme an: Hey, ich bin für dich da.”

Das klingt christlichen Menschen vertraut – spricht ihr Gott doch die gleiche Sprache. “Ich bin euer Gott, der für euch da ist” , so stellt er sich beim ersten Gespräch mit Mose vor (2 Mose 3,14). Geöffnete Arme.

Wer im Umgang mit Kindern und Jugendlichen offene Arme hat, muss nicht notwendigerweise christlich erziehen. Doch: Wer christlich erziehen will, der findet in den geöffneten Armen die Ausdrucksform, die schon – fast – alles sagt.

Denn Gott bedient sich selbst dieser Grammatik. Als er in die Welt kam, wurde er kleines, hilfloses Kind, mit offenen Armen, wie ein Baby sie im entspannten Schlaf hat. Das setzte sich fort, als Jesus erwachsen war: Beten lernen mit ihm hieß, die Arme weit öffnen. “Vater unser”, lehrte Jesus seine Jünger. Wer sich an jemanden wendet, der wie ein Vater ist, macht die Arme auf zur liebevollen und zur Hilfe suchenden Umarmung.

Christus nahm Freunde in den Arm und bot sich ganz offen den Kranken an, um sie zu heilen und wichtiger noch: ihnen Erlösung zuzusagen, Gottes Liebe, die einen neuen Anfang ermöglicht. So brauchte sich keiner der Geheilten mehr in sich selbst zu verkrümmen, konnte sich wieder öffnen. Das heilt Haut und Herz.

Ein junger Mensch, der hier und da zurückgewiesen wird – “bleib mir vom Leibe!” -, findet in der christlich gelebten Umgangsform die offenen Arme, die er braucht, um sich nicht in sich selbst zu verkrümmen, nicht in seiner schmerzlichen Erfahrung zu verharren. Dann kann er aufmachen, auspacken, irgendwann einmal sich selbst anderen anbieten auf Gegenseitigkeit.

Kinder verschließen sich

Kinder bringen immer eine Leiderfahrung mit. Viele Stunden ihrer jungen Lebenszeit haben sie leidend verbracht. Hungernd und frierend beginnen sie ihr Leben als Säugling. Die Einsamkeit schmerzt sie doppelt, weil sie noch nicht wissen, dass jemand kommt, um sie zu beheben. Manche Kinder bekommen durch diese Leiderfahrungen die Chance, Urvertrauen zu entwickeln. Manche Kinder werden die Erfahrung nicht machen können, dass jemand immer für sie da ist. Ihre Arme schließen sich – um sich selbst.

Kinder scheinen Leid zu verkraften. Doch tief im Inneren bleibt ein “Misstrauensvorschuss” in die Welt, den sie je nach Werdegang unterschiedlich bewältigen können. Jemand so Berühmtes wie der Arzt und Theologe Albert Schweitzer (1875-1965) kannte diese Erfahrung. Er schrieb: “So lange ich zurückblicken kann, habe ich unter dem vielen Elend, das ich in der Welt sah, gelitten. Unbefangene, jugendliche Lebensfreude habe ich eigentlich nie gekannt und glaube, dass es vielen Kindern ebenso ergeht, wenn sie auch äußerlich ganz froh und ganz sorglos scheinen.”

Wie Schweitzer kann man wissen, woran ein Kind in der Welt leidet. Nur kann man selbst als erwachsener Mensch nicht mehr fühlen, wie und was das Kind fühlt. Einem Gesetz aus der therapeutischen und seelsorglichen Praxis folgend ist es weder möglich noch wünschenswert, dass der Betreuer mitleidet, wie der Betreute leidet.

Jesu geöffnete Arme

Doch etwas ist möglich, ja wünschenswert in der christlichen Erziehung: offene Arme. Nicht als “letzte Instanz” , sondern als Hinweis auf den, der seine Arme selbst ausspannte. Weit, weit dehnte Christus seine Arme am Kreuz. Er machte die Erfahrung, schutzlos ausgeliefert zu sein. In seiner Personmitte konnte man ihn treffen, mitten ins Herz. Seit seinem Tod am Kreuz ist Jesus für uns da. Er gehört, wie der Apostel Paulus schreibt, “nicht zu denen, die unsere Schwächen nicht verstehen und zu keinem Mitleiden fähig sind” (Hebr 4,15). Wer als Erzieherin oder Erzieher die Arme öffnet, erzählt mit diesem Tun vom Erlöser, der Schwächen mit aushält, mitleiden kann – und aus dieser Erfahrung heraus die Menschen erlöst.

Jesu Mitleidensweg ans Kreuz war kein Regiegag Gottes. Jesus litt nicht an der Oberfläche und nur dem Anschein nach. Der Gottessohn Jesus war Mensch und die Folter tat ihm weh. Er wusste nicht, wohin sein Leiden führte, und auch das schmerzte ihn bis in die Tiefe seiner Personmitte, verletzte ihn bis hin zu dem Punkt, an dem er zu zweifeln begann: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” (Matthäus 27,46).

Jesu Mitleiden war dennoch kein Leichtsinn. Denn aus der Erfahrung, die er mit seinem Gott gemacht hatte, erwartete er zu Recht von ihm Rettung, auch wenn sie ihm am Kreuz noch so abwegig erschien.

Nicht erst am Kreuz machte Jesus die Erfahrung, in Frage gestellt zu werden, die Erfahrung, dass man ihn nicht akzeptierte, ihm Böses wollte. Trotz allem: Jesus vertraute Gott bis in den Tod, durch den er allen Menschen zum Christus wurde.

Vertrauen, das können – ja, das müssen Kinder. Sie haben keine andere Chance, weil sie alleine nicht leben können. Eine verantwortete Glaubenserziehung der geöffneten Arme kann ihnen dabei helfen, vertrauen zu lernen. Wer religiös erzieht, muss selbst dem Leben trauen – und vertraut dabei Gott. Offene Arme nehmen Maß an den geöffneten Armen Gottes. Aber sie maßen sich nicht an, dass jemand anders in den eigenen Armen schon den Himmel fände. Sie zeigen nur: So macht es Gott. So lässt er dich und mich zu sich kommen, in seine offenen Arme. Wir beide suchen gemeinsam und dürfen ihn gemeinsam finden. So beschreibt auch Jesus, wie Gott uns noch mit den dicksten Fehlern mit offenen Armen empfängt, wenn er zum Beispiel vom verlorenen Sohn erzählt, der von zu Hause fortläuft, das Erbteil durchbringt und zu Hause doch wieder angenommen wird (Lukas 15,20).

Wer Christus glaubt, kann seine eigenen Arme nicht verschließen – weil sie da offen sind, wo Gott sich dem Menschen öffnet.

Kinder lernen so, nicht erst in Zukunft mit ihren Nöten zu landen. Sie lernen, dass es hinter den geöffneten Armen der religiösen Erzieherin, des religiösen Erziehers noch weiter geöffnete Arme gibt, unbedingte Liebe und unbedingte Annahme der eigenen Person. Wie der Theologe Franz-Josef Nocke (geb. 1932) formuliert, hat Jesus aus diesem Vertrauen in Gott nicht in die Abhängigkeit gefunden, sondern in die Freiheit. Freiheit, sich nicht zuallererst um sich selbst sorgen zu müssen, aber die Sorge um sich selbst wahrnehmen zu dürfen. Freiheit, mutig eigene Worte zu finden, wenn es in der Auseinandersetzung darauf ankommt. Freiheit, von sich selbst abzusehen und sich anderen zu öffnen. Kinder können so lernen, dass Vertrauen in Gott dazu befreit, eigene Menschen zu werden, unverkrümmt und offen für diejenigen, die die gleiche Sprache sprechen möchten: die Sprache der weit geöffneten Arme.

Autorin

Angela M. T. Reinders, Jahrgang 1965, Dipl.-Theologin, Redakteurin beim Bergmoser + Höller Verlag AG, Aachen

Anschrift

Angela M. T. Reinders
Purweider Winkel 10
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Erstellt am 8. Juli 2003, zuletzt geändert am 11. Dezember 2014