Musik, Spiel und Tanz fördern alle Sinne der Kinder

Sabine Hirler
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Musik für das jüngere Kind ist in der Regel immer mit Gestik, Mimik, rhythmisierter Bewegung und Gesang verknüpft. Das ist kein Zufall! Denn diese komplexen musikalischen Angebote fördern das Zusammenspiel der Sinne. Und gerade die Rhythmisch-musikalische Erziehung fördert in besonders ganzheitlicher und kindgerechter Weise die Entwicklung der Kinder. Im folgenden Beitrag wird die Rhythmik vorgestellt und auf mögliche Fragen von Eltern zur musikalischen Förderung ihrer Kinder eingegangen.

Vielen Eltern ist es ein großes Anliegen, die Musikalität ihrer Kinder möglichst schon in den ersten Jahren zu fördern. Sind Rhythmik-Angebote dafür geeignet? Welche Themen und Schwerpunkte werden in Rhythmik angesprochen? Wie schaut ein Rhythmik-Angebot aus? Und ab welchem Alter ist eine Teilnahme für Kinder sinnvoll? Die nachfolgenden Ausführungen dazu können Eltern helfen, eine sach- und kindgerechte Entscheidung zu treffen.

Wie entstand Rhythmik?

Der Schweizer Musikpädagoge Emile Jaques-Dalcroze (1865-1950) fand heraus, dass seine Klavierstudenten die Musik besser auf ihrem Instrument spielen konnten, wenn sie vorher den Rhythmus oder die Länge einer Melodie in Bewegung umgesetzt hatten. Er entwickelte daraus die “Rhythmische Gymnastik” , die sich jedoch im Laufe der Zeit im Sportbereich zu einer akrobatischen Gymnastikrichtung veränderte und heutzutage keine inhaltlichen Berührungspunkte mehr zur Rhythmischen Erziehung besitzt. Aus der Unterrichtszeit Jaques-Dalcroze an der Bildungsanstalt Dresden/ Hellerau entstanden viele Richtungen, wie der Ausdruckstanz, die Gymnastik und Teile der Elementaren Musikpädagogik.

In einigen Kantonen in der Schweiz wurde, angeregt durch das jahrzehntelange Wirken von Jaques-Dalcroze und der Rhythmiklehrerin Prof. Mimi Scheiblauer (1891-1968) die Rhythmische Erziehung in den Fächerkanon der Schweizer Grundschulen aufgenommen. Rhythmik kann in allen Alterstufen, mit allen Kindern und Erwachsenen mit und ohne Behinderungen oder Teilleistungsstörungen, bis hin zu den Senioren, eingesetzt werden.

Was sind Inhalte der Rhythmik?

Grundsätzlich für die rhythmische Arbeitsweise ist die Erkenntnis, dass die Wurzel allen Lernens im Körper und in der Bewegung liegt. Rhythmik fördert ein ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen, die sich über das spezielle Aufgabenangebot miteinander vernetzen und letztendlich über die Bewegung ihren Ausdruck findet. Die Kinder bekommen über das Hören von Musik und dem Umgang mit einfachen Instrumenten wie zum Beispiel Trommeln, Klanghölzchen, Xylofon, Rasseln und interessanten Materialien Anregungen, die sie mit eigenen Ideen und in Zusammenarbeit mit anderen Kindern weiterentwickeln sollen. Daraus entsteht aus der Ursprungsidee oftmals etwas völlig Neues, das kreativ und fantasievoll und voller Begeisterung von den Kindern ausgeführt und gespielt wird. Die Unterrichts- “Kunst” der Rhythmiklehrer ist jedoch von entscheidender Bedeutung. Sie müssen nicht nur musikalisch und bewegungsmäßig kindgerechte Spielangebote entwickeln, sondern während des Unterrichtes ein Gleichgewicht der Spiel- und Lernangebote erreichen, das die Kinder nicht ermüdet und nicht über- oder unterfordert. Der Unterricht sollte abwechslungsreich sein, das bedeutet nicht ständig ein neues Thema, sondern ein Wechsel von verschiedenen Spielangeboten zu einem Thema. Durch Wiederholungen und Varianten verankern sich die Inhalte besser im Gehirn und bilden wiederum die Grundlage für erweiterte Spielausführungen. Denn in der Sicherheit der Wiederholung lernt das Kind am besten.

Wie in der Montessori-Pädagogik steht das Kind im Mittelpunkt des Rhythmikunterrichtes. Die Rhythmiklehrerin jedoch bietet vor allem für die jüngeren Kindern von 2 bis 7 Jahren einen thematischen Rahmen (z.B. Jahreszeiten, Tiere, Bilderbuch) an, der die Kinder emotional anspricht. Dieses Thema wird mit Liedern und Reimen, in Grob- und Feinmotorik, Sprachspiele, Bewegungsspiele und Fortbewegungsarten umgesetzt. Instrumentalspiel auf einfachen Instrumenten, Improvisations- und Experimentierphasen, Tänze, Wahrnehmungsspiele, Entspannungsphasen und darstellendes Spiel bereichern das Thema. Somit entsteht ein breites und interessantes Spiel- und Förderangebot für jedes Kind, im Besonderen für Kinder mit ADHS, hochbegabte Kinder und Kinder mit emotionalen Störungen und geistigen Behinderungen.

Was fördert Rhythmik?

Für Kinder bis zum Schuleintritt stehen Lieder und Reime im Rhythmikunterricht im Mittelpunkt. Sie werden immer in Kombination in Grob- und Feinmotorik angeboten. Die sensomotorische Umsetzung von Musik in Bewegung spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Die stimmige Umsetzung der Schnelligkeit, der Lautstärke von Musik in Bewegung, das Umschalten von einer Bewegungsform in die andere und das Reagieren auf Klänge und Geräusche in rhythmisch-musikalischen Spielformen und fördert Sensibilität und Motorik.

Rhythmik fördert durch Improvisation und Experimentieren das Kreativitätspotenzial jedes Kindes. Mit Bewegungen, Sprache, Materialien und einfachen Instrumenten wird fantasievoll experimentiert und die Kinder erfahren in der Umsetzung ihrer Ideen Selbstbetätigung und Selbstbestätigung, das sich wiederum auf eine positive Persönlichkeitsentwicklung und die Entwicklung der Intelligenz auswirkt.

Die Konzentrationsfähigkeit wird durch die emotionale Beteiligung an den thematischen Spielformen z.B. zu einer Tiergeschichte, sehr gefördert, weil die Kinder sozusagen mit Haut und Haaren in die sensorisch reizvollen und abwechslungsreichen Spielangebote eintauchen.

Die Sprachentwicklung und die Vernetzung der Gehirnhälften werden durch das Singen und Sprechen von Liedern und Reimen in Kombination mit Bewegungen angeregt. Jedoch wird ebenso durch Spielformen mit Spüren, Tasten und Bewegen die Sensorische Integration, die die Grundlage der Sprachentwicklung darstellt, gefördert.

Musikalische und künstlerische Ausdrucksfähigkeit wird auch schon im frühen Alter durch die Umsetzung musikalischer Inhalte in Musik, Tanz, Bewegung und Gesang angelegt.

Die soziale und emotionale Intelligenz und Kompetenz wird im Rhythmikunterricht durch die verschiedenen interaktiven Gruppenkonstellationen gefördert. Beispiele: Spiele zu zweit, als Gesamtgruppe, Dirigierspiele, bei denen einer führt, die anderen folgen.

Sämtliche Sinneswahrnehmungen, wie Sehen, Hören, Bewegungssinn, Tast- und Spürsinn, Gleichgewichtssinn, werden in vielschichtigen und ganzheitlichen Spielformen oftmals gleichzeitig angeregt und gefördert. Zu dem üblichen Instrumenten werden Materialien, wie Reifen, Seile, Bälle, Bänder, Tücher aber auch Alltags- und Naturmaterialien, wie Büchsen, Steine, Pappröhren eingesetzt.

Ein Unterrichtsbeispiel

Die Rhythmiklehrerin erzählt eine Geschichte von einer Igelfamilie und bespricht mit den Kindern, was Igel alles machen. Sie rollen sich ein und aus, sie laufen schnell und wenn sie genug gefressen haben auch etwas langsamer. Nun spielt die Lehrerin auf ihrer Flöte Musik zum Gehen, Laufen und Ein- und Ausrollen der Igel und die Kinder reagieren mit entsprechenden Bewegungen auf die gespielte Musik.

Dadurch werden nicht nur die Hör- und Körperwahrnehmung gefördert, sondern auch die Raumwahrnehmung, Bewegungsfantasie und emotionale Intelligenz. Das Kind steht immer vor der Anforderung: Wie bewege ich mich – wie bewegen sich die anderen Kinder im Raum.

Ein weiteres Beispiel: Durch das Rückwärtsgehen zu einem Lied oder einer Bewegungsmusik lernen Kinder im Kindergartenalter eine Fähigkeit, die erst zu einem späteren Zeitpunkt wichtig wird. Untersuchungen haben herausgefunden, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Lernen von Minusrechnen und dem Rückwärtsgehen im Raum gibt. Außerdem, in Anlehnung an wissenschaftliche Forschungsergebnisse der Universität Helsinki, kann durch die Förderung der Hördifferenzierung und der rhythmisierten Sprache in Liedern und Reimen im Rhythmikunterricht einer Legasthenie vorgebeugt werden.

Was unterscheidet die Rhythmische Erziehung von der üblichen musikalischen Früherziehung oder einem Trommelkurs?

Der Begriff “Rhythmik” ist leider durch seine Doppeldeutigkeit irritierend, denn Schlagzeuger, Percussionisten und die Musiker im Allgemeinen verwenden den Begriff “Rhythmik” zur Bezeichnung von “Rhythmuslehre” . Jedoch bieten auf Grund ihrer breit gefächerten Ausbildung an Musikhochschulen Rhythmiker ebenfalls Trommel- und Perkussionskurse an, die allerdings mit rhythmisch-musikalischen Elementen angereichert sind. Bei der musikalischen Früherziehung steht, wie im Rhythmikunterricht ein Thema im Vordergrund, das von den Kindern in vielfältigen Spielformen umgesetzt werden kann.

In der pädagogischen Grundkonzeption des Rhythmikunterrichtes ist jedoch das ganz bewusste Aufnehmen von aktuellen Stimmungen, Ideen und die momentanen Voraussetzungen der Kinder von grundlegender Bedeutung. Eine ursprünglich inhaltlich gleich konzipierte Unterrichtsstunde kann mit anderen Kindern im Rhythmikunterricht völlig verschieden verlaufen. Hingegen ist in der musikalischen Früherziehung der Unterricht im Wesentlichen durch ein Lehrprogramm geprägt. Aus diesem Grund ist es wichtig immer nach der Unterrichtskonzeption des Lehrers zu fragen. Oftmals werden die Lieder und Reime des von der Musikschule vorgeschriebenen Unterrichtswerkes mit eigenen Ideen der Lehrer erweitert und rhythmisch-musikalische Unterrichtsformen eingesetzt. Ist dies der Fall, zeigt das eine emphatische Lehrerpersönlichkeit, die von den Eltern auf jeden Fall bevorzugt werden sollte, weil sie selbst aktiv gestaltend und mit Freude den Unterrichtsprozess begleitet.

Ab wann ist Rhythmikunterricht sinnvoll?

Je nachdem in welcher Alterstufe die Kurse angeboten werden. Es gibt unter anderem auch Angebote für Eltern-Kind-Rhythmik ab zwei Jahre, die sehr zu empfehlen ist. Kleinkinder besitzen eine natürliche Musikalität, die sie gerne in Bewegung umsetzen und Eltern-Kind-Rhythmik ist für sie eine optimale Förderung in allen entwicklungsrelevanten Bereichen.

Da Kinder erst ab einem Alter von 3 1/2 Jahren die Fähigkeit entwickeln, sich in einer Gruppe zu bewegen und eigene Aktivitäten zu gestalten, ist 3 3/4 Jahre ein gutes Einstiegsalter.

Voraussetzungen des Kindes?

Im Prinzip keine, denn guter Rhythmikunterricht macht allen Kinder Spaß, weil sie nicht in ein “Korsett” von Inhalten gezwängt werden, sondern im Rahmen von Spielideen je nach ihrer Entwicklungsstufe und ihrer momentanen Situation agieren und reagieren.

Spielformen mit Musik, Bewegung, Instrumenten und Materialien werden auf ganzheitliche Weise erfahren – ganz nach Maria Montessoris Wahlspruch: “Hilf mir, es in mir selbst zu entdecken!” .

Entsprechend meiner langjährigen Erfahrung wird die Fähigkeit neugierig und wissbegierig zu sein im Rhythmikunterricht durch die Kreativitätsförderung weiterentwickelt. Kinder agieren kreativ und fantasievoll, experimentieren und improvisieren mit Musik und Bewegung, lernen dadurch in Zusammenhängen denken, vernetzen gegenseitig ihre Ideen und erfinden daraus wieder Neues. Gerade die Fähigkeiten eigene Lösungswege zu finden und im Team zu agieren, wurden laut PISA-Studie bei deutschen Schülern als sehr schlecht beurteilt.

Wie finde ich das richtige Angebot?

An vielen Musikschulen wird Rhythmikunterricht angeboten. Andererseits sind viele Rhythmiklehrer in eigenen Unterrichtsräumen und Studios tätig. In fast allen größeren Städten ist dies der Fall. Falls nicht von vornherein die Möglichkeit besteht das Kind im Unterricht “schnuppern” zu lassen, sollte dies ausdrücklich vereinbart werden. Am Besten machen die Eltern selbst mit, denn was man am eigenen Leib erfahren hat, macht bekanntlich den meisten Eindruck. Die Eltern werden staunen, wie schwer es für einen Erwachsenen ist, gleichzeitig zu singen und sich mit differenzierten Bewegungen zu bewegen.

Rhythmikunterricht wird jedoch auch von vielen engagierten Erzieherinnen als spezielles Angebot im Kindergarten angeboten. In Bayern und Baden-Württemberg und vereinzelt in anderen Bundesländern ist das Fach Rhythmik Bestandteil in der Ausbildung zur Erzieherin.
 

Quelle

  • Hirler, S.: Musik und Bewegung für alle Sinne. In: spielen und lernen, H. 11; 2003, S. 44-46.

Weiterführende Literatur

  • Hirler, S. (2014): Handbuch Rhythmik und Musik. Theorie und Praxis für die Arbeit in der Kita. Freiburg: Herder
  • Hirler, S. (2012): Wahrnehmungsförderung durch Rhythmik und Musik. Freiburg: Herder
  • Hirler, S./ Stadler Elmer, S. (2012): Kapitel 18 ‘Musik und Rhythmik’. In: Kinder erziehen, bilden und betreuen. Berlin: Cornelsen Scriptor
  • Hirler, S. (2010): Wie tanzt der Mond?. Braunschweig: Schubi Verlag (bis 2012 Köln: Bildungsverlag EINS
  • Hirler, S. (2009): Sprachförderung durch Rhythmik und Musik. Freiburg: Herder
  • Hirler, S. (2012): Musik und Spiel für Kleinkinder. Berlin: Cornelsen Scriptor
  • Hirler, S. (2007): Rhythmik – Spielen und Lernen im Kindergarten. Berlin: Cornelsen Scriptor

Autorin

Sabine Hirler, M.A. (Sozialwissenschaften/ Erwachsenenbildung), Rhythmik- und Musikpädagogin und Therapeutin, Fachautorin und Dozentin

Informationen zur Autorin hier.

Erstellt am 13. Oktober 2004, zuletzt geändert am 11. November 2014