Sprachentwicklung und Sprachentwicklungsstörungen – Früherkennung und Förderung

Dr. Claudia Wirts
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Was sind Sprachentwicklungsstörungen und wann ist es wichtig logopädisch-sprachtherapeutische Unterstützung zu suchen?

Der Artikel beschreibt in Kürze Definitionen, Ursachen und Informationen zum Therapiebedarf bei Aussprachstörungen und spätem Sprechbeginn (Late Talkers).

Sprachentwicklungsstörungen sind Störungen der Sprache im Verlauf des Spracherwerbs. Das bedeutet, dass sowohl Fehlbildungen von Lauten und Lautverbindungen (Aussprachestörungen, u.a. phonologische Störungen), Schwierigkeiten im Bereich der Grammatik (Dysgrammatismus) als auch Probleme im Bereich des Wortschatzes und der Wortfindung (semantisch-lexikalische Störungen) in diesen Bereich fallen. Sprachentwicklungsstörungen können sowohl spezifisch sein, d.h. die sonstige Entwicklung ist unauffällig, oder auch unspezifisch, aufgrund von anderen Grunderkrankungen (Hörstörung, Down-Syndrom, Autismus, etc.) auftreten.

Sprachentwicklungsstörungen sind recht häufig zu beobachten, ca. 6 – 8% aller Kinder sind betroffen (Dannenbauer, 2001). Ihre Ausprägungen sind aber sehr unterschiedlich. Von der reinen Aussprachestörung einzelner Laute bis hin zur komplexen Sprachentwicklungsstörung, bei der Aussprache, Grammatik und Wortschatz so stark betroffen sind, dass das Kind kaum verständlich kommunizieren kann. Häufig ist zu beobachten, dass die betroffenen Kinder zunächst spät anfangen zu sprechen, einen geringen Wortschatz aufbauen, dann Probleme mit der Aussprache zeigen und mit dem Einstieg in den Grammatikerwerb auch in diesem Bereich große Probleme entwickeln.

Ab welchem Alter ist eine Therapie sinnvoll?

Bis vor ca. 10 Jahren wurde noch davon ausgegangen, dass der Beginn einer Sprachtherapie mit frühestens vier Jahren empfohlen werden sollte. Viele Fachleute sind leider noch heute auf diesem Wissensstand. Neuere Forschungen haben jedoch ergeben, dass eine Förderung umso effektiver ist, je früher sie ansetzt (Robertson&Weismer, 1999; Girolametto et al.; 1997, Ward, 1999).

Eine Ausnahme sind die reinen Artikulationsstörungen. Sie werden verursacht durch Fehlgewohnheiten oder eingeschränkte mundmotorische Fähigkeiten und haben daher eine andere Ursache als die oben genannten Sprachentwicklungsstörungen. Artikulationsstörungen kann man z.T. nur schwer von den sehr ähnlichen phonologischen Störungen unterscheiden. Artikulationsstörungen sind Fehlbildungen einzelner Laute. Besonders betroffen sind Laute, die motorisch schwer zu realisieren sind (sch, r, s (Lispeln)). Als Faustregel kann gelten: Werden mehr als drei Laute fehlgebildet, ausgelassen oder ersetzt, ist eine sprachtherapeutische Abklärung auch vor dem 5. Lebensjahr empfehlenswert. Fehlbildungen einzelner schwieriger Laute hingegen verschwinden häufig von selbst oder haben Zeit bis zum Jahr vor der Einschulung. Neuere Studien zeigen in diesem Bereich keine Vorteile einer frühen Therapie.

Bezüglich der „klassischen“ Sprachentwicklungsstörung geht man heute aufgrund zahlreicher Studien davon aus, dass die Therapie am effektivsten ist, wenn die Sprachentwicklungsstörung noch gar nicht vollständig zutage tritt.
Kinder, die mit 2 Jahren noch nicht oder nur wenige Wörter sprechen, haben ein erhöhtes Risiko, an einer Sprachentwicklungsstörung zu erkranken (Grimm, 2000). Das heißt für ca. 60-70% dieser Kinder, dass sie später mit leichten bis schweren Problemen im Spracherwerb konfrontiert sein werden.
Im frühen Stadium der Sprachentwicklung haben sie jedoch noch die Möglichkeit, sich – bei entsprechend gezielter Unterstützung (v.a. durch die Eltern) – sprachlich unauffällig zu entwickeln.
Die meisten aktuellen Theorien gehen von der Existenz einer sensiblen Phase für die Sprachentwicklung aus, die ein optimales Sprachlernen nur innerhalb der ersten drei Lebensjahre ermöglicht. Wenn den betroffenen Kindern also entsprechend rechtzeitig – innerhalb der sensiblen Phase – eine gezielte Förderung zuteil wird, ist deren Effektivität wesentlich höher als bei späterem Eingreifen, da den Kindern in dieser Zeit noch die optimalen neurologischen Ressourcen zum Sprachlernen zur Verfügung stehen.
 

Ursachen und Unterstützungsansätze

Sprachentwicklungsstörungen entstehen durch neurologische Prädisposition beim Kind. Die Eltern sind nicht Verursacher der sprachlichen Probleme ihres Kindes, können die sprachliche Entwicklung ihres Kindes aber positiv beeinflussen.
Die meisten Eltern nutzen spontan sprachförderliche Kommunikationsstrategien (kindliche Äußerungen lobend wiederholen, auch wenn sie nicht erwachsenensprachlich realisiert werden; abwarten und genau hinschauen, was das Kind mitteilen will…). Ein Ausbleiben der erwarteten sprachlichen Fortschritte beim Kind führt jedoch häufig zu einer ungünstigen Verschiebung hin zu sprachentwicklungshemmendem Verhalten (vgl. Grimm, 2003) (Wörter abfragen; das Kind zum Sprechen „zwingen“; selbst für das Kind antworten; keine Antworten des Kindes abwarten …). Es ist für Eltern mit spät sprechenden Kindern schwieriger, ein optimales Sprachangebot zu machen und das, wo die Kinder ohnehin ein erhöhtes Risiko für sprachliche Probleme haben.
Um diesen Teufelkreis gar nicht erst entstehen zu lassen oder zu durchbrechen, sollten sich die Eltern Hilfe bei Fachleuten holen.

Beratung und Therapie

Beratung und Therapie finden Sie bei den niedergelassenen logopädischen und sprachtherapeutischen Praxen, in den Frühförderstellen (diese sind v.a. für Kinder mit Problemen in mehreren Entwicklungsbereichen zuständig) und bei Beratungsstellen, die spezielle Sprachentwicklungsberatung anbieten. Für Kinder unter drei Jahren sollten die Eltern sich erkundigen, ob die Praxis entsprechende Qualifikationen und Erfahrung im Bereich der Frühtherapie vorweisen kann.

Literatur

  • Adler, Y (2006). Stadt Leipzig (Hrsg.). Sprachförderung in der Kindertagesstätte. Handbuch mit großem Spieleteil. 
  • Dannenbauer, F. M. (2001). Spezifische Sprachentwicklungsstörung. IN Grohnfeldt, M.. Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie – Band 2. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Girolametto, L.; Pearce, P. S.; Weitzman, E. (1997). Effects of Lexical Intervention on the Phonology of Late Talkers. IN Journal of Speech, Language and Hearing Research 40, 338-348.
  • Grimm, H. (2003). Störungen der Sprachentwicklung. Göttingen: Hogrefe. 2. überarb. Auflage.
  • Grimm, H.; Doil, H. (2000). ELFRA – Elternfragebögen für die Früherkennung von Risikokindern. Göttingen: Hofgrefe.
  • Robertson, S.B.; Weismer, S. (1999). Effects of treatment on linguistic and social skills in toddlers with delayed language development. Journal of Speech, Language and Hearing Research 42, 1234-1248.
  • Ward, S. (1999). An investigation into the effectiveness of an early intervention method for delayed language development in young children. International Journal of Language & Communication Disorders 34, 441-443.

Autorin

Dr. Claudia Wirts, Sonderpädagogin und Sprachheilpädagogin, ist seit 2007 wissenschaftliche Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik

Schwerpunktbereiche: Sprache, Interaktion, Literacy, Mehrsprachigkeit, Sonder- und Integrationspädagogik

Fortbildungstätigkeit im Bereich der frühen Sprachförderung (Frühtherapie und Interaktionsberatung) und Sprachförderung in Kindertagesstätten

Tel.: +49-(0)89-99825-1963

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Erstellt am 7. Januar 2009, zuletzt geändert am 12. Juni 2013