Stress und kein Ende? Es gibt ein Entspannungsverfahren, das Kindern und Eltern hilft

Susanne Grohs-v. Reichenbach
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Jeder von uns wünscht sich gesunde, ausgeglichene und fröhliche Kinder. Tatsächlich aber ist unser Familienleben oft hektisch und wenig ausgeglichen. Die Kinder sind unruhig und gereizt, oder aber niedergeschlagen und quengelig. Vielleicht sind sie auch anfällig für Krankheiten, was die Anspannung in der Familie noch erhöht. Woran könnte das liegen? Vielleicht bekommt ihnen der betriebsame Alltag manchmal nicht so gut, wie wir es als Erwachsene voraussetzen. Zum Schulalltag oder zum Kindergartenbesuch kommen Hobbys, Aktivitäten mit der Familie, schulische Lerninhalte, die es zu verarbeiten gilt, und viele soziale Erfahrungen in der Klasse oder mit den Geschwistern. Auch der Medienkonsum, dem schon Kleinkinder ausgesetzt sind, hinterlässt viele unverarbeitete Reize. Gibt es im Alltag genügend Zeit zum Erholen beim Spielen oder Nichtstun? Sind Kinder also auch schon im Stress?

Wenn man den Medien und den Wissenschaftlern Glauben schenkt: ja. Eine aktuelle Befragung der Universität Marburg stellte fest, dass bereits 70 % der 8- bis 10-jährigen einmal in der Woche unter Erschöpfung leiden. Ein Drittel schläft mindestens einmal pro Woche schlecht. Und 80 % der Viertklässler kennen bereits Kopfschmerzen.

Was passiert bei Stressreaktionen im Körper?

Stress entsteht in unserem Gehirn. Durch gewisse Reize (Stressoren) wie Lärm oder Zeitdruck wird der Körper in einen Zustand der Alarmbereitschaft versetzt. Stresshormone strömen durch das Blut, der Atem wird flach und der Blutdruck steigt. Der Organismus ist für Höchstleistungen bereit. Durch Bewegung oder Ruhe können die Hormone wieder abgebaut werden. Hält der Stress dauerhaft an und wir gönnen uns zu wenig Zeit zur Erholung, kann unser vegetatives Nervensystem aus der Balance geraten. Die Folge können psychosomatische oder funktionelle Krankheitsbilder sein – auch bei Kindern.

Wenn ein Kind unter den Folgen von Stress leidet, kann sich das in Form von

  • Bauchschmerzen,
  • Schlafstörungen, Bettnässen,
  • Nägelkauen,
  • Aggressivität oder Antriebsarmut,
  • Appetitlosigkeit bzw. Kummerspeck,
  • Allergien, Neurodermitis,
  • oder anderen Störungen ausdrücken.

Wie können wir bei Kindern Stress abbauen?

Zunächst gilt es, den Gründen für die Überlastung des Kindes auf die Spur zu kommen: Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Stressoren. Nach der Devise: “weniger ist mehr” lässt sich der Ablauf des Alltags prüfen und eventuell etwas weniger turbulent gestalten. Ein sehr erfolgreicher Weg, die Stress-Symptome anzugehen, ist, ein Entspannungsverfahren anzubieten. Auch bei Kindern ist die Balance zwischen Anspannung und Entspannung wichtig, um gesund zu bleiben oder psychosomatischen Störungen vorzubeugen. Wir können den Kindern helfen, sich selbst zu helfen. Dieses Prinzip bewährt sich in vielen Bereichen der Erziehung. Daher setze ich auch auf den Erfolg dieses Ansatzes, wenn es darum geht, negativen Folgen von Stress entgegen zu wirken.

Durch wirksame Verfahren der Entspannung wie das Autogene Training, die Progressive Muskelrelaxation (PMR), Fantasiereisen oder Klangarbeit können Kinder erfahren, wie sich Anspannung in Entspannung verwandeln lässt. So können sie gegensteuern, wenn sich Stress aufbaut und selbst etwas für ihre Gesundheit tun. In diesem Beitrag wird Ihnen die PMR vorgestellt.

Was ist die Progressive Muskelrelaxation?

Die PMR (fortschreitende Muskelentspannung) ist inzwischen weitgehend bekannt, denn es handelt sich um eine fachlich anerkannte und erprobte Methode zur Entspannung.
Die Methode wurde von Edmund Jakobson, einem amerikanischen Arzt und Neurophysiologen, entwickelt. Die positiven Effekte sind wissenschaftlich nachgewiesen und haben schon bei vielen Menschen zur Verbesserung ihres Wohlbefindens beigetragen.

Jakobson beobachtete, dass jede psychische Erregung und Spannung zu einer Zunahme der Muskelspannung führt. Warum ist das so? Unser Körper hat die Angewohnheit, bei Stress gewisse hormonelle Reaktionen auszulösen, um uns auf rasche Aktionen vorzubereiten. Aktion bedeutet auch, Muskelspannung aufzubauen, die jedoch oft gar nicht eingesetzt bzw. gebraucht wird. Also können aus der Anspannung Verspannungen werden. Und so beginnt unser komplexes Nervensystem seine Balance zu verlieren. Stress-Symptome treten auf.
Was können wir tun, um diesen Kreislauf zu durchbrechen? Entspannen wir nun unsere Muskeln, wird auch das seelische Erregungsniveau gesenkt – ein Zusammenhang, den wir uns zunutze machen können. Damit wird dem Stress schon im Anfangsstadium der Boden entzogen. Diesen Gedanken finde ich faszinierend: Wir können uns selbst helfen und das auch noch rechtzeitig.

Wie können Kinder die Progressive Muskelrelaxation lernen?

PMR wird bereits erfolgreich für Kindern (ab ca. 4 Jahren) und Jugendliche eingesetzt. Es gibt ein erprobtes Übungsprogramm, das mit der Entspannung der wichtigsten Muskelgruppen arbeitet. Die PMR sollte durch eine fachlich ausgebildete Kraft (z.B. Entspannungspädagogen) vermittelt werden. Empfehlenswert sind Kleingruppen mit Kindern, die etwa gleich alt sind und Interesse an ruhigen Bewegungsabläufen haben. Eine Entspannungsstunde für Kinder sollte immer gleich ablaufen und aus folgenden Teilen bestehen: Die Kinder werden auf die Entspannung eingestimmt, dann wird ihnen der Übungsteil vermittelt. Anschließend führen sie diesen selbst aus und besprechen danach, wie sie damit zu Recht gekommen sind. Am Ende steht ein kleines “Abschiedsritual” . Sinnvoll sind acht Einzelstunden, um den Kindern nahe zu bringen, sich mit PMR selbst zu entspannen. Der Aufwand für die Eltern hält sich also in Grenzen, denn die Kinder werden zum eigenständigen Üben angeleitet.

Für die Kinder sind im Umgang mit Entspannung zwei Dinge wichtig: Die Übungen dürfen nicht als “Lernsituation” im schulischen Sinn erlebt werden und sie sollten sich zwischen den einzelnen Entspannungsstunden immer wieder mit ihren Übungen beschäftigen. So tritt der Lernerfolg schneller ein.

Welche positiven Effekte hat Progressive Muskelrelaxation für Kinder?

PMR bringt ein Stück Entspannung in den Familienalltag. Sie kann den Kindern dabei helfen, gesund zu bleiben und das Großwerden gelassener zu erleben. Selbstverständlich tut PMR auch Eltern sehr gut, die sich von Stress-Symptomen erholen und ausgeglichener werden wollen. Sicherlich ist es eine verbindende Erfahrung für die Familie, gemeinsam etwas Neues auszuprobieren.

Die Entspannung durch PMR wirkt ganzheitlich: Auf der Körperebene, im Gefühlsbereich und im Bereich der Konzentration. Dies gilt natürlich auch für Erwachsene.
Die Wirkungen im Körper sehen folgendermaßen aus:

  • Die Muskelspannung senkt sich ab, Verkrampfungen gehen zurück. Das gilt für Muskeln, die wir selbst anspannen können und auch für Muskeln, die unwillkürlich arbeiten wie z.B. der Magen.
  • Die Gefäße werden locker, dadurch wird der Körper stärker durchblutet und besser mit Sauerstoff versorgt.
  • Der Atem wird gleichmäßiger, wodurch die Entspannung insgesamt vertieft wird.
  • Die Selbstheilungskräfte im kindlichen Organismus werden aktiviert.

Im Gefühlsbereich tut sich durch die Beruhigung der Nerven eine wohltuende Entspannung auf. Das Kind kann besser mit “Frust” und Ärger umgehen, es weiß, was es im Fall von Ärger oder Anspannung für sich tun kann. So wird auch sein Selbstbewusstsein gestärkt. Nach und nach reagiert der Organismus körperlich und seelisch weniger stark auf belastende äußere Reize wie Lärm oder aggressive Äußerungen. Dies sind wichtige Voraussetzungen für das Kind, um sich besser zu konzentrieren zu können.

Wo gibt es Kurse für Progressive Muskelrelaxation?

Entspannung für Kinder ist ein Gebiet, das in den Kindergärten zunehmend angeboten wird. Über den Elternbeirat kann auch ein passendes Kursangebot in der Einrichtung vorgeschlagen werden. Volkshochschulen und weiterführende Schulen bieten ebenfalls Kurse an. Bei vielen Krankenkassen gibt es zudem ein Kursangebot für Entspannungsverfahren. Ausgebildete Entspannungspädagogen können natürlich ebenfalls direkt angesprochen werden. Die Kursgebühren werden oft von Krankenkassen bezuschusst, gerade für Kinder.

Autorin

Susanne Grohs-v. Reichenbach ist ausgebildete Entspannungspädagogin und arbeitet in einem Unternehmen als Kommunikationsmanagerin. Sie bietet Entspannungsverfahren für Kinder und Erwachsene in München an. Zusammen mit ihrem Mann erzieht sie zwei Kinder und engagiert sich seit langem ehrenamtlich für gemeinnützige Zwecke.

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Erstellt am 30. Mai 2005, zuletzt geändert am 5. November 2013