Rund um’s Osternest: Bräuche in der Osterzeit

Michael Schnabel
Mschnabel

 

 

 

Was feiern die Christen an Ostern? Die meisten wissen, dass an Ostern Jesu Auferstehung von den Toten gefeiert wird. Wer kennt jedoch die vielen Zeichen, Symbole und Bräuche, die das Osterfest begleiten? Wer weiß, wie diese Zeichen die Osterbotschaft ausdeuten können? In Familien und Kindertageseinrichtungen wird häufig versucht, Kindern die Osterbotschaft anschaulich zu vermitteln. Aber was antworten, wenn Kinder fragen: “Warum gibt es den Osterhasen, das Osterei, die Osterkerze oder das Osterwasser?” Die folgenden Erklärungen möchten helfen, dass Erwachsene auf solche Kinderfragen antworten können.

Die Wortbedeutung: Ostern

Die beiden Worte “Ostern” und “Osten” unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben: Oste(r)n. Daher die Annahme “Ostern” könnte ein vorchristliches Fest bezeichnen, das das zunehmende Licht von Osten verehrte. Angeblich sollten sich die Blicke der Frauen, die am leeren Grab Jesu standen, nach Osten gerichtet haben. Denn nach alten Überlieferungen sollte Jesus von dort her auf die Erde zurückkommen.

Eine weitere Erklärung: Das germanische Wort “Austro” leitet sich aus dem altindischen Wort “Usra” ab. Es bezeichnet die Morgenröte. Darauf stützt sich die Annahme von einer germanischen Frühlingsgöttin, die entweder Austro oder Ostara bezeichnet wurde. Ostaras Fest könnte der vorchristliche Ursprung des Osterfestes sein.

Aufgehende Sonne und Morgenröte sind Bilder für den auferstandenen Christus, der in der Bibel “Licht der Welt” bezeichnet wird.

Der Sprachwissenschaftler J. Udolph legt eine neue Erklärung vor: In nordgermanischen Sprachen gibt es das Wort “austr” mit den Bedeutungen: schöpfen, gießen, begießen (1). Die heidnische Form der Namensgebung eines Kindes wurde als “vatni ausa” bezeichnet. Demnach deutet das Wort “Ostern” auf ein christliches Tauffest hin. Eine Tatsache ist: In den ersten christlichen Jahrhunderten wurden die Anwärter für den christlichen Glauben in der Osternacht getauft. Folglich war Ostern auch ein Tauffest der Christen.
 

Der Ostertermin

Das Weihnachtsfest ist am 25. Dezember und das Osterfest ist am ??? Ja, beim Osterfest lässt sich der Termin nicht auf Anhieb sagen, denn der Zeitpunkt des Osterfestes wechselt von Jahr zu Jahr. Ostern ist ein bewegliches Fest. Aber, wie berechnet sich das Osterdatum? Die Regel: Ostern ist immer am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond.
 

Der Osterhase

“Has, Has, Osterhas! Wir können nicht mehr warten. Der Krokus und das Tausendschön schon lang in unserm Garten stehn …” So bitten die Kinder in einem Gedicht den Hasen, dass er endlich die Ostergeschenke bringen möge.

Jahrhunderte hatte der Hase rein gar nichts mit dem Osterfest zu tun. Erst vor etwa 350 Jahren kommt der Brauch im Elsass, in der Pfalz und am Oberrhein auf, dass der Hase am Ostersonntag rote Eier ins Osternest legt. Alte Aufzeichnungen berichten, dass in Zürich die Kinder an Ostern von ihren Paten zum “Hasenjagen” eingeladen wurden. Dabei wurden bunte Eier im Garten versteckt, die die Kinder suchen durften.
 

Warum bringt gerade der Hase an Ostern die Geschenke?

Der Hase gilt als Symbol für Fruchtbarkeit. Denn die Hasen vermehren sich sehr schnell und gebären im Frühling als erste ihre Jungen, die sogenannten Märzhasen. Der Hase soll das Lieblingstier der germanischen Frühlings- und Fruchtbarkeitsgöttin Ostara gewesen sein.

Wenn der Winter sehr lange dauert, dann kommen die Hasen zur Futtersuche in die Dörfer und Gärten. Dieses ungewöhnliche Verhalten könnte dazu beigetragen haben, dass der Hase als Bringer der Ostergeschenke bezeichnet wurde.

In Byzanz war der Hase ein Symbol für Christus.

Auch der Ostertermin lässt Verbindungen zum Hasen erkennen, da sich das Osterfest nach dem Frühlingsvollmond richtet und der Hase als Mondtier gilt.

Übrigens: Nicht in allen Gegenden Deutschlands bringt der Osterhase die Geschenke: der Hahn, der Kuckuck, der Storch, der Fuchs oder die aus Rom zurückkehrenden Glocken werden auch als Überbringer der Ostereier angesehen.
 

Das Osterei

Das Ei hat in der Kulturgeschichte der Menschen verschiedene Bedeutungen, die sich direkt auf das Osterfest übertragen lassen. Eier gelten als Kraft spendende Nahrung, sie sind Symbole des Lebens, der Reinheit, der Fruchtbarkeit und Ewigkeit. Sie wurden als Opfergaben und als Liebesgaben verwendet.

Schon im Urchristentum galt das Ei als Sinnbild des Lebens und der Auferstehung: Denn die Schale – ähnlich einem Stein – hält Leben verborgen, wie in einem verschlossenen Grab. Damit ist die Beziehung zur Auferstehung Christi deutlich und die Verbindung zwischen Ei und Ostern für Christen nahe liegend.

Die traditionelle Farbe für das Osterei ist in der westlichen Welt seit dem 13. Jahrhundert rot. Rot – die Farbe der Lebensfreude, des Sieges, der Liebe und des Blutes Christi. In Osteuropa findet man eher goldfarbene Ostereier, als Zeichen der Kostbarkeit.
 

Das Osterlamm

Das Lamm ist Symbol der Wehrlosigkeit, der Geduld und der Friedfertigkeit. Es kann sich nicht gegen wilde Tiere verteidigen. Das Lamm mit seinem weißen Fell ist auch ein Symbol für Reinheit und friedliche Lebensweise.

Im Alten Testament war das Lamm bevorzugtes Opfertier. Wichtig war seine Rolle beim Auszug der Israeliten aus Ägypten. Jede jüdische Familie musste ein fehlerloses Lamm schlachten und mit seinem Blut die Türpfosten bestreichen, damit der “Würgengel” des Herrn an ihrer Türe vorübergehe. Deshalb wird zum Paschafest Lamm gegessen, in Erinnerung an die Rettung aus ägyptischer Gefangenschaft.

Im Neuen Testament wird das Lamm zum Symbol für Jesus Christus, der unschuldig hingerichtet wurde. Das Osterlamm mit der Siegesfahne ist ein Zeichen für den auferstandenen Christus, der den Tod überwunden hat.
 

Das Osterfeuer

Feuer fasziniert die Menschen. Es kann nützlich sein und es kann verheerenden Schaden anrichten. Daher ist den Menschen und auch den Göttern Feuer heilig gewesen. Das Urfeuer ist die Sonne. Viele Völker und Kulturen verehrten die Sonne als Spenderin des Lebens, der Fruchtbarkeit und des Wachstums. Frühlingsfeuer wurden bereits in vorchristlicher Zeit praktiziert. Sie sollten die Sonne und mit ihr die Zeit des Wachstums auf die Erde ziehen. Unser heutiges christliches Osterfeuer hat seinen Ursprung im heidnischen Frühlingsfeuer. Bereits um 750 n. Chr. gab es in Frankreich den Brauch des Osterfeuers. Die Feier der Osternacht beginnt mit dem Osterfeuer vor der Kirche. An dem Feuer wird die Osterkerze entzündet. Feuer und Sonne sind Sinnbilder für Jesus, der uns neues Leben schenkt.
 

Die Osterkerze

Die Osterkerze ist das ursprüngliche Symbol für den auferstandenen Christus. Sie verdeutlicht: Jesus ist das Licht der Welt. Er schenkt den Christen die Hoffnung auf neues Leben. Er ist Garant für Leben über den Tod hinaus.

Licht als Zeichen des Lebens findet sich in griechischen, jüdischen und römischen Traditionen. Bereits in den Anfängen des Christentums wurde in der Osternacht die Kirche mit zahlreichen Kerzen erhellt. Heute beginnt die Feier der Osternacht mit dem Osterfeuer vor der Kirche. An dem Feuer wird die Osterkerze entzündet, gesegnet und in die dunkle Kirche getragen. Die Osterkerze trägt den ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabetes: Alpha und Omega. Das bedeutet: Jesus Christus ist der Anfang und das Ende der Welt.

Während die Osterkerze in die Kirche getragen wird, begrüßt die Gemeinde Jesus Christus mit dem dreimaligen Ruf: “Christus ist das Licht – Gott sei Dank!” Anschließend entzünden die Gläubigen ihre mitgebrachten Kerzen an der Osterkerze. Damit wird zum Ausdruck gebracht: Jesus Christus bringt Licht in die Dunkelheit der Welt und die Botschaft Jesu bringt Licht in das Leben jedes Christen. Dieses Bekenntnis wird noch verstärkt, wenn bei der anschließenden Weihe des Taufwassers die Osterkerze eingetaucht wird und bei einer Taufe die Taufkerze an der Osterkerze entzündet wird.
 

Das Osterwasser

In der feierlichen Osternacht wird das Osterwasser geweiht. Dieses geweihte Wasser dient für das kommende Jahr als Taufwasser.

Wasser ist ein Ursymbol für Leben, Wachstum, Reinigung und Neubeginn. Die Erfahrungen und das Wissen der Menschen um die heilende und lebensspendende Kraft des Wassers wurden im Christentum auf Jesus übertragen: Jesus Christus, der für Christen wie Leben befreiendes und heilendes Wasser ist. Diese Überzeugung gipfelt in der Taufe: Durch das Wasser der Taufe wird den Christen neues Leben geschenkt und Erlösung zugesprochen. In der Weihe des Osterwassers werden die Gläubigen an ihre Taufe und an das Heilsgeschehen erinnert. Viele Kirchenbesucher nehmen Osterwasser mit nach Hause.
 

Die österliche Speisenweihe

Ein Rascheln, Rumpeln und Knistern erfüllt die Kirche nach der Osternachtsfeier, genauso nach jedem Ostergottesdienst. Es werden Tüten geöffnet, Körbe abgedeckt, Taschen weit aufgehalten. Wenn Sie die Leute fragen, warum dieses Tun? “Damit die Weich neikann” , werden Sie als Antwort erhalten.

In katholischen Gottesdiensten der Osternacht und des Ostertages finden die sogenannten “Speisenweihen” statt. Die Gläubigen bringen in die Kirche Eier, Schinken, Osterbrot, Käse und Butter mit. Diese Speisen werden am Ende des Gottesdienstes gesegnet. Es sind vor allem Speisen, die man nach strengen Fastenregeln nicht essen durfte. Der Genuss dieser Speisen sollte an Ostern segensvoll beginnen.
 

Der Ostervogel

In vielen christlichen Familien und Kindergärten wird in der Osterzeit ein Osterstrauß aufgestellt. Birken-, Haselnusszweige oder Palmkätzchen werden mit bunten Eiern und farbigen Bändern geschmückt. Dazwischen schweben und flattern einige Ostervögel. Der Ostervogel geht auf einen Brauch im Hundsrück, der Pfalz und des Odenwaldes zurück. Dort wurde ein aufgeblasenes Ei mit Kopf, Schwanz und bunten Flügeln aus Seidenpapier beklebt und aufgehängt. Der Ostervogel bringt zum Ausdruck, dass durch Ostern das Leben Flügel bekommt, Menschen durch die Osterfreude beschwingt werden. Die Farbenpracht des Ostervogels lässt erahnen, wie freudvoll und lebensfroh die Osterbotschaft den Christen machen kann.
 

Quelle

(1) Udolph, J.: Ostern – Geschichte eines Wortes, Heidelberg 1999.
 

Autor

Michael Schnabel war wissenschaftlicher Angestellter am
Staatsinstitut für Frühpädagogik

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Erstellt am 15. März 2005, zuletzt geändert am 13. Juni 2012