“Junge, Junge” – Anders denken bei der Jungenerziehung

Prof. Dr. Astrid Kaiser
Kaisera

Jungen stehen unter den gesellschaftlichen Umbrüchen der Geschlechterrollen unter besonderem Druck. Deshalb sollten Eltern nicht stereotype Erwartungen und Verhaltensmuster an Jungen herantragen, sondern sie eher in die Richtung der Ausbildung einer aspektreichen Persönlichkeit anregen. In diesem Artikel werden mehrere Erziehungswege für Jungen vorgestellt.

Wenn in Kindergärten und Schulen jemand über die Stränge schlägt, ist es oft ein Junge – aber nicht nur. Erzieher bzw. Erzieherinnen und Lehrer bzw. Lehrerinnen betonen oft, dass die Kinder, die ihnen im Verhalten Schwierigkeiten bereiten, männlichen Geschlechts sind. Und in der Tat sind in Schulen für sozial-emotionalen Förderbedarf über 80 % Jungen.

Gleichzeitig sind Mädchen diejenigen, die in der Schule als besser angepasst gelten und mittlerweile mit besserer Abiturientenquote abschneiden.

Eltern von Söhnen fühlen sich angesichts dieser Fakten verunsichert. Sie reagieren zu Recht gekränkt, wenn pauschal allen Jungen aggressives und sozial grenzüberschreitendes Verhalten unterstellt wird. Derartige einseitige Schuldzuschreibungen sind falsch, weil sie Erwartungshaltungen rühren, die dann auch im Sinne sich selbst erfüllender Prophezeiungen in die Tat umsetzen.

Doch es führt nicht weiter, wenn Eltern generell Probleme bei Jungen leugnen. Vielmehr ist es wichtig, sich der Tatsache zu stellen, dass Jungen problematisches Verhalten aufweisen können, aber nicht müssen. Dazu gibt es mehrere Erziehungswege und Einstellungsänderungen von Eltern, die Jungen darin unterstützen, eine gute soziale Entwicklung zu haben:

  1. Veränderte Erwartungshaltung: Eltern sollten ihre Söhne zuerst als Menschen sehen und nicht zuerst nach dem Geschlecht fragen. Dies beginnt bereits bei der Geburt, sobald Eltern ihren Sohn als „Sohnemann“ definieren, schränken sie ihn in seiner Entwicklung ein. Sobald sie fantasieren, dass ein Sohn stark und durchsetzungsfähig sein muss, drängen sie ihren Sohn in diese Verhaltensrichtung.
  2. Positive Sicht des eigenen Jungen: Eltern sollten sich nicht der allgemeinen Erwartungshaltung anschließen, dass Jungen schwierig sein können, sondern immer wieder das positive Verhalten beachten und verstärken. Denn Jungen werden nicht von sich aus schwierig, sondern werden von den sie umgebenden Menschen dazu gemacht.
  3. Keine besondere Verstärkung des Großseinwollens: Jedes Kind will gern groß sein. Aber bei Jungen gibt es auch den gesellschaftlichen Imperativ, überlegen sein zu müssen. Wenn Eltern diesen verstärken, verunsichern sie ihre Söhne. Denn in der Schule und im Kindergarten können nicht alle Jungen die größten und stärksten sein. Wenn der Überlegenheitsimperativ zu hoch ist, verlieren Jungen die innere Sicherheit und können eher über die Stränge schlagen.
  4. Keine Kronprinzenrolle: Eltern betrachten Jungen manchmal als Träger der Familiengeschichte. Sie neigen dazu, Jungen zu verwöhnen. So werden Jungen deutlich länger gestillt als Mädchen. Kronprinzen haben aber oft nicht die innere Ich-Stärke, die man in der Welt braucht. Sie werden durch ihre Position groß gehalten.
  5. Keine Unterwerfungshaltung: Besonders Mütter neigen dazu, Söhnen alles recht zu machen. Wenn Jungen sich den Teller mit viel zu viel Essen vollladen, dann essen sie die Reste auf. Wichtiger ist es, die Auseinandersetzung um realistische Mengeneinschätzung zu führen und lieber einen Nachschlag vereinbaren, wenn er tatsächlich so viel Hunger hat wie er vorgibt, aber sich nicht zur Resteverwerterin zu degradieren. Mütter sollten sich selber wertschätzen und damit dem Sohn zeigen, dass Mütter Respekt verdienen.
  6. Grenzen setzen! Jedes Kind braucht Grenzen, aber besonders Jungen, die dazu neigen, dem gesellschaftlichen Größeimperativ zu folgen und zu sehr Grenzen verletzen können.
  7. Väter in die Erziehungsverantwortung nehmen! Gerade Jungen brauchen ihre Väter als ganz normale Menschenvorbilder. Je mehr sie ihre Väter in alltäglichen Situationen erleben, umso stärker nehmen sie wahr, dass Männer ganz verschiedene Gefühlsebenen leben können und nicht nur der ersehnte ferne Mensch ist.
  8. Gleiche Hausarbeitsverantwortung für Jungen und Mädchen. In vielen Familien wird von Jungen weniger Beteiligung an der Hausarbeit verlangt. Dies nimmt ihnen die Chance für ein späteres gleichberechtigtes Leben. Kinder freuen sich über wichtige Aktivitäten. Deshalb sollten Jungen gleichermaßen wie Mädchen schon früh altersgemäße Aufgaben im Haushalt übertragen werden.
  9. Entwicklung der emotionalen Intelligenz. Jungen brauchen gezielte Anregungen, um verschiedene Emotionen herauszubilden. Der Spruch „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ sollte nicht fallen. Vielmehr sollen Jungen auch weinen dürfen und traurig sein. Eltern können bei all diesen Gefühlen verstärkend reagieren und sagen: „Das kann ich gut verstehen, dass du jetzt traurig bist, weil du deine Figur verloren hast.“
  10. Ästhetische Orientierungen geben! Mädchen wird viel eher als Jungen der Sinn für Schönes zugetraut. Aber auch Jungen haben ein Recht auf eine Entwicklung von ästhetischen Orientierungen. Deshalb sollten Sie als Eltern gegen den gesellschaftlichen Trend immer wieder Anregungen zu Gestaltungen, ästhetischem Ausdruck und visueller ästhetischer Wahrnehmung geben, damit ihr Sohn vielfältige Kompetenzen entwickelt und sich selber viele lustvolle Erfahrungen schaffen kann.
  11. Nichtstereotype männliche Vorbilder suchen! In Ihrem Umkreis gibt es verschiedene Männer, die in der einen oder anderen Hinsicht wichtige Vorbilder für ihren Sohn sein können. Sei es der Nachbar, der als Hausmann ein Kleinkind versorgt oder der Gartenliebhaber, der alle seine Blumen aus Samen zieht. Arrangieren Sie Möglichkeiten, dass Ihr Sohn auch diese nicht den Medienhelden entsprechenden Männer alltäglich erfährt und schätzen lernt!
  12. Werbungsbilder entzaubern! In der Werbewelt wird die Geschlechterstereotypie immer wieder gefördert. Äußern Sie sich kritisch gegenüber derartigen Mustern! Wenn Ihr Sohn etwas größer ist, können Sie sogar darüber reden. Schon mit drei Jahren können Kinder das Fiktive von Medien von der Realität unterscheiden.
  13. Kindergartennormen der Peergruppe widersprechen! Gerade im Kindergarten führen die Gleichaltrigen ein strenges Regiment und sagen deutlich, was ein richtiger Junge sein muss. Unterstützen Sie ihren Sohn darin, er selbst zu bleiben und nicht den Rambo mimen zu müssen!
  14. Dem häuslichen Oberbefehlshaber widersprechen! Gerade im Kindergartenalter fangen Jungen an, den großen Chef zu spielen und befehlshaberisch mit den Eltern umzugehen. Hier sollten Sie deutlich Grenzen setzen und sich nicht herabwürdigen lassen. Gespräche und Verhandlungen über Essen, Unternehmungen oder Alltagsentscheidungen sollten möglich sein. Aber durch Schreien sollte niemand in der Familie seinen Willen durchsetzen.

Wichtig ist es, dass Sie selber als Eltern aufhören in stereotypen Mustern zu denken. Erfolg im Leben haben gerade diejenigen, die sich nicht so einseitig nach den stereotypen Vorbildern entwickelt haben. Deshalb ist es wichtig, Jungen ein breites Entwicklungsspektrum zu eröffnen und sie nicht in die Sackgasse des männlichen Helden laufen lassen.

Literatur

Kaiser, Astrid (2005): Jungen richtig erziehen. Freiburg: OZ-spielen und lernen Verlag
Kaiser, Astrid (Hrsg.)(2005): Koedukation und Jungen. 2. Auflage. Weinheim: UTB

Autorin

Dr. phil. Astrid Kaiser, Professorin für Didaktik des Sachunterrichts an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg.

Studium in Hannover und an der Universität Marburg, langjährig Lehrerin in Hessen und Bielefeld, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld; Vertretungsprofessorin für Grundschulpädagogik in Kassel; Leitung des niedersächsischen Schulversuchs “Soziale Integration in einer jungen- und mädchengerechten Grundschule” , Mitglied des niedersächsischen Bildungsrates 1999-2002, Leitung von Projekten zur ökologischen und naturwissenschaftlichen Bildung im Sachunterricht.

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Erstellt am 1. August 2014, zuletzt geändert am 1. August 2014