Mädchenerziehung zwischen Pink und Power

Prof. Dr. Astrid Kaiser
Kaisera

Mädchenerziehung ist im Umbruch, es gilt nicht mehr das Ideal des bescheidenen Mädchens oder der Modepuppe. Doch in den Medien wird ein traditionelles Bild vorgegeben. Für die Erziehung von Mädchen gilt es, die Erwartungshaltungen der Eltern auf die Stärken von Mädchen zu richten. Die 5 Grundregeln zur Stärkung von Mädchen werden in diesem Artikel kurz vorgestellt. Ferner werden 5 Förderschritte für Mädchen beschrieben.

Auch wenn wir als Eltern heute im Zeitalter der Gleichberechtigung keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen in der Erziehung machen wollen, müssen wir wissen, dass in der Wirklichkeit noch immer deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht werden. Wir brauchen uns nur einmal die Werbung im Fernsehen oder für Spielsachen anzusehen, dann wissen wir, was Sache in der Welt ist. Damit ist aber nicht bewiesen, dass das gut ist. Im Gegenteil, es wird uns eine falsche Realität vorgegaukelt. Da wird immer noch ein Frauenbild präsentiert, das eigentlich schon längst überwunden sein sollte. In der Werbung sind Frauen sexy, immer strahlend schön und vor allem an einem sauberen, perfekten Haushalt interessiert. Männer dagegen sind erfolgreich, überlegen, stark und selbstsicher. Diese Bilder werden unseren Kindern als Modelle von Mann und Frau tagtäglich eingeimpft, ob im Fernsehen oder auf der Straße, ob in Büchern oder beim Familienfest.

Und diese Botschaften kommen auch bei den Kindern an. Neuere Umfrageergebnisse bestätigen es: Jungen wollen mehr stark, technisch fit, witzig und sportlich sein. Dagegen wollen Mädchen mehr hilfsbereit, gutaussehend und zärtlich sein.

Eltern von Mädchen können ein Lied davon singen, dass ihre kleine Tochter unbedingt ein pinkfarbenes Kleid für den Kindergarten anziehen will, obgleich beide gerade in der Wäsche sind. Schon zur Kita will die Kleine in hübschen Lackschuhen gehen. Kein Vernunftargument hilft, das kleine Mädchen möchte nach diesen Vorstellungen schön aussehen. Wir können derartige Unterschiede nicht weg reden, sondern wir müssen sie ernst nehmen und entsprechend unterschiedlich in der Erziehung reagieren, damit dadurch mehr Gleichberechtigung entsteht, was für Söhne und Töchter gleichermaßen wichtig ist.

Denn das Ziel, die Töchter selbstbewusst zu erziehen, sie für eine Karriere fit zu machen, aber auch persönlich glücklich zu machen und vor Diskriminierung zu schützen, ist nicht leicht. Manchmal bekommen Eltern eher den Eindruck, dass sie ein Modepüppchen erziehen. Doch hinter dieser pinkfarbenen Fassade steckt eigentlich ein aktives entdeckungslustiges Kind. Dies zu sehen, ist eine der wichtigsten Grundaufgaben bei der Mädchenerziehung, denn nur was wir erwarten, kann sich auch im Erziehungsalltag umsetzen. Wir müssen durch die pinke Fassade hindurchschauen und das starke Mädchen in unserem Töchterchen sehen und in der Tat: Mädchen heute sind stärker denn jemals vorher in der Geschichte.

Die Säuglingssterblichkeit bei Jungen ist deutlich höher als bei Mädchen. Jungen landen häufiger in der Sonderschule. An Realschulen und Gymnasien finden wir dagegen zunehmend mehr Mädchen. Aber noch haben die Mädchen nicht in allen Feldern aufgeholt. Deutlich mehr Jungen erreichen Preise bei “Jugend forscht”. Doch die Mädchen wollen heutzutage nicht mehr ein Heimchen am Herd werden, wie es in früheren Jahrhunderten selbstverständlich war.

Die vor wenigen Jahrzehnten noch üblichen Poesiealbumsprüche für Mädchen wie: “Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und still, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert sein will” passen nicht mehr in die heutige Zeit. Aber Eltern reagieren immer noch verunsichert, wie sie Mädchen erziehen können.

Dazu gibt es aber einige wichtige Regeln:

  1. Die wichtigste Grundregel beginnt schon vor der Geburt: Sie lautet, die elterliche Erwartungshaltung offen zu halten und das Mädchen nicht auf das weibliche Stereotyp zu reduzieren. Man muss den Sprüchen von Bekannten, dass es ein Mädchen wird, wenn der Geburtstermin etwas überschritten ist, weil es sich noch schmücken müsse, widerstehen. Diese und ähnliche Vorhersagen sind einengende Prophezeiungen, die gerade nicht der Entwicklung aller Fähigkeiten Ihrer Tochter dienen. Wichtiger ist es, anders zu denken und Mädchen alles zuzutrauen.
  2. Die Mutter muss ein gutes Vorbild bleiben. Ein altes Sprichwort heißt: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Eine hohe Wertschätzung ist also auch davon abhängig, ob eine Mutter sich selbst als Frau mit ihrem Können und ihrer Leistung wichtig nimmt. Die glückliche, aktive Mutter ist die bessere Mutter. Das heißt aber auch, dass einigen Ansprüchen Ihrer Tochter Grenzen gesetzt werden müssen.
  3. Der Vater darf seine Tochter nicht zur Verehrten machen, sondern sie als lieben Menschen mit Schwächen und Stärken ansehen.
  4. Beide Eltern sollten eine wahrhaftige Beziehung zwischen Menschen zu ihrer Tochter aufbauen. Ihre Tochter braucht lebendige Menschen als Vorbild, sie muss Höhen und Tiefen des Lebens ausloten können. Deshalb darf ihr kein schöner Schein vorgegaukelt werden. Dann weiß sie nicht, wie sie sich verhalten kann, wenn sie sich traurig fühlt oder ärgerlich über andere Menschen ist.
  5. Wenn ein Mädchen sich zu einer selbstbewussten Frau entwickeln soll, braucht sie vor allem emotionale Stabilität. Liebe und Zärtlichkeit in der Familie ist wichtig. Auch wenn Sie nur eine kleine Familie sind, lassen Sie Ihre Tochter die Kostbarkeiten des Lebens spüren, nämlich Liebe und Zärtlichkeit. Es ist unschätzbar wichtig, wenn sie sieht, dass ihr Vater die Mutter zärtlich streichelt, ihr liebe Worte sagt. Aber auch bei Nachbarn oder den Großeltern lässt sich vielleicht echte Nähe und Liebe erfahren. Jede derartige Situation ist eine Kostbarkeit, aus der sich bei Ihrer Tochter Ähnliches entwickeln kann. Geben Sie ihr genug Anlass, solche Vorbilder in sich aufzunehmen. Und wenn Ihre Tochter Ihre echte Liebe wahrnimmt, stärkt dies ihre Persönlichkeit und ihr Entwicklungspotential. Eine gesunde Psyche baut auf positiven Gefühlserfahrungen auf.

Neben diesen Grundregeln gibt es aber auch allerhand für Sie zu tun, um bei der Entwicklung ihrer Tochter konkret förderlich zu sein.

Förderschritt 1: Kreativ Spielen

Eine wichtige Seite ist die Entwicklung des kreativen Spielens, damit Ihre Tochter gegen stereotype Forderungen und Beispiele gewappnet ist. Das Spielen ist eine der wichtigsten Tätigkeiten im Leben eines kleinen Kindes. Dadurch lernt es sprechen, denken, die Welt erkennen und sich in der Welt zu orientieren. Deshalb sollte jedes Kind viel Gelegenheit zum Spielen bekommen. Das Spielen ist auch wichtig um psychische Probleme innerlich zu bearbeiten, und mit innerer Kraft verstärkt weiter ins Leben hinauszugehen. Wegen der großen Bedeutung des Spiels für die Entwicklung sollten Sie alles tun, um Ihrer Tochter förderliche Spielerfahrungen zu vermitteln. Ein wichtiger Schritt ist es, dass Ihre Tochter möglichst aktiv beim Spielen das Geschehen beeinflusst. Ihre Tochter braucht vor allen Dingen viel Phantasie beim Spiel. Unterstützen Sie die Kleine dabei! Deshalb sollten sie bei allen Rollenspielen der Tochter immer wieder neue Impulse als Rollenspielpartner einbringen und immer wieder neue Antwortmöglichkeiten für ihr Mädchen anregen.

Förderschritt 2: Neue Denkmöglichkeiten anregen

Wir wissen, dass die Jahre der Sprachentwicklung bis zum 3. Geburtstag auch gleichzeitig die Jahre sind, in denen die Kinder lernen, zwischen Mann und Frau zu unterscheiden. Das, was sie in diesen Jahren lernen, sind die Schemabilder von Mann und Frau, die meist das Leben lang weiterwirken. Deshalb ist von großem Wert, dass Mädchen schon in den ersten Jahren mit Handpuppen – das können mit Stoff ausstaffierte Kochlöffel oder Filzhüte für die Finger sein – zu kommunizieren lernen und dabei im Dialog immer weniger stereotype Handlungsweisen weiblicher und männlicher Puppen kennenlernen und im Dialog überwinden.

Förderschritt 3: Selbstbewusstseinstraining für Mädchen

Mädchen brauchen Selbstsicherheit und sie wollen sie haben. Dazu sind einige wichtige Fähigkeiten anzuregen. Neben emotionaler Stabilität ist vor allem die Konfliktfähigkeit wichtig. Wenn es Auseinandersetzungen in der Familie gibt, machen Sie deutlich, dass es sich um einen Konflikt handelt und welche Interessen da gegenüber stehen. Unterstützen Sie Ihre Tochter, selbst den eigenen Weg zu finden.

Förderschritt 4: Naturwissenschaftlich-technische Kompetenz anregen

Alle wissenschaftlichen Versuche zeigen, dass Mädchen Interesse und Lust an Naturwissenschaften bekommen, wenn Sie gezielt gefördert werden. Dazu sind mehrere Wege wichtig, sie brauchen weibliche Modelle, sie sollen Versuche mit Alltagsmaterial, sowie sinnvolle Versuche – etwa im Umweltbereich – machen. Hierzu gibt es ein außerordentlich empfehlenswertes Buch, das für 8-12jährige Mädchen geschrieben wurde, um bei ihnen das Interesse für Naturwissenschaft zu wecken. Da wurden einfache und pfiffige Versuche mit Alltagsmaterial ohne großen technischen Aufwand zusammengestellt. So können wir darauf vertrauen, dass diese für Mädchen geschriebenen Versuche, gerade für Ihre Tochter nützlich sind, weil sie dadurch nicht Naturbeherrschung vorgeführt bekommt, sondern sinnvolles und einfaches Fragen zu Naturphänomenen. Das Buch – 1996 in deutscher Sprache erschienen – wurde von Valerie Wyatt geschrieben und hat den Titel: „Wissenschaft für Mädchen und andere kluge Köpfe“. Leider gibt es dieses Buch gegenwärtig nicht mehr im Handel, sondern ist nur noch in Bibliotheken oder antiquarisch zu finden.

Förderschritt 5: Den Medienkonsum Ihrer Tochter begleiten

Der Fernseher ist kein Babysitter und auch kein Schulkindsitter. Das können nur wirkliche Menschen machen. Wählen Sie gemeinsam mit Ihrer Tochter das erlaubte Maß an Fernsehsendungen pro Tag aus! Wenn sie etwas größer ist, machen Sie ein Wochenprogramm! Sprechen Sie viel mit ihr über das Fernsehen und die Seiten, die sie im Internet anschaut. Denn nur über das Sprechen entwickelt sich Denken darüber und damit die Fähigkeit, dass Ihre Tochter sich von diesem Spektakel auch distanzieren kann. Stellen Sie auf keinen Fall einen Fernseher im Kinderzimmer auf! Ihren alten ausrangierten Fernseher sollten Sie lieber an eine Schule oder ein Altersheim verschenken, aber nicht an Ihre Tochter. Bleiben Sie möglichst oft in der Nähe Ihrer Tochter, wenn sie fernsieht und sprechen Sie über ihre Internetrecherchen. Sprechen Sie viel mit ihr, aber bevormunden Sie ihr Kind dabei nicht!

Die Filme, die viele Jungen sehen wollen, sind andere als die, die viele Mädchen mögen. Wir wissen, dass es ganz wichtig ist, wie ein Kind solche Sendungen verarbeitet. Deshalb sollten wir das richtige Sehen der Kinder schulen und mit ihnen über Sendungen sprechen – und zwar nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Interesse. Finden Sie es nicht interessant, was Ihrer Tochter an Michael Jackson oder anderen Medienidolen gefällt?

Wenn Sie sich ihrem Medienkonsum teilnehmend annähern, lernen Sie so auch Ihre Tochter besser kennen und verstehen. Gleichzeitig können Sie so manche stereotype Darstellung kritisch ins andere Licht rücken. Wenn Sie oft in ihrer Nähe sind, spürt Ihre Tochter auch, wie viel kostbarer Mitmenschlichkeit als grelle Filmbilder sein kann. Und Kinder wünschen sich häufig, lieber mit den Eltern zusammen vor dem Fernseher zu sitzen.

Ein gutes Fundament an bekannten Geschichten hilft beim kritischen Medienkonsum. Lesen Sie ihrem Kind schon in den ersten Lebensjahren Märchen oder Geschichten vor! Dann hat sie schon früh die Möglichkeit, sich in andere Denk- und Lebensweisen einzufühlen. Sie hat dann schon in Gedanken viele Möglichkeiten der Lebensgestaltung kennen gelernt. Dann kann sie besser mit stereotypen Fernsehfilmen umgehen und hat bereits ein Spektrum an Lebensmöglichkeiten gesehen, so dass sie später ihre eigenen Entscheidungen auf einem breiteren Erfahrungsfundament aufbauen kann.

Gute Mädchenerziehung bedeutet nicht das Umkrempeln ihrer Wünsche und Vorlieben, sondern die Bereicherung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten. Nur wenn ein Mädchen viele Alternativen kennen gelernt hat, wird es die für sie passenden Entscheidungen später treffen können.

Literatur

  • Wyatt, Valerie (1996): Wissenschaft für Mädchen und andere kluge Köpfe, Tessloff

Autorin

Dr. phil. Astrid Kaiser, Professorin für Didaktik des Sachunterrichts an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg.

Studium in Hannover und an der Universität Marburg, langjährig Lehrerin in Hessen und Bielefeld, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld; Vertretungsprofessorin für Grundschulpädagogik in Kassel; Leitung des niedersächsischen Schulversuchs “Soziale Integration in einer jungen- und mädchengerechten Grundschule”, Mitglied des niedersächsischen Bildungsrates 1999-2002, Leitung von Projekten zur ökologischen und naturwissenschaftlichen Bildung im Sachunterricht.

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Erstellt am 4. November 2014, zuletzt geändert am 4. November 2014