Die motorische Entwicklung im Kindesalter –

empirische Ergebnisse

Dr. Heinz Krombholz
Hkrombholz

Das Vor- und Grundschulalter ist geprägt von raschen körperlichen Veränderungen (Wachstum) und der Erweiterung motorischer und kognitiver Fähigkeiten. Der folgende Beitrag versucht, ausgewählte qualitative und quantitative Ergebnisse zur motorischen Entwicklung bis zum Alter von neun Jahren darzustellen. Dabei werden Fragen zum Entwicklungsverlauf motorischer Leistungen, Unterschiede in der motorischen Entwicklung bei Jungen und Mädchen und der Einfluss von Umweltfaktoren und familiale Bedingungen auf die motorische Entwicklung behandelt.

Bewegung gehört zu jedem Lebewesen: Auch beim Menschen ist Bewegung oder Motorik die Voraussetzung für Entwicklungsfortschritte auf allen Gebieten. Motorik oder Bewegung stellt die erste und wichtigste Möglichkeit des menschlichen Organismus dar, auf seine Umwelt zu reagieren und auf die Umwelt einzuwirken, also seine Umwelt zu verändern oder zu gestalten oder auch ungünstige Umwelten zu verlassen oder günstige aufzusuchen.

Nur über die Motorik oder die Bewegung kann die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt stattfinden. Erst die Entwicklung seiner motorischen Fähigkeiten ermöglicht es dem Kind, Teile seiner Umwelt zu “begreifen” und zu “erfassen” (im wörtlichen und im übertragenen Sinne), seinen Lebensraum beständig zu erweitern und zu erforschen, seine Unabhängigkeit zu steigern und neue Erfahrungen zu sammeln, die für seine weitere Entwicklung entscheidend sind. Nicht nur für die Entwicklung des einzelnen Menschen (die Ontogenese), sondern auch für die Entwicklung des Menschen als Gattung (Phylogenese) sind 3 Leistungen von besonderer Bedeutung:

  • die Entwicklung des aufrechten Gangs, damit zusammenhängend
  • die Steigerung der Handgeschicklichkeit und schließlich
  • die Entwicklung der Sprache.

Diese Entwicklungsschritte auf motorischem Gebiet sind grundlegend für die Entwicklung der kognitiven, geistigen Leistungen gewesen, auf die wir als Menschen so stolz sind, und sie sind somit letztlich Grundlage für die herausragende Stellung des Menschen in der Evolution.

Der Entwicklungsverlauf motorischer Leistungen

Die motorische Entwicklung des Kindes beginnt bereits vor der Geburt, ab dem 5. Schwangerschaftsmonat können Bewegungen des Fötus von der Mutter wahrgenommen werden und sie werden im weiteren Verlauf der Schwangerschaft zunehmend intensiver. Bei Neugeborenen sind verschiedene Reflexe vorhanden, von denen einige für das Überleben des Neugeborenen unerlässlich sind, z.B. Saugreflex, Inspirationsreflex (ermöglicht das gleichzeitige Trinken und Atmen) und Schluckreflex. – Der spektakulärste der bei der Geburt vorhandenen Reflexe ist sicher der Darwin-Reflex, der es einigen Neugeborenen ermöglicht, sich mit beiden Händen z.B. an einem waagrechten Seil festzuklammern.

In der frühen Kindheit entwickeln sich – nach Abschluss der notwendigen Reifung des Nerven- und Muskelsystems – die elementaren motorischen Fertigkeiten, diese umfassen Sitzen, Krabbeln, Stehen und Gehen, aber auch das Greifen (Krombholz 1999). Diese Grundformen sind bei allen Kindern zu beobachten, wobei jedoch erhebliche interindividuelle Unterschiede im Zeitpunkt des Auftretens und in der gezeigten Güte dieser Bewegungsformen bestehen, d.h. verschiedene Kinder beherrschen diese Bewegungsformen in unterschiedlichem Alter. Altersangaben für das Auftreten dieser Bewegungsformen sind daher nicht unproblematisch. Allerdings ist die Reihenfolge, in der die elementaren Grundfertigkeiten normalerweise auftreten, für alle Kinder gleich, lediglich die Geschwindigkeit, in der die einzelnen Entwicklungsschritte stattfinden, variiert erheblich, und es können auch einzelne Fertigkeiten übersprungen werden (z. B. krabbeln einige Kinder angeblich nie). Ferner ist zu beachten, dass die Entwicklung der elementaren motorischen Fertigkeiten offensichtlich populations- und zeitabhängig verläuft. Afrikanische Kinder zeigen einen Entwicklungsvorsprung gegenüber europäischen und nordamerikanischen Kindern und heutige amerikanische Kinder sind denen vor 40 Jahren in ihrer Entwicklung voraus.

Im Vorschulalter erfolgt eine zunehmende Vervollkommnung der Grundfertigkeiten, gleichzeitig werden diese Fertigkeiten modifiziert und es entwickeln sich neue Fertigkeiten. Die Fähigkeit zur selbständigen Fortbewegung verbessert sich rasch, die Bewegungen werden sicherer und geschmeidiger. Später zeigen sich die Grundformen der sportlichen Motorik wie Laufen oder Rennen, Klettern, Springen, Balancieren, Fangen und Werfen. Die sportlichen Grundformen werden weiter verfeinert, werden sicherer und flüssiger: Zudem werden sie bei Bewegungsspielen eingesetzt und verbessert, zu den Grundformen treten neue spezifische Fertigkeiten wie Rollschuhlaufen, Turn- und Geschicklichkeitsübungen, Schwimmen, Radfahren (Krombholz 1985).

Unterschiede in der motorischen Entwicklung bei Jungen und Mädchen

Männer übertreffen Frauen meist in ihren sportlichen Leistungen. Auch bei Kindern wird meist von einer größeren Leistungsfähigkeit der Jungen ausgegangen. Allerdings sind in der frühen Kindheit die Unterschiede nur gering, und es gibt interessanterweise Leistungen, bei denen Jungen, und Leistungen, bei denen Mädchen überlegen sind.

Aufgrund einer Längsschnittstudie mit Kindern im Vorschulalter (Krombholz 2005, N > 440, Alter: 4 – 6 Jahre) konnte gezeigt werden, dass Jungen bessere Leistungen bei Aufgaben erzielen, bei denen es auf Kraft und Schnellkraft ankommt (Standweitsprung, Pendellauf), Mädchen dagegen beim Aufgaben, bei denen es vor allem auf Gleichgewicht und Körperkoordination ankommt (Balancieren Rückwärts, Hüpfen auf einem Bein). Ebenfalls sind Mädchen überlegen bei feinmotorischen Leistungen, bei denen eine gute Koordination von Auge und Hand gefordert ist.

Bei einer Längsschnittstudie im Grundschulalter (Krombholz 1988, N > 700, Alter: 6 – 9 Jahre) fanden sich ähnliche Ergebnisse: Jungen waren bei Übungen, bei denen Kraft und Schnelligkeit leistungsbestimmend sind und bei der Ausdauer (wurde im Vorschulalter nicht erfasst) überlegen, Mädchen hinsichtlich der Körperkoordination. Auch in diesem Alter erzielen Mädchen bessere feinmotorische Leistungen.

Als Beispiele für die Entwicklung der Leistungen getrennt für Jungen und Mädchen sind in Abbildung 1 und 2 die Ergebnisse beim Balancieren Rückwärts (dynamisches Gleichgewicht) und beim Standweitsprung (Sprungkraft) dargestellt. Diese Daten beruhen auf einer Zusammenfassung der Längsschnittstudien von Krombholz 1988 und 2005.

Abbildung 1: Leistung beim Balancieren Rückwärts (KTK) für Jungen und Mädchen (Anzahl)

Krombholz Kindliche Entwicklung Motorik-abb1

Inwieweit die Unterschiede in den motorischen Leistungen zwischen den Geschlechtern auf genetischen Ursachen oder unterschiedlichen Vorbildern und Anregungen beruhen, ist derzeit nicht zu beantworten. Immerhin ist zu bedenken, dass schwer einzusehen ist, warum sich eine mögliche bessere biologische Ausstattung eines Geschlechts (meist wird von einer Überlegenheit der Jungen ausgegangen) nicht bei allen sportlichen Leistungen auswirkt. Ebenfalls sind die körperlichen Unterschiede z.B. bei der Muskelmasse, in diesem Alter nur sehr gering sind und dürften sich erst ab der Pubertät auswirken.

Abbildung 2: Leistung beim Standweitsprung für Jungen und Mädchen (cm)

Krombholz Kindliche Entwicklung Motorik-abb2

Motorische Entwicklung, Umweltfaktoren und familiale Bedingungen

Die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt erfolgt mittels Bewegung. Umgekehrt gilt natürlich, dass die Umwelt ihrerseits auf das Individuum einwirkt. Es liegt daher nahe, Zusammenhänge zwischen der unmittelbaren physikalischen Umwelt, der sozialen Umwelt und den Bedingungen in der Familie und der motorischen Leistungsentwicklung zu vermuten (Krombholz 1998).

Es liegen Untersuchungsergebnisse zu folgenden Einflussfaktoren vor:

  • Wohnort (Stadt – Land): wobei vermutet werden kann, dass die Spiel- und Wohnbedingungen auf dem Lande besser sind
  • Größe der Wohnung / Wohngebiet
  • soziale Schicht (analog zur kognitiven Entwicklung, verstärkte Anregungen in oberen sozialen Schichten)
  • Kindergartenbesuch (motorische Förderung, aber auch vermehrtes Stillsitzen)
  • Stellung in der Geschwisterreihe und Anzahl der Geschwister (Vorbildwirkung älterer Geschwister, größere Freiräume für Nachgeborene)
  • Erziehungsstil der Eltern (wenig ängstliche Eltern sollten ihren Kindern größere Freiräume gewähren und damit die motorische Entwicklung positiv beeinflussen)
  • sportliche Einstellung der Eltern
  • Besuch von Übungsstunden in Sportvereinen.

Es dürfte klar sein, dass diese Faktoren keineswegs voneinander unabhängig sind, wodurch die Analyse erschwert wird; so werden natürlich sportliche Eltern ihre Kinder eher in Sportvereine schicken als unsportliche.

Aufgrund der vorliegenden Forschungsergebnisse kann für die meisten der genannten Faktoren allerdings kein Zusammenhang mit der motorischen Leistung nachgewiesen werden. Es findet sich jedoch meist eine geringe Überlegenheit von Kindern aus oberen sozialen Schichten und ein deutlicher Zusammenhang mit der sportlichen Förderung, in der Regel dem Besuch von Übungsstunden in Sportvereinen.

Bei einer Längsschnittuntersuchung im Vorschulalter (N > 440, Alter: 4 – 6 Jahre) zeigte sich zwar eine Überlegenheit der Kinder aus den oberen sozialen Schichten in fast allen überprüften motorischen Leistungen, die Unterschiede waren aber statistisch nicht bedeutsam (Krombholz 2005). Dagegen waren die Kinder, die gelegentlich oder regelmäßig Übungsstunden in Sportvereinen besuchten, deutlich überlegen.

Im Grundschulalter (Längsschnittstudien (N > 700, Alter: 6 – 9 Jahre) zeigte sich ebenfalls eine eindeutige Überlegenheit von Kindern, die Übungsstunden in Sportvereinen besuchten, aber auch bessere sportliche Leistungen der Kinder der Oberschicht (als motorische Leistungen wurden u. a. 50m-Lauf, Standweitsprung, 600m-Lauf, Handkraft gemessen). Die besseren Leistungen der Oberschichtkinder konnten allerdings allein auf den Sportverein zurückgeführt werden, da Kinder aus der Oberschicht eher Mitglied in Sportvereinen sind. Wird der Einfluss des Sportvereins kontrolliert, so besteht kein Unterschied mehr zwischen den Schichten (Krombholz 1988).

Es muss daher gefragt werden, ob nicht hemmende Faktoren die an sich besseren Bedingungen der Oberschichtkinder z.B. die Ausstattung mit Spiel- und Sportgeräten und ihre besseren Spielmöglichkeiten in der Wohnung und im Freien, zunichte machen. Solch ein Faktor könnte z.B. die überbehütende Erziehung durch die Eltern darstellen.

Hinsichtlich der offensichtlich positiven Wirkung des Besuchs von Übungsstunden in Sportvereinen muss jedoch offen bleiben, ob die Überlegenheit allein durch den Einfluss des Vereins bedingt wird. Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass vor allem sportlich leistungsfähige Kinder in den Sportverein gehen oder von ihren Eltern geschickt werden und dort bleiben.

Literatur

  • Krombholz, H. (1985). Motorik im Vorschulalter. Ein Überblick. Motorik, 8, 83-96.
  • Krombholz, H. (1988). Sportliche und kognitive Leistungen im Grundschulalter – Eine Längsschnittuntersuchung. Frankfurt, Bern, New York, Paris: Lang.
  • Krombholz, H. (1998). Theorien, Modelle und Befunde zur motorischen Entwicklung im Kindesalter. Sportonomics, 4 (2), 55-76.
  • Krombholz, H. (1999). Körperliche, sensorische und motorische Entwicklung im 1. und 2. Lebensjahr. In Deutscher Familienverband (Hrsg.), Handbuch Elternbildung. Band 1: Wenn aus Partnern Eltern werden. S. 533-557. Opladen: Leske + Budrich.
  • Krombholz, H.(2005). Bewegungsförderung im Kindergarten – Ein Modellversuch. Schorndorf: Hoffmann.

Autor

Dr. Heinz Krombholz, Dipl.-Psychologe

Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP)

E-Mail: Dr. Heinz Krombholz