Machen Mütter Muttersöhnchen?

Prof. Dr. Astrid Kaiser
Kaisera

In diesem Artikel wird die viel diskutierte Figur des Muttersöhnchens aufgegriffen. Es wird nach Bedingungen in der frühkindlichen Entwicklung gefragt, die diese entwicklungshemmende enge Symbiose verstärken. Anschließend wird gezeigt, wie auf seiten der Väter durch stärkere Anteilnahme an der Erziehung und auf seiten der Mütter durch eine selbstbewusstere Haltung dagegen gesteuert werden kann, dass Söhne sich zu Muttersöhnchen und Machos entwickeln.

1. „Bei Mutti schmeckt’s am besten!“

Wer von Muttersöhnchen redet, meint gewiss nichts Positives. Nicht einmal die Mütter, deren Söhne so bezeichnet werden, hören diese Bezeichnung gerne, selbst wenn sie das Verhalten, das sich hinter dem Begriff verbirgt, begrüßen. Denn tatsächlich finden wir Männer, die auch im Erwachsenenalter eine große Abhängigkeit zur Mutter zeigen. Diese enge Bindung ist oft so stark, daß sie in der Partnerbeziehung zwischen Mann und Frau wie eine unsichtbare Mauer steht. Diese Bindung ist zweiseitig, nicht nur die Söhne fühlen sich zu ihrer Mutter hingezogen, hören auf deren Rat und sagen auch mit vierzig noch voller Inbrunst: „Bei Mutti schmeckt’s am besten!“, sondern auch die Mütter selbst scheinen ihre Söhne abgöttisch zu verehren und verzeihen ihnen selbst jenes Verhalten, was beim eigenen Partner undenkbar wäre. Besonders drastisch wird dieses Verhältnis nachgezeichnet, wenn wir von jugendlichen Gewalttätern hören, die von ihrer Mutter gegenüber der Presse distanzlos als liebe Jungs bezeichnet werden.

2. Wie kommt es zu so engen Bindungen?

Wenn wir nach den Bedingungen dieser wechselseitigen Bindung suchen, müssen wir in die früheste Kindheitsphase zurückblicken. Die vorgeburtliche Symbiose von Mutter und Kind wird in der ersten Zeit nach der Geburt keineswegs aufgehoben. Das ist natürlich, denn Menschenkinder sind keine Nestfllüchter und können allein ohne schützende Erwachsene nicht überleben. Die enge Bindung soll aber dazu dienen, dass die Kinder schrittweise aus der geborgenen Sicherheit in die Unabhängigkeit gehen. Dafür ist es wichtig, dass die erste Abhängigkeitserfahrung positiv erfahren wird. Sobald sie angstvoll oder von Konflikten belastet erlebt wird, kann dies schon frühes Festklammern hervorrufen.

Das besondere Verhältnis von Müttern und Söhnen ist aber kein biologisch determiniertes. Es kommt darauf an, wie die Mütter damit umgehen. Wenn sie selbst nicht zufrieden in ihrem eigenen Beziehungsleben ist, kann sie dazu neigen, den Sohn als Partnerersatz zu betrachten. Er soll und kann – zumindest begrenzt – die Bedürfnisse der Mutter befriedigen, die der Ehemann und Vater nicht erfüllen kann und meistens auch nicht erfüllen will. In solchen Konstellationen gibt es verschiedene Reaktionsfolgen:

  • der Sohn wird als Partnerersatz von seiner Mutter genommen, weil Männer zu wenig die Nähebedürfnisse von Frauen befriedigen; er ist lieb, kann streicheln und ist doch auch gleichzeitig männlich, diese Doppeldeutigkeit ist faszinierend und kann zu undurchschaubaren Bindungsgefügen führen
  • der Sohn ist physisch die einzig anwesende männliche Partnerperson und gerät so zwangsläufig in die Situation des einzigen vertrauten männlichen Menschen für seine Mutter. Das verräterische Wort „Sohnemann“ kennzeichnet diese Fehlform der Mutter-Sohn-Beziehung
  • ein abwesender eigener Vater, der eigentlich ein Modell von Mann für seinen Sohn sein sollte, ist besonders problematisch, denn das Männliche existiert in der Phantasie auch für den Sohn, dadurch entsteht ein Phantomvater für die Söhne, der ähnlich wie im Film überzeichnet ist und von der Mutter in ihrer Sehnsucht nach dem Vater verstärkt wird
  • Jungen wird mehr Freiraum und Bewegungsraum zugestanden als Mädchen und gleichzeitig intensive emotionale Nähe hergestellt, dies intensiviert die Bindung noch mehr, weil sie die Fluchtbewegung des Kindes von vornherein nicht zulässt
  • Kindererziehung gerade in den ersten Monaten ist schwierig und belastend, besonders wenn die Verantwortung allein bei den Müttern liegt. Die viele Mühe bei der Erziehung bereitet für Mütter aber auch Fallen, denn es entsteht der Legitimierungsmechanismus, die übergroßen Anstrengungen dürfen nicht umsonst gewesen sein. Dadurch wird eine Idealisierung des Sohnes gefördert und gerade keine realistische Sicht. Der Sohn gerät dadurch in zu hohen Erwartungsdruck und bekommt gleichzeitig zu wenig realistische Rückmeldung.

3. Keine Schuldzuweisungen für die Mütter!

Zunächst einmal zeigt die Forschung, dass berufstätige Mütter nicht schädlich für das Kind sind, im Gegenteil: berufstätige Mütter verbringen mehr positive Zeit mit den Kindern als Hausfrauen. Berufstätige Mütter zeigen ihren Söhnen ein Frauenbild der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit ähnlich wie die Männer. Trotzdem oder gerade auch deshalb werden Müttern immer noch gesellschaftlich Schuldvorwürfe gemacht, wenn die Erziehung der Kinder nicht gelungen zu sein scheint oder auch nur wenn einzelne Probleme auftreten.

Schuldvorwürfe an Mütter sind typische gesellschaftliche Vorurteilsstrukturen, Negatives wird an wenig geachtete gesellschaftliche Subgruppen übertragen. Dies gilt im Patriarchat generell für Frauen als weniger angesehene, gesellschaftliche Gruppe. Dennoch besteht kein prinzipieller Grund zu negativen Selbstdeutungen einer berufstätigen oder allein erziehenden Mutter, denn bei genauerem Hinsehen, sind keine Defizite feststellbar. Sie ist vielleicht statistisch gesehen, durchschnittlich hinsichtlich Einkommen, Wohnsituation etc. unterprivilegiert, sie ist es aber nicht in Hinblick auf die Erziehung, da faktisch die Erziehung auch von den jeweils vorhandenen männlichen Mustern geprägt wird.

Wenn wir hier genauer hinschauen, werden wir feststellen: Es gibt kaum eine nur-allein erziehende Mutter, alle haben mehr oder weniger mit dem abwesenden Vater zu tun. Zumindest in Gedanken und Phantasien sind Väter bei der Erziehung. Und dieser Vater hat eine hohe Bedeutung für die Erziehung auch und gerade weil er abwesend ist. Es kommt also darauf an, die Wertungen zu verändern und die Frauen nicht allein als verantwortlich zu definieren. Denn die Vaterabwesenheit hat generell sehr problematische Folgen gerade für die Söhne.

Die positive Sicht des Status einer alleinerziehenden Frau gelingt weder als Fremd- noch als Eigendeutung. So wäre es sinnvoll, anstelle die eigene Situation als defizitär zu definieren, selbst die dadurch entstehenden Freiräume zu genießen, die es im weiblichen Lebenszusammenhang und speziell für Alleinerziehende gibt, denn nur ein positives Selbstbild der Mutter kann ein positives Fremdbild bei ihrem Sohn erzeugen.

Die alleinerziehende Mutter könnte ein positives Muster von weiblicher Stärke sein, wenn wir ihre Leistungen genauer anschauen und sie selbst beginnt, diese zu erkennen. Die alleinerziehende Mutter ist oft Sündenbock für Erziehungsprobleme und Opfer von Schuldzuweisungen und kann gleichzeitig ein Muster von weiblicher Selbständigkeit und Stärke für die Jungenerziehung sein.

Es ist eine verkürzte Sicht, nur die Mutter bei der Söhneerziehung zu betrachten. Die Väter bzw. nahestehenden Männer sind von größter Bedeutung für die Jungen, auch oder gerade weil sie so oft abwesend sind. Besonders bei Jungen ist eine nahe männliche Bezugsperson von großer Bedeutung für die Entwicklung der Persönlichkeit, um Identität herauszubilden und um Emotionalität auch als männliche Fähigkeit wahrzunehmen. Diese Person ist aber in der Erziehung von vielen Jungen weitgehend unsichtbar, abwesend, an der Person des Kindes desinteressiert. Von daher hat eine Mutter oft zwei Rollen in der Jungenerziehung zu erfüllen, die Mutter- und die Vaterrolle, was leicht misslingen kann.

Die Tendenz zu übermäßiger Bindung der Söhne, geht zumindest auf das Verantwortungskonto beider Geschlechter.

4. Nicht nur samstags gehört Vati mir!

Schon in den 1950er Jahren warben die Gewerkschaften für eine kürzere Arbeitswoche mit dem Slogan: „Samtags gehört Vati mir“. Wahrscheinlich haben die Erfinder dieses Slogans sich gar nicht klar gemacht, welche wichtige Erziehungsfrage sie damit aufgeworfen hatten.

Es ist leicht, bloß Probleme aufzuweisen, ohne Perspektiven zu entwickeln. Wenn wir die abwesenden Väter mit den zeitlich so extensiven Anforderungen im Beruf betrachten, werden wir uns fragen müssen, ob es überhaupt Alternativen zur heutigen vaterlosen Gesellschaft zum Wohle der Söhne geben kann. Doch das Problem der fehlenden Väter exisitiert nicht deshalb, weil es Väter sind, sondern weil den Söhnen einfühlsame Männlichkeitsbilder fehlen.

4.1 Positive Männlichkeitsbilder bieten

Eine realistische Möglichkeit ist es, den Jungen Gelegenheit zu eröffnen, mit verschiedenen Männern Erfahrungen zu sammeln, die sie nur punktuell erleben. Pubertierende identifizieren sich ja auch in relativ kürzester Zeit mit Pop-Stars o.ä., ohne von denen tagtäglich ins Bett gebracht zu werden. Sie haben Phantasien, die Stars könnten sich von ihren Verlobten trennen und ihnen, den Jugendlichen, persönlich begegnen. Also ist es möglich, ihnen gesellschaftlich auch andere Männerpersönlichkeiten zur Wahl als Identifikationsmöglichkeit anzubieten, z.B. Naturschützer, Altenpfleger, Konditoren, Tierpfleger, Restauratoren, Erzieher, Sozialarbeiter, Gewandsticker etc. Es gilt immer wieder nach Wegen zu suchen, neue männliche positive Rollenvorbilder in den Erlebnishorizont der Söhne zu bringen.

4.2. Abkehr der Mutter von tradierten Rollenmustern

Es stimmt, dass es schwer ist, die anderen Menschen ändern zu wollen, dies ist ein eigentlich schon zu Beginn zum Scheitern verurteilter Weg. Doch Mütter können auch an sich selbst etwas ändern, um dem tradierten Bild der Mutter als Unterwerfungsopfer entgegenzuwirken und somit durch die Konfrontation mit positiven Weiblichkeitsmustern die männliche Identitätsentwicklung ihrer Söhne zu forcieren. Kleine Schritte in diese Richtung sind:

  • Söhne nicht von vornherein als schwierig zu definieren, sondern stolz auf sie zu sein und von ihnen einfach eine gute Entwicklung zu erwarten
  • Je mehr Frauen Freude an ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Tun haben, umso weniger haben sie es nötig, Männern und Söhnen das Hemd gerade zu rücken, die Fusseln vom dunklen Anzugstoff abzuzupfen und sonstige beide Seiten erniedrigende Handlungen zu vollziehen
  • Wenn Mütter ausschließlich die emotional tragende Rolle in der Familie ausüben, ist dies fatal für ihre Söhne, denn es bleibt kein Raum für sie, dies auch zu entwickeln; es ist sehr sinnvoll, etwas von der emotional versorgenden Rolle aufzugeben und den Söhnen nicht nur räumlich, sondern auch emotional Entwicklungsraum geben, ihnen etwa Verantwortung für jüngere Geschwister, Tiere, Pflanzen, Oma, Opa, fremde hilfsbedürftige Personen zu geben und nicht stellvertretend für die Söhne Emotionalität zu tragen, sondern an sie abzugeben
  • Wichtig ist, dass Mütter alles tun, dass nicht das untergründig in der Gesellschaft kursierende verachtende Frauenbild verbreitet wird. Hier gibt es die Möglichkeit, stolz und stark auf den Eigenwert bedacht zu leben. Dies fängt schon bei kleinen Situationen an, wenn die Mutter die vom Sohn verschmähten Reste von seinem Teller auszulöffeln beginnt, anstatt von ihm zu verlangen, dass er vorher realistisch einschätzt, was er schafft
  • Zum positiven Frauenbild gehört neben der Innensicht auch die Außenpräsentation, also Söhnen zeigen, dass auch Frauen in der großen weiten Welt etwas ausrichten können, sich an sportlichen Wettkämpfen beteiligen, Leserinnenbriefe schreiben, im Chor singen oder ein öffentliches Ehrenamt bekleiden können. Auch eine Parteimitgliedschaft der Mutter ist ein guter Ausweis für neue Jungenerziehung. Insbesondere kommt es darauf an, berufliche Leistungen der Mutter zu Hause sichtbar zu machen und nicht verschämt zu verschweigen. Vielmehr sollte jede Mutter – egal ob sie als Verkäuferin, Lehrerin, Sekretärin oder Näherin arbeitet – stolz davon erzählen, was sie alles bei der Arbeit erlebt hat. Und in jedem Beruf gibt es Stress und Erleichterung, Leute, die ihre Arbeit nicht richtig ausführen und anspruchsvolle Kundschaft, solidarisches Zusammenstehen gegen Vorgesetzte und Spaß. Es gibt also genug auch zu Hause von der Arbeit zu erzählen.
  • Insgesamt ist es wichtig, dass Frauen den öffentlichen Raum für sich in Anspruch nehmen und sich nicht bescheiden zurücknehmen.
  • Mit diesen beiden Schritten, einer stärkeren Selbstachtung von Frauen und einer intensiven Erziehungsbeteiligung des männlichen Geschlechts, sind bereits die wesentlichen Fundamente gelegt, dass Mütter nicht Machos machen, sondern sozial kompetente Söhne erziehen.

Die Handlungsmöglichkeiten, was Mütter tun können, um aus ihren Söhnen emotional kompetente und beziehungsfähige Menschen zu machen, sind so breit wie das Leben, das Stereotyp der subordinierten Frau wird immer stärker zum historischen Relikt, dieser Prozess kann aktiv gefördert werden.

Autorin
 

Dr. phil. Astrid Kaiser, Professorin für Didaktik des Sachunterrichts an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg.

Studium in Hannover und an der Universität Marburg, langjährig Lehrerin in Hessen und Bielefeld, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld; Vertretungsprofessorin für Grundschulpädagogik in Kassel; Leitung des niedersächsischen Schulversuchs “Soziale Integration in einer jungen- und mädchengerechten Grundschule” , Mitglied des niedersächsischen Bildungsrates 1999-2002, Leitung von Projekten zur ökologischen und naturwissenschaftlichen Bildung im Sachunterricht.

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Erstellt am 4. November 2014, zuletzt geändert am 4. November 2014