Warum Eltern ihre Kinder trösten sollen

Michael Schnabel
Mschnabel
 

„Was macht dir Kummer? Warum musst du weinen?“ fragt die Mutter den dreijährigen Tobias. „Marie hat mir das Feuerwehrauto genommen. Sie hat mich gehaut.“

„Wieder einmal gut gegangen! So ein ruhiger und gemütlicher Einkauf gelingt nicht alle Tage“, denkt die Mutter des zweieinhalbjährigen Markus. Das Kind sitzt ruhig im Kindersitz des Einkaufswagens, während die Mutter den Wagen mit Utensilien füllt. Aber an der Kasse geht es zögerlich voran, und Markus entdeckt die schön aufgereihten Überraschungseier. „Markus ein Ei! Markus ein Ei haben!“ ruft das Kind immer lauter. Die Mutter sieht zu, dass sie schnell durch die Kasse kommt. Markus weint, schreit und stampft vor Enttäuschung und Ärger.

Wie sollen sich Eltern in solchen Situationen verhalten? Sollen sie die Kinder beruhigen, trösten und ihnen gut zureden? Darf man konsequent und ärgerlich reagieren? Oder soll man möglichst wenig Aufhebens machen und die Angelegenheit kommentarlos bereinigen?

Was in weinenden und gekränkten Kindern vor sich geht, zeigen neuere Forschungen aus der Neurologie.

Neurologische Zusammenhänge

Eine Tatsache spielt bei der Entscheidung, das Kind zu beruhigen und zu trösten, eine große Rolle: Das Nervensystem des Kindes ist bei der Geburt nur teilweise entwickelt und reift erst nach und nach aus. Das bedeutet: Erwachsene müssen das Kind unterstützen und müssen ihm helfen, wenn Angst, Wut und Stress sein Nervensystem durcheinander bringen.

Was geschieht im Einzelnen, wenn Säuglinge und Kleinkinder jammern, schreien, sich ärgern und frustriert sind? Das autonome Nervensystem ist aus dem Gleichgewicht geraten: Der anregende und reizbare Zweig dieses Systems ist überaktiv – der ruhige und ausgleichende Zweig ist unteraktiv.

Das Kind ist in hohem Maße erregt, weil eine große Menge Adrenalin freigesetzt wurde. Es hat eine hohe Herzfrequenz, einen erhöhten Blutdruck, atmet schnell, spannt die Muskeln an und beginnt zu schwitzen. Das Stressreaktionssystem läuft auf Hochtouren. Margot Sunderland beschreibt diesen Vorgang folgendermaßen: „Durch den zunehmenden Kummer wird in einem schreienden Baby eine hormonelle Kettenreaktion in Gang gesetzt. Sie beginnt in einem Teil des unteren Gehirns, dem Hypothalamus, der allgemeinen hormonellen Steuerungszentrale. Der Hypothalamus produziert ein Hormon, das die nahe gelegene Hypophyse zur Freisetzung eines weiteren Hormons, des ACTH, veranlasst. Dieses wiederum stimuliert die Nebennierenrinde, das Stresshormon Kortison freizusetzen, das dann Gehirn und Körper überschwemmt. Bei einem leidenden Baby ist dieses System höchst aktiv und setzt große Mengen von Kortison frei – vergleichbar mit einer Zentralheizung, die nicht abgeschaltet werden kann. Das Beruhigen des Babys deaktiviert dieses System.“[1]

Wenn das Stressreaktionssystem angeworfen wird, hat sich noch nichts Außergewöhnliches ereignet, denn es ist ein nützliches Reaktionsmuster zum Schutz des Menschen. Das heißt, wenn das Baby etwas jammert und das Kleinkind quengelt oder beunruhigt ist, müssen Eltern oder Erzieherinnen nicht gleich das große Trostpflaster auspacken. Gefährlich und schädlich wird es für Babys und Kinder in jedem Alter erst, wenn Kummer, Schmerz und Ärger lang andauern. Denn dann steigt im Gehirn des Kindes der Kortisonspiegel an und bleibt auf einer Höhe, die toxische Ausmaße annehmen kann. Vergleichsweise arbeitet dann das Gehirn des Kindes in einem Raum giftiger Dämpfe.

Dadurch können Schlüsselsysteme in der Gehirnentwicklung eingeschränkt und geschädigt werden. So ergaben wissenschaftliche Untersuchungen, dass solche Kinder ein überempfindliches Stressreaktionssystem ausbilden. Sie reagieren bei Außenreizen hochsensibel, wie ein Feuermelder, der bei kleinsten Temperaturschwankungen die Sirenen aufheulen lässt. Solche Reaktionsmuster machen das gesamte Leben zu einer stressreichen Angelegenheit. Empirische Studien konnten belegen, dass Kinder mit einem überempfindlichen Stressreaktionssystem anfällig sind für Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen und Alkoholmissbrauch. Durch solche Reaktionen können sogar Zellen im Gehirn absterben. Gehirnscans bei Kindern, deren Kummer und Sorgen nicht beachtet wurden, zeigten Schrumpfungen des Hippocampus. Dieses Gehirnareal ist für die Funktion des Langzeitgedächtnisses zuständig.

Der Gegenspieler zum Stressreaktionssystem ist der Vagusnerv. Er befindet sich im Gehirnstamm und reguliert die Funktion der wichtigsten Körperorgane. Er kann in kürzester Zeit das durch Schock oder Stress ausgelöste Durcheinander im Körper wieder ordnen und harmonisieren. Daher empfiehlt die Professorin Sunderland den Eltern: „Eines der größten Geschenke, das Sie ihrem Kind machen können, ist, ihm zu helfen, einen ausreichenden Vagotonus auszubilden. Das bedeutet, dass der Vagusnerv in seiner gesamten beruhigenden, regulierenden Funktion gut arbeitet. Die Forschung zeigt, dass ein guter Vagotonus mit emotionaler Ausgeglichenheit, klarem Denken, besserer Aufmerksamkeit und einem effizienteren Immunsystem zusammenhängt. Menschen mit einem guten Vagotonus hat man meist gerne um sich.“[2]

Der Einblick in die Forschungen zur Frage des Tröstens lässt deutlich werden: Wenn Kinder in ihrem Kummer, Ärger und in ihrer Verzweiflung allein gelassen werden, dann drohen Schädigungen ihres neuronalen Systems. Werden sie jedoch beruhigt und getröstet, so stärkt dies die physische und psychische Stabilität.

 

Wie sollen Kinder getröstet werden?

Viele wissenschaftliche Untersuchungen belegen eindeutig: Kinder brauchen die Hilfe und Unterstützung von Erwachsenen, um mit Ärger, Wut und Frust fertig zu werden. Wenn Erwachsene gewisse Dinge beachten, dann sind sie vortrefflich in der Lage, ein Kind zu beruhigen und zu trösten. Folgende Vorbedingungen sollten verinnerlicht werden, damit das Trösten heilsame Wirkungen zeigt:

  • Ganz sicher ist es falsch, das Elend, die Trauer und die Ängste der Kinder nicht ernst zu nehmen. Beispielsweise, wenn Eltern oder Erzieherinnen den Frust ihrer Kinder verharmlosen oder bagatellisieren: „Ach, ist ja nicht so schlimm. Da braucht doch keiner weinen. So etwas vergeht gleich wieder. Bei so einem Pipifax hat noch keiner geweint.“
  • Genauso falsch ist es aber auch, wenn die missliche Lage des Kindes hochstilisiert und übertrieben wird: „Oje, wie schlimm! Ach du armes Kind, was ist dir wieder Schreckliches zugestoßen? Hilfe, das kann nicht sein, so ein Unglück!“
  • Wenn das Jammern, Weinen oder Beleidigtsein des Kindes sachgerecht und einfühlsam angesprochen wird, dann beruhigt sich das Kind. Besonders das Ansprechen der Gefühle lässt den Schmerz und das Leid sich verflüchtigen, weil die verstandesmäßige Erfassung die Kontrolle auf den Plan ruft.

Schnabel Troesten-713x1024Aber es gibt noch mehr Möglichkeiten und Gefahren beim Trösten: Eine wichtige Voraussetzung für jeden Trost und für jedes Bemühen, Kinder zu beruhigen, ist, dass der Erwachsene innerlich ruhig und gefasst ist. Denn die Unruhe des Nervensystems des Erwachsenen überträgt sich direkt auf das kindliche System. In solch einer Lage ist es für das Kind kein Gewinn, wenn der Erwachsene das Kind in die Arme nimmt und beruhigen möchte. Wenn er beispielsweise selbst sehr erregt und nervös ist, weil ein Kind vom Klettergerüst gefallen ist, so kann eine ruhige Mutter das Kind effektiver trösten.

Die meisten jungen Eltern haben es schon oft erlebt: Wenn sie den schreienden Säugling oder das weinende Kleinkind in den Arm nehmen und an sich drücken, dann wird das Schluchzen schwächer und hört bald ganz auf. Die Körpernähe tut dem Kind gut, weil das ruhige Nervensystem des Erwachsenen direkt auf das Kind einwirken und sein Nervenkostüm glätten kann. Das Anfassen und in den Arm nehmen sind auch in der Kinderkrippe und im Kindergarten vortreffliche Maßnahmen, um die Gefühle der Kinder zu steuern.

Die Antischockhaltung, eine Technik aus der Kinesiologie, verstärkt und vertieft die beruhigenden und ausgleichenden Wirkungen. Sie wird folgendermaßen ausgeführt: Das zu beruhigende Kind wird mit einer Hand an der Stirn und mit der anderen Hand am Hinterkopf gehalten und mit leichtem Druck besänftigt. Kinder und auch Erwachsene spüren sofort Ruhe und Ausgeglichenheit.

„Komm schnell her und lass mich deine Hand streicheln“, fordert die Erzieherin den jammernden zweijährigen Marco auf. Die Kugelbahn ist umgefallen und hat dabei seine Hand leicht eingequetscht. Die Pädagogin streichelt behutsam über den Handrücken des Kindes und murmelt vor sich hin: „Heile, heile gleich! Heile, heile schnell! Dann ist unser Marco wieder fröhlich zur Stell’.“ Sie bläst noch dreimal auf die Hand und schon ist das Malheur wieder vergessen. Die meisten Kinder werden ruhiger und entspannter, wenn man sie streichelt oder massiert. Es ist zum einen die Beruhigung, die durch den Körperkontakt erzeugt wird, und zum anderen kommt noch die besänftigende Wirkung des rituellen Sprechens hinzu.

Bei vielen Kindern zeigen sich ähnliche Wirkungen, wenn ihnen ein Lied oder mehrere Lieder vorgesungen werden. Vor allem, wenn ihre Lieblingslieder angestimmt werden. Es mutet zwar paradox an: Das Kind weint und die Mutter singt. Aber es ist eine Erfahrungstatsache, dass Kinder durch Lieder beruhigt werden können und sogar ihren Schmerz vergessen.

Wärme hat vor allem bei Babys und Kleinkindern eine beruhigende Wirkung, denn sie setzt im Gehirn Oxytocin frei. Dieser Botenstoff erzeugt im Körper ein Wohlgefühl. Durch ein warmes Bad kann dieses Gefühl noch verstärkt werden. Ebenso wird zusätzliche Besänftigung des Babys erreicht, wenn es in eine flauschige Decke gehüllt wird. Das wohlige Gefühl auf der Haut des Kindes erzeugt große Beruhigung.

Babys und Kleinkinder sind in der Regel begeistert von rhythmischen Bewegungen, daher werden sie meist durch Schaukeln erfolgreich beruhigt und getröstet. Wahrscheinlich erinnert das Schaukeln die Kinder an die weichen Bewegungen, die sie als Embryo im Mutterleib erlebt haben. Das Schaukeln darf daher nicht heftig und ruckartig erfolgen, da sonst feine Blutgefässe verletzt werden könnten.

Schaukeln in einer Decke oder auch in einer Hängematte kann auch in der Kinderkrippe oder auch im Kindergarten als Trostmittel eingesetzt werden. Besonders lieben es Kinder, wenn sie in einer Decke liegend von zwei Erwachsenen leicht hin und her geschwungen werden.

Viele Eltern beobachten bei ihren Babys, dass sie auch durch leise und gleich bleibende Geräusche ruhig und ausgeglichen werden. So hält manch ein Baby sofort im Weinen inne, wenn es das Geräusch der Wachmaschine oder das sanfte Summen des Kühlschranks hört. Sehr gut geeignet sind zum Erzeugen von Geräuschen Aufzeichnungen vom Rauschen des Meeres, vom Sprudeln einer Quelle, aber auch von Vogelgezwitscher. Das Grundkonzept ist dabei Ablenkung! Eine große Unterstützung für eine erfolgreiche Ablenkung sind Kenntnisse über momentane Interessen des Kindes. Beispielsweise ist der eineinhalbjährige Jakob fasziniert von Autos. Als er versehentlich über eine Tasche stolpert, weint er laut. Als er jedoch vom Vater ans Fenster gestellt und auf die vorbeifahrenden Autos aufmerksam gemacht wird, ist sein Schmerz sekundenschnell vergessen.

Es gibt auch einige bewährte Objekte, die Trost spenden und verstärken können, so beispielsweise ein Schmusetier. Einerseits tröstet das Schmusetier, weil das Kind mit ihm viele erfreuliche Erfahrungen verbindet, zum anderen können Eltern die Kinder durch das Schmusetier ansprechen. Wenn sozusagen der Schmusebär den Vorfall beschreibt und die Gefühle des Kindes schildert, dann ist sein Innerstes offen und sein Erleben erreichbar.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Viele Untersuchungen aus der Neurologie bekräftigen: Babys und Kleinkinder brauchen unbedingt den Trost durch Eltern und Erzieherinnen. Die hier beschriebenen Praktiken, wie Kinder beruhigt und getröstet werden können, sollten nicht nur eingesetzt werden, wenn es dem Kind schlecht geht und es leidet, sondern sie können auch Bestandteil eines Konzepts zur Pflege der Gefühle und zur Bewusstwerdung des Innenlebens bei Kindern werden.


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[1] Sunderland, M.: Die neue Elternschule. Kinder richtig verstehen – ein praktischer Erziehungsratgeber, München 2007, S. 40.

[2] Ebd. S. 45.

Autor

Michael Schnabel war wissenschaftlicher Angestellter am Staatsinstitut für Frühpädagogik.

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