Erziehungsziel: Kreativitätsförderung

Petra Stamer-Brandt
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Kreativität gilt schon seit einigen Jahren als Schlüsselkompetenz der Zukunft. Wer kreativ ist, kann auch „um die Ecke denken“, neue Wege finden und fantasievoll mit anderen zusammen arbeiten und spielen. Es lohnt sich also, etwas zur Förderung der Kreativität zu tun. Was Sie tun können, welche spielerischen Möglichkeiten es gibt, die Kreativität zu fördern, erfahren Sie in diesem Artikel.

Was Kreativität bedeutet

Als Kreativität bezeichnen wir die Fähigkeit, Dinge hervorzubringen (auch zu denken), die neu sind und die, zumindest für denjenigen der sie hervorbringt, vorher unbekannt waren. Kreativität ist etwas Schöpferisches und Selbsttätiges. Konsequent betrachtet erfordert die Entwicklung von Kreativität eine veränderte pädagogische Betrachtungsweise. Das kreative Kind denkt selbsttätig und neu. Es übernimmt nicht die Denkmuster der Erwachsenen und überträgt ihre Erfahrungen und ihr Wissen nicht einfach auf die eigene Lebenssituation. Es denkt selbst, es macht eigene Erfahrungen, es beschreitet manchmal lange und umständliche Wege und kommt zu eigenständigen Ergebnissen.

Wir leben allerdings in einer Zeit, in der es immer schwerer wird, eigene Erfahrungen zu sammeln und sich einen kreativen Freiraum zu erobern. Kinder spielen auf vorgefertigten eintönigen Spielplätzen mit gleichaltrigen Kindern. Sie leben in kleinen Familien, machen nur noch eingeschränkte Geschwistererfahrungen und stehen eigentlich ständig unter erwachsener Beobachtung. Ihre Welt ist so perfektioniert, dass sie nur noch konsumieren brauchen. Ein Nährboden für Kreativität bietet sich ihnen nicht unbedingt. Das ist sehr schade, denn Kreativität gilt als eine der Schlüsselqualifikationen unserer Zukunft.

Kreativität – eine Schlüsselqualifikation für die Zukunft

Kreative Menschen haben es in vielen Lebensbereichen leichter als andere. Sie können sich schneller auf neue Situationen einstellen, suchen und finden für ihre Probleme Lösungen, die auch vom ausgetretenen Pfad abweichen und meistern schwierige Situationen, indem sie improvisieren und sich von klassischen Denkmustern lösen. Kreative Menschen verfügen über eine besondere Sensibilität im Bereich der Wahrnehmung und Problemlösung und sie haben häufig ein gutes Sozialverhalten. Sie lassen sich gerne auf Neues ein, reagieren auf Anstöße von außen und zeigen eine auffallende Bereitschaft, sich Dinge auch ganz anders vorstellen zu können. Auffallend an kreativen Menschen ist auch ihre Originalität, ihre Spontaneität und ihr Mut, sich anders auszudrücken. Kreative Menschen sind aktive Menschen, deswegen ist ihre Chance, sich ständig weiterzuentwickeln groß.

In Zukunft wird die Entwicklung der Kreativität eine immer größere Rolle spielen, denn in unserer problembeladenen, schnelllebigen Zeit brauchen wir kreative Köpfe, die Probleme als Herausforderung betrachten, Lust auf die Beschäftigung mit neuen Technologien entwickeln, bereit sind, Bestehendes in Frage zu stellen und in vielen Lebensbereichen neue Wege zu beschreiten. Je komplizierter und vielfältige unsere Welt wird, um so notwendiger brauchen wir Menschen, die sich mit innovativen Ideen und originellen Lösungen mit den Alltagsproblemen auseinandersetzen. In vielen Arbeitsbereichen werden schon heute Menschen bevorzugt eingestellt, die über ein hohes kreatives Potenzial verfügen, gegenüber denen, die mit hohem Fachwissen aufwarten können.

Die Beschreibung des kreativen Menschen klingt etwas idealtypisch und so, wie es hier dargestellt wird, gibt es ihn sicherlich auch nicht. Jeder Mensch unterscheidet sich wesentlich von anderen, das ist auch bei kreativen Menschen so. Wenn Sie Ihr Kind genau beobachtet haben, wissen Sie, dass in Ihrem Kind kreative Anlagen vorhanden sind. Und wenn Sie auf sich selbst schauen und sich für wenig kreativ halten, sollten Sie einmal überlegen: Sind Ihre kreativen Fähigkeiten gefördert worden? Wurde Kreativität in Ihrer Familie als positive Eigenschaft angesehen? Sind Sie für kreative Ideen gelobt worden?

Sind Kinder kreativ? Welchen Stellenwert hatte in Ihrer Familie Originalität? Wie wurde mit abweichenden Ideen umgegangen?

Das kreative Kind

Jedes Kind verfügt von Geburt an über kreative Potenziale. Sie werden es längst bemerkt haben, Ihr Kind ist neugierig, es liebt jede Herausforderung und will die Welt entdecken, denn diese bietet Spannung pur. Da gibt es geheimnisvolle Schubladen, die sich öffnen lassen, Grashalme, die man auszupfen kann, Wecker die sich auseinandernehmen lassen und vieles mehr. Kinder wollen wissen, wie die Welt funktioniert. Sie wollen wissen, “wie die Klotür ins Auge kommt” . Sie wollen probieren, wie der Popel schmeckt und herausfinden, ob man mit Penatencreme die Haare “gelen” kann. Sie fragen Ihren Eltern ein Loch in den Bauch und wenn die geduldig bleiben und, statt sofort mit Antworten zu parieren, die Frage zurückgeben oder gemeinsam mit ihrem Kind die Lösung suchen, tragen sie wesentlich zur positiven Neugierentwicklung ihres Kindes bei.

Kinder, die nicht in einem Spielzeugpark versinken, der kaum noch kreative Ideen zulässt, können aus den unglaublichsten Dingen Spielmaterial herstellen und sich stundenlang mit einem umgedrehten Tisch auf Kreuzfahrt begeben, verrückte Sprachspielereien erfinden oder mit der Schreibmaschine Bilder malen. Leider werden Kinder in ihrem Entdeckungs- und Forschungsdrang häufig von Erwachsenen ausgebremst, die längst vergessen haben, dass wir ohne Fantasie und Kreativität noch heute ohne Glühbirnen, Flugzeuge und andere Entdeckungen kreativer Geister leben würden. In der Anlage ist Kreativität durchaus in jedem Menschen vorhanden. Manchmal lauert sie allerdings dort wie ein verborgener Schatz, der erst gehoben werden muss. Das kann durch entsprechende Impulse, Anregungen, Materialien und gemeinsamen Unternehmungen, Bestätigungen und Ermutigungen geschehen. Kinder brauchen, um ihre Kreativität entwickeln zu können, einen entsprechenden Rahmen und sie unterstützende Erwachsene.

Das kreative Kind ist auch ein sinnliches Kind. Es experimentiert mit Draht und spürt, dass er kratzt. Es malt mit Kleisterfarben und genießt dabei das Spiel mit dem glitschigen Material oder muss zunächst seinen Ekel überwinden. Es baut eine Sandburg und lässt dabei den warmen Sand durch die Finger rinnen. So erschließt es sich Zugang zu unterschiedlichen Materialien und schärft die eigenen Empfindungen.

Kinder lernen anders

Kinder lernen vorwiegend selbsttätig, d.h. in der Auseinandersetzung mit ihrer realen Welt. Sie lernen aktiv handelnd und nicht vorwiegend kognitiv wie Erwachsene. Sie müssen die Dinge anfassen, auseinandernehmen und sich langsam mit ihnen vertraut machen. Sie wollen erfahren, wie die Dinge funktionieren und wollen am liebsten keine vorwegnehmenden und kontrollierenden Erwachsenen dabei haben.

Am besten speichern Kinder praktische Lernerfahrungen, wenn diese mit möglichst vielen Sinnen erlebt werden konnten. Sie möchten hören, sehen, anfassen, schmecken, ausprobieren. Kommen mehrere Sinneseindrücke zusammen, ist die Chance groß, dass Gelerntes auch gespeichert wird. Ein sinnlich inszeniertes Erlebnis vergisst kein Mensch so schnell und ein Erlebnis, das mit Erfolg verbunden war ebenso wenig.

Kinder wollen spielen und Spaß haben, dabei mögen sie sich durchaus anstrengen. Sie wollen aber nicht von Erwachsenen belehrt werden und schon gar nicht, wenn sie den Sinn der Belehrung nicht erfassen können.

Wie Sie Kreativität fördern und unterstützen können

Zunächst einmal sollten Sie einen Rahmen schaffen, indem sich die Kreativität Ihres Kindes entfalten kann. Kreativität entwickelt sich auch durch anregende Räume und Materialien, die immer wieder bearbeitet und umfunktioniert werden können. Das beginnt mit einem Kinderzimmer, in dem Ihr Kind die Möbel umstellen und umfunktionieren kann, in dem es Platz für Bewegung gibt und das nicht mit einer großen Spielzeugflut zugestellt ist. Ihr Kind braucht Kissen, Decken und Stoffbahnen, damit es Höhlen bauen und Farben, Stifte, Papier, damit es malen kann. Für das Spielzeug gilt “Weniger ist mehr” . Das Kind, das sich zwischen 50 Spielzeugen entscheiden muss, ist manchmal so verzweifelt, dass es sich lieber vor den Fernseher setzt. Gut geeignet sind Spielmaterialien, die umfunktioniert gestaltet werden können und zu kreativem Spiel anregen. Dabei muss das Material gar nicht und bedingt “kindgerecht” im Sinne von “simpel” sein. Geben Sie Ihrem Kind z.B. einmal eine alte Schreibmaschine oder gestatten Sie Ihrem Kind, mit Holz und einem Werkzeugkoffer zu hantieren. Sie werden erstaunt sein, welche Ergebnisse Ihr Kind hervorbringt. Dabei brauchen Sie sich in der Regel auch keine Gedanken über vermeintliche Gefahren zu machen. Ihr Kind kann lernen, achtsam mit Werkzeug umzugehen und es ist durchaus in der Lage, Werkzeuge fachgerecht zu benutzen und dabei auf Sicherheitstechnik zu achten. Bei der Wahl des Spielmaterials denken Sie ruhig einmal an das Sprichwort “Not macht erfinderisch” .

Ihr Kind benötigt Materialien, die zum Forschen anregen, die selbsttätiges Experimentieren, Nachdenken und Ausprobieren ermöglichen. Kinder holen sich durchaus auch das, was sie zum Spielen brauchen. Sie sind da durchaus erfinderisch, funktionieren Dinge um und lernen, zu improvisieren. Außerdem braucht Ihr Kind einen Platz, an dem es seine “Arbeitsergebnisse” nicht nur stehen lassen und aufbewahren, sondern auch “ausstellen” kann. Ein Gestaltungsergebnis muss zumindest für eine Weile optisch zur Geltung gebracht und so gewürdigt werden.

Kreativität kann sich nur entfalten, wenn genügend Zeit dafür zur Verfügung steht. Kreative Menschen sind hartnäckig. Sie “arbeiten” so lange an ihrem Ziel, bis es erreicht ist und das kann dauern. Nicht immer kommt es dabei zu einem sichtbaren Ergebnis, das Tun an sich ist wichtig. Wird das Kind bei diesem Prozess gestört, verliert es die Lust am Experiment. Es braucht Zeit um neue Wege auszuprobieren, Schwierigkeiten zu bewältigen, neue Techniken zu erfinden, Umwege zu gehen und Erfahrungen zu sammeln. Dabei will es nicht gestört werden. Ist eine Sache spannend, ermüdet sie auch nicht. Denken Sie nur an die Zeit, als Ihr Kind noch mit Bausteinen gespielt hat: Es hat stundenlang immer wieder Stein auf Stein gesetzt, den Turm einstürzen lassen und wieder von Neuem mit dem Turmbau begonnen. Nicht der hohe Turm war das Ziel, die Tätigkeit an sich hat Freude bereitet.

Was Sie tun können, um die Kreativität Ihres Kindes zu fördern

In erster Linie lernen die Kinder immer durch eigenes Tun. Dafür brauchen sie Freiheit, Zeit und Ermutigung. Sie brauchen aber auch anregende Vorbilder. Wer Eltern hat, die selbst nur vor dem Fernseher sitzen, ihre Kuschelecke nicht verlassen und sich mit vorgedachten und vorgefertigten Dingen begnügen, kann nicht erwarten, dass die eigenen Kinder automatisch kreative Potenziale entwickeln. Schauen Sie also auch selbst über den Tellerrand hinaus und lassen Sie sich von Ihrem Kind beim Erforschen und Erfinden anstecken. Probieren Sie gemeinsam aus, was passiert, wenn sie ein Stück Papier und Wasserfarben in die Salatschleuder packen und dann drehen. Besorgen Sie großformatiges Papier und werden Sie selbst zum Künstler oder zur Künstlerin. Experimentieren Sie mit Farben und unterschiedlichen Papieren, malen Sie mit Händen und Füßen und probieren Sie aus was passiert, wenn Sie bunte Kreide ein paar Stunden ins Wasser gelegt haben. Ihrer Fantasie und die Ihrer Kinder sind keine Grenzen gesetzt. Mit vielen Experimenten kommt man schnell zu einem befriedigenden Ergebnis. Gerade das Experiment mit Farben und Papier sorgt für eine Vielfalt an neuen Erfahrungen. Papier kann gerissen, zerschnitten, geknüllt, gefaltet und geklebt werden. Man kann es bemalen und man kann damit sogar einen Turm bauen.

Was Sie noch tun sollten:

  • Ermutigen Sie Ihr Kind dabei “um die Ecke zu denken” .
  • Fordern Sie Originalität und Spontaneität heraus.
  • Finden Sie anerkennende Worte für ungewöhnliche Lösungsvorschläge.
  • Ermutigen Sie Ihr Kind dabei, Dingen auf den Grund zu gehen.
  • Stellen Sie sich gemeinsam Dinge anders vor, als sie in Wirklichkeit sind.
  • Ermutigen Sie Ihr Kind, immer wieder Neues auszuprobieren.
  • Kinder benutzen Dinge gerne anders, als sie gedacht sind. Das ist gut so, erkennen Sie diese Fähigkeit an.
  • Kinder erfinden eigene Kunstformen, kritisieren Sie das nicht.
  • Lachen Sie Ihr Kind nicht aus, wer sich blamiert hat, traut sich nicht mehr, originelle Ideen öffentlich zu machen.
  • Ermutigen Sie Ihr Kind, eigene Spielregeln zu erfinden und Spiele umzufunktionieren.
  • Ihr Kind muss sich angenommen fühlen und Wertschätzung erhalten.
  • Freuen Sie sich über spontane Reaktionen Ihres Kindes und zeigen Sie Ihre Freude auch.
  • Sprechen, lesen, spielen und experimentieren Sie viel mit Ihrem Kind.
  • Gehen Sie gemeinsam auf Entdeckungsreisen.
  • Staunen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind über Erlebnisse, Entdeckungen und Erfahrungen.
  • Loben Sie statt zu kritisieren.
  • Die Neugierde und das Mitteilungsbedürfnis Ihres Kindes sollten Sie würdigen, auch wenn es manchmal anstrengend ist.

Praktische Vorschläge für die Kreativitätsentwicklung

Manchmal reichen schon kleine Impulse, um die Fantasie der Kinder in Bewegung zu setzen.

  • Lassen Sie Ihr Kind eine Geheimsprache erfinden.
  • Unterhalten Sie sich, indem Sie nur das Fantasiewort “Gromulo” benutzen. Klappt die Verständigung?
  • Beginnen Sie eine Geschichte zu erzählen, die von Ihrem Kind beendet wird.
  • Ermuntern Sie Ihr Kind auszuprobieren, was man mit einer Zeitung alles machen kann (sich verkleiden, sie zerreißen, einen Hut falten).
  • Fragen Sie Ihr Kind, ob es ein Schreibmaschinenbild “malen” kann.
  • Erfinden Sie Piktogramme (Zeichen).
  • Legen Sie sich auf eine Wiese und betrachten Sie mit Ihrem Kind Wolkenbilder. Sprechen Sie dabei über ihre Assoziationen.
  • Suchen Sie sich ein paar schöne Steine und überlegen Sie, welche Geschichten die Steine wohl zu erzählen haben.
  • Erlauben Sie Ihrem Kind, eine Schrottskulptur zu bauen.
  • Fördern Sie kreative Rollen- und Verkleidungsspiele.
  • Regen Sie kreative Malereien mit Rasierschaum auf schwarzer Folie.
  • Spielen Sie das “Was wäre wenn Spiel”: Was wäre, wenn wir alle fliegen könnten? … wenn es keinen Fernseher gäbe? … wir nur rückwärtsgehen könnten? … die Kinder zu sagen hätten? … es keine Gesetze gäbe?

Literatur

  • Petra Stamer-Brandt (2004): Kreativitätsspiele. Christophorus: Freiburg.
  • Petra Stamer-Brandt (2012): Wilde Kerle Spiele. Herder, Freiburg
  • Monika Murphy-Witt/Petra Stamer-Brandt (2004): Was Kinder für die Zukunft brauchen. Gräfe und Unzer: München.

Autorin

Petra Stamer-Brandt ist Mutter von vier Kindern, Pädagogin und Fachjournalistin. Sie ist ausgebildete pädagogische Organisationsberaterin, Coach (Advanced Studies Universität Kiel) und hat zahlreiche Fachbücher und Elternratgeber geschrieben.
 

Erstellt am 13. Dezember 2013, zuletzt geändert am 13. Dezember 2013